Astor Piazzolla (1921-1882)

Der Vater des Tango Nuevo

Interessant ist, auf welchen Umwegen Piazzolla der Schöpfer des Tango Nuevo wurde: Seine Eltern waren Emigranten italienischer Abstammung. Der Vater zog - in Argentinien glücklos - weiter nach New York, wo er in Greenwich Village einen Friseursalon betrieb:  “Mein Vater hörte ständig Tango und dachte wehmütig an Buenos Aires zurück, an seine Familie, seine Freunde – seine Traurigkeit, sein Ärger und immer nur Tango, Tango [...]”. Piazzolla lernte dem Vater zuliebe das Bandoneon, spielte als junger Mensch auch im berühmten Tango-Orchester des Anibal Troilo, aber tatsächlich interessierte er sich vor allem für Jazz und dann für ernste Musik. Er  hatte Kompositionsunterricht bei Ginastera (1916-83), versuchte Kammer- und Orchestermusik zu schreiben.  

Mit einem Stipendium kam er schließlich nach Paris zu Nadia Boulanger (1887–1979), zu deren Schülern u.a. Grössen wie Copland, Glass, Barenboim, Francaix und die zu Unrecht vergessene Geigenvirtuosin und Komponistin Grazyna Bacewicz gehörten. Beim ersten Treffen verschwieg ihr Piazzolla, daß er Tango gespielt hatte. Er berichtet später: “In Wahrheit, schämte ich mich, ihr zu sagen, daß ich Tangomusiker war, daß ich in Bordellen und Kabaretts von Buenos Aires gearbeitet hatte. Tangomusiker war ein schmutziges Wort im Argentinien meiner Jugend. Es war die Unterwelt.” Als Nadia Boulanger die Partituren von Piazzolla durchblättert, findet sie darin eine Menge Einflüsse von Ravel, Strawinsky, Bartók und Hindemith, und zweifellos auch Qualitäten. Was sie jedoch vermißt, ist eine individuelle Handschrift des Komponisten. Schließlich bittet sie ihn, einen Tango auf dem Klavier zu spielen. Er spielt ihr "Triunfal". Darauf sie:  "Gib das niemals auf. Dies ist Piazzolla. Du kannst Deine ganze andere Musik fortwerfen!” . Sie erklärt, der Tango sei schön, das Bandoneon ein herrliches Instrument und Piazzolla solle auf diesem Wege fortfahren: “Dein Tango ist die neue Musik, und sie ist ehrlich.” So begann der Siegeszug des Tango Nuevo. Wenn Piazzolla dessen Vater ist, so war Nadja Boulanger dessen Geburtshelferin. Und heute kann Piazzolla als einer der grossen Komponisten des vergangenen Jahrhunderts bezeichnet werden, punkto kennzeichnender Handschrift, Vielseitigkeit, Innovation und Popularität einem Vivaldi vergleichbar.