Tiefstes
Musikstück des 20. Jahrhunderts
Violinistin
Patricia Kopatchinskaja von "Kafka-Fragmenten" überwältigt
Von Anastasia Poscharsky-Ziegler in "Der Neue Tag- Oberpfälzischer Kurier", 16.04.2008: Mit den "Kafka-Fragmenten", vertont für Sopran und Violine vom für unsere Zeit wesentlichen Komponisten György Kurtag (* 1926), stimmt der Förderkreis für Kammermusik - einen Tag früher als einst geplant - am 17. April (20 Uhr) in der Max-Reger-Halle) auf die 24. Weidener Literaturtage ein. Hoch gelobt für ihre Auftritte in Basel und Amsterdam interpretieren die Linzer Sopranistin Anna Maria Pammer und die moldawische Ausnahme-Violinistin Patricia Kopatchinskaja das knapp einstündige Werk, das der Stimme alles abverlangt. Die Geigerin spielt mit verschiedenen gestimmten Instrumenten an verschiedenen Punkten im Saal. Das Opus gilt als eine der aufregendsten Kompositionen zeitgenössischer Musik und wurde 1987 uraufgeführt. Die Kulturredaktion sprach mit der moldawischen Ausnahmegeigerin.
Patricia
Kopatchinskaja, Sie kamen als Teenager mit Ihrer Familie, drei
Koffern und einem Hund aus dem "Land ohne Lächeln",
aus Moldawien in den Westen. Wird hier wirklich mehr gelächelt?
Kopatchinskaja:
Ich lebe mit meiner Familie in Bern, und habe mich seit 17 Jahren im
Westen schon an das Lächeln der Leute gewöhnt. Am Anfang
erstaunte es mich wirklich, erst später merkte ich dass es nicht
an bedingungsloser Freundlichkeit lag, sondern eher Gewohnheit ist.
In Moldawien wollte damals niemand was verkaufen, es gab keinen Markt
und keine Demokratie, dafür viele Verbote und Tabus. Niemand
brauchte ein Lächeln, um etwas anzupreisen, - dafür war ein
Lächeln noch zutiefst echt gemeint.
Das Konzerthaus
Dortmund hat Sie in die Reihe "Junge Wilde" aufgenommen.
Wie einst die englische Sängerin Sandie Shaw treten Sie bei
Ihren Bühnenauftritten immer barfuß auf - ist das mehr als
ein spektakulärer Gag?
Kopatchinskaja:
Überhaupt kein Gag, - einfach Bequemlichkeit. Einmal hatte ich
vergessen, die Konzertschuhe für die Reise einzupacken. Barfuss
war so bequem, und unbequeme Schuhe auf der Bühne sind schlimm.
So habe ich die Schuhe abgeschafft und bekomme trotzdem Konzerte.
Wenn ich mal die richtigen Schuhe fände, würde ich nicht
zögern sie anzuziehen.
Sie möchten
klassische Musik auch für ein breites Publikum in entspannter
Atmosphäre attraktiv machen. Gelingt Ihnen das - inmitten der
starren Regeln des klassischen Konzertbetriebs, der ganz klar auf
Elite setzt?
Kopatchinskaja:
Die Starrheit der Regeln zeigt sich ja schon daran, dass so etwas
Nebensächliches wie "Barfussspielen" ein derart
starkes Interesse weckt. Ich hoffe, die Zeit der Erstarrung der
Klassik ist vorbei.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte man sich spätestens mit Jaqueline du Prés oder Leonard Bernstein unter klassischer Musik mehr als nur ein Ritual der richtig abgespielten Tönen vor. In der Klassik geht es doch auch um Menschen und Ihre Geschichten, genau wie in allen anderen Musikrichtungen. Wieso soll diese Musik elitär sein? Nur ist es um einiges leiser als in einer Diskothek. Man hört ihr ruhig und sitzend in einem schönen Konzertsaal zu. Ein Problem des klassischen Betriebs ist, dass man vielen potentiellen Musikliebhabern nicht nahe bringen kann, dass sie es zumindest einmal in Ihrem Leben versuchen, in ein Konzert zu gehen und ihre Herzen öffnen.
Sie
interpretieren Kurtags "Kafka-Fragmente" nicht zum ersten
Mal mit der angesehenen Sängerin Anna Maria Pammer. Die Kritiken
überschlugen sich jedes Mal vor Lob. Was denken Sie selbst
über das Werk?
Kopatchinskaja:
Ja, ich durfte mit Anna Maria Pammer, einer hochintelligenten,
spannenden, fantastischen Kafka-Interpretin schon sehr oft
zusammenspielen. Ich denke auch sie wird meine Meinung teilen - es
ist eines der besten, tiefsten, wichtigsten Stücke der
Musikliteratur des 20.Jahrhunderts. Jedes mal sind wir vollkommen
überwältigt. Die Genialität Kurtags liegt
wahrscheinlich in seiner unverwechselbaren Lakonik. Nackte und
unverhüllte Essenz. Man findet immer wieder neue Abgründe,
es ist erstaunlich, wieviel in diesem Stück vergraben ist,
musikalisch und literarisch. Eine Begegnung zweier Genies über
ein Tagebuch. Ich glaube auch, nie davor und danach etwas
Schwierigeres auf der Geige gespielt zu haben.
Kurtag
wählte willkürlich vierzig Textstellen aus Franz Kafkas
Briefen, Tagebüchern und Fragmenten aus, um sie dann als
Einzelstücke, die wenige Sekunden bis höchstens fünf
Minuten dauern, musikalisch sehr frei darzustellen. Arbeiten Geige
und Singstimme miteinander - oder gegeneinander?
Kopatchinskaja:
Mit-, gegen-, neben- und auseinander! Er braucht alle Facetten des
Zusammenspiels. Die Ausdruckspalette ist unendlich. Karikatur,
feinster Hauch von Andeutung, momentanes Geschehen, Abstraktion, es
reichen keine Worte um das Stück zu erklären, man muss es
eben spielen und hören. Die Geige verdeutlicht den Sinn des
Textes, gibt eine Plattform, auf der sich die Stimme entfaltet,
inmitten des grössten Kampfes gegen die unmenschlichen
technischen Schwierigkeiten der Ausführung. Ein harter Brocken
für alle Beteiligten und doch einer der höchsten
Genüsse für Kunstverständige.
Haben Sie eine
Lieblingsstelle in den Fragmenten? "Es zupft mich jemand am
Kleid" oder "Einmal brach ich mir das Bein"?
Kopatchinskaja:
Ich liebe jedes einzelne Stück. Wir haben etliche Zitate aus
diesem Stück in unseren Alltag übernommen - wie zum
Beispiel "geschlafen! aufgewacht! - elendes Leben" oder
"Coitus. Die Bestrafung der Liebe", und so weiter.
Hatten Sie
schon Kinder im Publikum bei diesem Stück? Wie haben die reagiert?
Kopatchinskaja:
Kinder im Publikum sind eher selten... aber, wenn ich mich nicht
täusche, habe ich das Stück einmal schwanger gespielt und
meine Tochter hat ziemlich heftig darauf reagiert, - aber sie ist
auch sonst ein Dauerenergiebündel.
Kann man nach
so einem eigenwilligen Werk eine Zugabe geben - und wenn ja, welche?
Kopatchinskaja:
Nein, nach so einem Stück braucht es keine Zugabe. Das Publikum
und die Spieler sind sowieso schon voller Eindrücke. Die
tiefsten Gedanken werden alle paar Sekunden in die Gehirne geworfen,
wie das frische Fleisch aus dem Schlachthof. Wozu noch eine Zugabe,
wenn man den Hauptgang kaum verdauen kann?