Eine Musik wie ein ganzes Leben
Sopran und
Violine: ein Gespräch vor dem Konzert
Heute
Dienstagabend werden die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die
Sopranistin Anna Maria Pammer in Zürich György
Kurtágs grossen Zyklus der «Kafka-Fragmente» op. 24
aufführen. Alfred Zimmerlin hat sie zum Gespräch getroffen.
Frau Kopatchinskaja, Sie haben vor zwei Jahren den Credit Suisse
Group Young Artists Award gewonnen. Hat der Preis Ihr Leben verändert?
Patricia Kopatchinskaja: Ich glaube, ich bin in der typischen
Situation einer Musikerin, die das Glück gehabt hat, einen
tollen Start zu haben. Ich bin für den Preis sehr dankbar, er
hat mir sehr geholfen. Meine Agenda ist voll. Das Schwierige kommt
erst: Jetzt muss man versuchen, auch sich selber zu verstehen, was
man eigentlich will damit. Was will ich auf der Bühne?
Besonders, wenn ich auf einer grossen Bühne stehe?
Und was wollen Sie?
Ich weiss es erst auf der Bühne. Es ist nicht etwas, das aus
meinem Kopf kommt. Die Angst, die ich vorher empfinde, kommt nicht
von der Angst, dass mir etwas nicht gelingt. Die Angst ist: Habe ich
es verdient, dazustehen und diese Menschen zwei Stunden lang zu
unterhalten? Ich muss ihnen etwas sagen!
Hat der Preis auch Ihr Repertoire beeinflusst?
Vorher war mir nicht bewusst, dass ich kein «normales»
Repertoire habe. Ich habe einfach sehr gerne moderne Musik gespielt,
und es ist mir oft gelungen. Ich liebe es, Komponisten, die heute
leben, zu fragen, wie etwas zu spielen ist, und ich gebe mein Bestes
dabei. Nach dem Preis musste ich mich an die toten Komponisten
wenden, Beethoven, Bartók, Strawinsky und Berg lernen. Das war
interessant, aber es ist eine neue Art zu arbeiten. Vor allem auf
Perfektion. Ich darf jetzt nicht mehr so viel riskieren wie vorher.
Aber Sie tun es trotzdem.
Ich kann nicht anders! Ich bin so. Vielleicht hat das mit dem
Lampenfieber zu tun: Es gibt bei den Tieren drei Arten, sich in einer
Gefahrensituation zu verhalten. Das erste stellt sich tot, das zweite
läuft weg, und das dritte greift an. Ich bin ganz sicher ein
Angreifertyp. Wenn ich Gefahr spüre, dann gehe ich einfach vorwärts.
Wenn Sie konzertieren, fällt auf, dass Sie auch eine
Musikdarstellerin sind. Hat das etwas mit Ihrer Herkunft aus
Moldawien zu tun?
Ich weiss es nicht. Meine Mutter spielt Volksmusik, sie bewegt sich
überhaupt nicht, und trotzdem hat sie Leben in ihrer Musik. Das
bin einfach ich. Viele haben gesagt, beweg dich doch nicht so, das
ist nicht gut, besonders bei Mozart. Aber bitte, ich muss doch diese
Angst zeigen, sonst muss ich erstarren! Cecilia Bartoli hat mich sehr
beeindruckt. Als ich sah, wie sie sang, wusste ich: Nein, ich werde
mich jetzt nicht ändern. Ich bin so, wie ich bin, und wer mich
nicht mag, muss nicht in meine Konzerte kommen. Ich habe grossen
Respekt vor einem Notentext, aber die Leute im Publikum müssen
eine Geschichte erleben, etwas, das jetzt passiert. Sonst hat es gar
keinen Sinn, dass ich da auf dieser Bühne stehe.
Nun arbeiten Sie beide am grossen Zyklus
«Kafka-Fragmente» von György Kurtág. Wie kam es
zu Ihrer Zusammenarbeit?
Anna Maria Pammer: Wir haben vor ungefähr zwei Jahren die Chance
gehabt, das Werk für ein Konzert in Linz in Österreich
einzustudieren. Bei dieser Gelegenheit haben wir uns künstlerisch
kennen gelernt. Dann konnten wir die «Kafka- Fragmente»
mit Kurtág selber durchgehen, was natürlich toll war.
Kopatchinskaja: Er kam eigentlich nur, um etwa zwanzig Minuten
abzuhören - ein Drittel des Stücks. Dann hat er gesagt:
Weiter, weiter, weiter . . . und blieb dreieinhalb Stunden!
Pammer: Er hat ja den Ruf, anspruchsvoll und streng zu sein, war aber
ganz phantastisch. Es war sehr interessant, zu erleben, wie stark er
in der Tradition steht und gerade daraus seine Eigenständigkeit
entwickelt hat. Oft sagte er: Das ist doch Brahms, das ist Bach und
das ist Bartók, da ist dieses Volkslied und so weiter. Ein
richtiges Bekenntnis zu den Wurzeln. Dann war einmalig, wie er uns
beiden nicht nur erklären konnte, was die musikalische Aussage
ist, sondern auch wie man dort hinkommt. Er konnte jeder von uns
zeigen, wie man so etwas üben soll.
Kopatchinskaja: Er hat sich wirklich mit unseren Personen
auseinandergesetzt, hat uns wahrgenommen und verstanden, wie wir
sind. Wir scheinen den Kern dessen, was das Stück ist, erfasst
zu haben, sonst hätte er wahrscheinlich nicht so reagiert.
Was ist für Sie das Besondere an diesem Werk?
Pammer: Die Treffsicherheit. Wie Text und Musik hundertprozentig zusammenpassen.
Kopatchinskaja: Die einzelnen Stücke sind miteinander fast gar
nicht verbunden. Aber das ist nur scheinbar willkürlich. Das ist
irgendwie wie ein ganzes Leben, oder?
Pammer: Mit Hoch und Tief und allem. Die Texte stammen ja auch aus
den Tagebüchern und Briefen von Kafka und sind schon sehr
lebensnah. Bis zum Tod und darüber hinaus.
Konzert Zürich, 3. Februar, Semper-Aula der
ETH, 19 Uhr 30.