SOKOLOV, Ivan (*1960): Der Komponist über einige seiner Stücke:

    Klavierquintett mit Kontrabass ad lib. (2004, Uraufführung Rüttihubeliade Dez. 2004)
    Leise traurige Streicherklänge... Einfache Melodie des Klaviers... Die Geräusche, die an der Grenze zur Stille sind... Was ist eigentlich die Musik? Und was ist eigentlich nicht die Musik? Ist die Musik nicht alles?  (Ivan Sokolov) 

    Sonate für Violoncello und Klavier (2002)
    Das ist ein Stück, wo die Seele sagt:"Schauen wir, was früher in der Musik war, - vielleicht ist das gar nicht so uninteressant...". Ich ziehe hier einen alten Mantel an, erinnere mich an die 60er und 70er-Jahre, ruhe mich aus von paradoxalen Ideen, von Absurdismus und Epatage. Die Sonate hat vier Sätze (Allegro moderato, Andante, Scherzo Finale) und dauert 30-35 Minuten. Das ist sozusagen "normale" Musik (wie ich diesen Ausdruck verstehe). 

    "Heimat" für Violine und Klavier (2001)
    In diesem Werk wollte ich einerseits die Aktionen, die schauspielerische Begabung von Patricia zeigen. Andererseits wollte ich mit den einfachen Mitteln etwas allgemeines und sozusagen "kluges" sagen... Was denn? Wenn ich das jetzt sage, beschränke ich das Hören dieses Stückes auf gerade diese Idee. Vielleicht gibt es aber noch einen anderen Aussichtspunkt? Die Musik komponieren vielleicht mehrere "Komponisten" - 1.) Gott, 2.) "Komponist", 3.) Die Notation, die von einem Mönch Guido erfunden wurde, 4.) Instrument, 5.) Interpret, 6.) Akustik, - und 7.) der Zuhörer selbst! Alle beeinflussen das Endresultat der Musik, das in den Seelen der Zuhörer entsteht!

    "Erinnerung über Algebra" für Klarinette und Klavier (1999)
    Ein ruhiges Stück, ein wenig naiv, ein wenig tiefsinnig. Die Interpreten diskutieren über das Problem - was ist wichtiger - die Form oder der Inhalt? Die Antwort verliert sich im Dunkeln...

    "Volokos" für Klavier Solo (1988)
    Eigentlich gehört die Erzählung über dieses Stück auch zum Stück. Das war mein erster Versuch, etwas neues zu komponieren. Damals hatte ich viele Werke von Cage, Stockhausen, Kagel gehört und sie haben mich inspiriert, auch etwas freies zu machen. Ich wollte auch wissen - Wer bin ich? Warum komponiere ich? Was will ich damit? Das hört man in diesem kurzen (5 Min.) Stück.

    Ivan Sokolov (19.11.2004)


    Die Geschichte vom Affen und vom goldenen Ball – ein Musikmärchen für Kinder
    Musik von Ivan Sokolov, Story von Leonhard Lenz, Uraufführung Rüttihubeliade, Mittwoch 29. Dezember 2004, Nachmittagskonzert 15:00

    Die Jungen laufen dem klassischen Konzertbetrieb davon. Darum bemühen sich viele Institutionen um die Jungen. Z.B. haben die Berliner Philharmoniker seit Simon Rattle eigene kleine Veranstaltungen wo Kinder musikalisch kreativ mitmachen können. Auch die Rüttihubeliade möchte jedes Mal ein Kinderkonzert ausdenken. Diesmal schreibt Ivan Sokolov als Composer in Residence ein musikalisches Märchen nach einer Handlung des Unterzeichneten. Es richtet sich an Kinder ab vier Jahren, aber auch an grosse Kinder bis 80. Ivan hat in Moskau jahrelang an Vorschulkinder Musik- und Kompositionsunterricht erteilt. Er weiss, wie Kinder Musik machen. 

    Welche Handlung kann ein ganz kleines Kind verstehen? Eigene Erinnerung ans Vorschulalter führt zum Kasperlitheater. An der Basler Herbstmesse war neben Zuckerwatte, Lebkuchen und Karussell das wichtigste die Kasperlebude, ein Füfzgi oder einen Franken kostete der Eintritt. Da sass man in Halstuch und Mäntelchen auf glänzend braun lackierten Holzbänkchen ohne Lehne, frierend und doch der Vorstellung entgegenfiebernd. 

    Ein Klopfen zeigte den Beginn der Vorstellung. Kühn schwingt Kasperli beim Auftritt sein Stoffbein über die Rampe, kräht laut, Hallo ihr Kinder, seid ihr alle da?  Das Ja ist ihm nicht laut genug, dreimal muss man immer lauter JAAAAAA krähen, bis es Kasperli hört mit seiner roten Nase und der Zipfelmütze. Die weitere Handlung? Immer gab es einen Bösewicht - Räuber, Krokodil, was weiss ich. Dann einen Polizisten, eine Grossmutter und eine Hexe. Und Hauptsache – wenigstens für mich - war immer die Schlägerei, in der Kasperli dem Guten wieder zum Durchbruch verhalf.

    So ein Märchen haben wir jetzt gemacht. Die Musiker sind gleichzeitig Kasperlefiguren. Weil sie spielen müssen sorgt ein Sprecher für die Worte. Für den Bösewicht dachten wir zuerst an ein Ungeheuer, einen Dämon. Aber da würden die ganz Kleinen ja Angst bekommen und gar schlecht träumen. So kamen wir auf den Affen, der ist noch freundlich und hat ein Fell zum Anfassen. Dann braucht es einen König, eine Königin, eine Prinzessin, einen Polizisten und etwas was der Affe stehlen kann. Den Figuren gibt der Komponist Leitmotive im Rhythmus ihrer Gangart. Nur dem Affen schreibt er nichts vor, der kann ja nicht Noten lesen. 

    Damit die Kinder sehen, worum es in der Musik geht erhält die Prinzessin gleich Violinunterricht (auf einer Kindergeige). Sie lernt Tonleiter auf und ab, lustiges Dur und trauriges Moll, Melodie, Kanon. Und für ihre Vortragsübung wird der Komponist sie begleiten (auf einem Spielzeugklavier). Natürlich muss eine Schlägerei sein. Aber, wenn die Kinder mithelfen findet alles seine richtige Ordnung und es gibt Tanz und Belohnung für alle.

    Nicht alles wächst auf eigenem Mist: Die Idee mit den Spielzeuginstrumenten ist uns gekommen, nachdem wird die entzückende Musik des Spielzeugorchester von Pascal Comelade kennengelernt haben, ein 1955 geborener katalanischer Musiker und Komponist (empfehlenswert sein Bilderbuch mit CD "Pascal Comelade y su orquesta de instrumentos de juguete", ISBN 84-95951-52-5). Ja, und die Idee mit den Leitmotiven ist natürlich von Wagner.

    Leonhard Lenz 

     

    "Ein Blick auf die Zeit" für Solovioline, Cymbal und Streichorchester
    Dieses Stück fasst musikalisch die Musik- und Weltgeschichte der zwei Jahrtausende nach Christus zusammen. Jedem Jahrhundert ist eine Minute gewidmet. Das hochdramatische und abrupte Ende entlässt den Hörer ins Ungewisse... Ivan Sokolov komponierte dieses Stück für Patricia Kopatchinskaja. Die Uraufführung mit dem Burgdorfer Kammerorchester unter Kaspar Zehnder fand im Jahr 2000 statt. Das Cymbal spielte Patricias Vater Viktor Kopatchinsky. Erstaufführung in Deutschland durch die Jenaer Philharmonie unter Andrey Boreyko am 20.6.2001 mit den gleichen Solisten (L.L.)

     

     

    Start Page