Die Rheinpfalz vom 11.9.2008
"Ich muss mich identifizieren" - Patricia Kopatchinskaja über ihr Konzert in der Fruchthalle heute Abend
Zum Auftakt der Sinfoniekonzert-Reihe in der Fruchthalle gastiert heute Abend, 20 Uhr, die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Chefdirigent Ari Rasilainen zusammen mit der international renommierten Geigen-Solistin Patricia Kopatchinskaja. Unser Mitarbeiter Reiner Henn sprach mit der gefragten 31-jährigen Künstlerin über das zur Aufführung kommende zweite Violinkonzert von Bela Bartok und ihre Musikauffassung.
Frau
Kopatchinskaja, was ist für Sie das besondere an diesem Violinkonzert?
Dieser Koloss von
sinfonischen Ausmaßen verlangt dem Solist, Orchester und
Publikum alles nur Erdenkliche ab, ist zur Zeit des Zweiten
Weltkrieges entstanden und drückt alle Facetten menschlicher
Regung aus. Für mich ist es eines der schwierigsten Solo-Werke
der Geigen-Literatur, die ich kenne.
Welcher
interpretatorische Aspekt erscheint Ihnen besonders wichtig?
Alles, was ein
Mensch nur fühlen kann, alle Gefühlsebenen können hier
durchlebt werden. Das Werk ist Spiegelbild der menschlichen Seele.
Dieses Konzert liegt mir besonders am Herzen, vor allem wegen seiner
folkloristischen Elemente.
Wie sieht Ihr
sonstiges Repertoire aus?
In etwa 100
Solo-Konzerten jährlich international liegt mir die
zeitgenössischeKonzertliteratur für Violine besonders am
Herzen. Bei der Standardliteratur spiele ich bevorzugt Werke von
Haydn, Mozart, Beethoven, dann Mendelssohn, Brahms, Tschaikowsky oder
Sibelius - aber auch Robert Schumann. Dagegen bewusst nicht Johann
Sebastian Bach, Bruch oder Dvorak. Denn ein Werk muss mich
berühren, ich muss das Gefühl haben, in ihm etwas
persönliches ausdrücken zu können. Konzert-Anfragen
für Aufführungen mit Solo-Konzerten, die nicht zu meinem
festen Repertoire gehören, habe ich daher schon abgelehnt; ich
muss mich mit dem Werk identifizieren können.
Sie haben
bislang keine CD-Aufnahme mit Ihrem Konzert-Repertoire gemacht. Warum nicht?
Meine erste CD
habe ich erst jetzt mit der Kreutzer- und Ravel-Sonate gemacht, also
reine Kammermusik. Die Solokonzerte leben nach meiner Auffassung
dagegen gerade von der Faszination und Inspiration des Augenblicks,
von der Einmaligkeit und der sich übertragenden Spannung; ja
sogar von Magie und einer Art Kommunikation zwischen Interpret und
Publikum. Das kann man nur im Konzert so erleben.
Welche
Erfahrungen machen Sie ohnehin bei Ihren Konzerten?
In den großen
Kulturzentren wie beispielsweise Wien, Paris oder New York sehe ich
bei meinen Konzerten eine steigende Tendenz. In Frankfurts "Alter
Oper" fand mein Konzert zuletzt ebenfalls beste Resonanz.
Rückläufige Besucherzahlen gelten nach meiner
Einschätzung eher für kleinere Städte.
Wie und wo sind
Sie mit Musik zuerst in Berührung gekommen?
Ich bin in
Moldawien in einer Familie aufgewachsen, in der die Eltern auf Geige
und Zimbalon (eine Art Hackbrett) folkloristische Musik gepflegt
haben. Danach habe ich in Wien Violine und Komposition studiert und
studierte in Bern weiter.
Welches
Instrument spielen Sie?
Eine italienische
Geige von Pressenda aus dem Jahr 1834, die mit ihrem dunklen Timbre
meiner Klangvorstellung entspricht.