Neue Zürcher Zeitung, 3. Februar 2004


    Eine Musik wie ein ganzes Leben

    Sopran und Violine: ein Gespräch vor dem Konzert

    Heute Dienstagabend werden die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Sopranistin Anna Maria Pammer in Zürich György Kurtágs grossen Zyklus der «Kafka-Fragmente» op. 24 aufführen. Alfred Zimmerlin hat sie zum Gespräch getroffen.
     

    Frau Kopatchinskaja, Sie haben vor zwei Jahren den Credit Suisse Group Young Artists Award gewonnen. Hat der Preis Ihr Leben verändert?

      Patricia Kopatchinskaja: Ich glaube, ich bin in der typischen Situation einer Musikerin, die das Glück gehabt hat, einen tollen Start zu haben. Ich bin für den Preis sehr dankbar, er hat mir sehr geholfen. Meine Agenda ist voll. Das Schwierige kommt erst: Jetzt muss man versuchen, auch sich selber zu verstehen, was man eigentlich will damit. Was will ich auf der Bühne? Besonders, wenn ich auf einer grossen Bühne stehe?

    Und was wollen Sie?

      Ich weiss es erst auf der Bühne. Es ist nicht etwas, das aus meinem Kopf kommt. Die Angst, die ich vorher empfinde, kommt nicht von der Angst, dass mir etwas nicht gelingt. Die Angst ist: Habe ich es verdient, dazustehen und diese Menschen zwei Stunden lang zu unterhalten? Ich muss ihnen etwas sagen!

    Hat der Preis auch Ihr Repertoire beeinflusst?

      Vorher war mir nicht bewusst, dass ich kein «normales» Repertoire habe. Ich habe einfach sehr gerne moderne Musik gespielt, und es ist mir oft gelungen. Ich liebe es, Komponisten, die heute leben, zu fragen, wie etwas zu spielen ist, und ich gebe mein Bestes dabei. Nach dem Preis musste ich mich an die toten Komponisten wenden, Beethoven, Bartók, Strawinsky und Berg lernen. Das war interessant, aber es ist eine neue Art zu arbeiten. Vor allem auf Perfektion. Ich darf jetzt nicht mehr so viel riskieren wie vorher.

    Aber Sie tun es trotzdem.

      Ich kann nicht anders! Ich bin so. Vielleicht hat das mit dem Lampenfieber zu tun: Es gibt bei den Tieren drei Arten, sich in einer Gefahrensituation zu verhalten. Das erste stellt sich tot, das zweite läuft weg, und das dritte greift an. Ich bin ganz sicher ein Angreifertyp. Wenn ich Gefahr spüre, dann gehe ich einfach vorwärts.

    Wenn Sie konzertieren, fällt auf, dass Sie auch eine Musikdarstellerin sind. Hat das etwas mit Ihrer Herkunft aus Moldawien zu tun?

      Ich weiss es nicht. Meine Mutter spielt Volksmusik, sie bewegt sich überhaupt nicht, und trotzdem hat sie Leben in ihrer Musik. Das bin einfach ich. Viele haben gesagt, beweg dich doch nicht so, das ist nicht gut, besonders bei Mozart. Aber bitte, ich muss doch diese Angst zeigen, sonst muss ich erstarren! Cecilia Bartoli hat mich sehr beeindruckt. Als ich sah, wie sie sang, wusste ich: Nein, ich werde mich jetzt nicht ändern. Ich bin so, wie ich bin, und wer mich nicht mag, muss nicht in meine Konzerte kommen. Ich habe grossen Respekt vor einem Notentext, aber die Leute im Publikum müssen eine Geschichte erleben, etwas, das jetzt passiert. Sonst hat es gar keinen Sinn, dass ich da auf dieser Bühne stehe.

    Nun arbeiten Sie beide am grossen Zyklus «Kafka-Fragmente» von György Kurtág. Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit?

      Anna Maria Pammer: Wir haben vor ungefähr zwei Jahren die Chance gehabt, das Werk für ein Konzert in Linz in Österreich einzustudieren. Bei dieser Gelegenheit haben wir uns künstlerisch kennen gelernt. Dann konnten wir die «Kafka- Fragmente» mit Kurtág selber durchgehen, was natürlich toll war.

      Kopatchinskaja: Er kam eigentlich nur, um etwa zwanzig Minuten abzuhören - ein Drittel des Stücks. Dann hat er gesagt: Weiter, weiter, weiter . . . und blieb dreieinhalb Stunden!

      Pammer: Er hat ja den Ruf, anspruchsvoll und streng zu sein, war aber ganz phantastisch. Es war sehr interessant, zu erleben, wie stark er in der Tradition steht und gerade daraus seine Eigenständigkeit entwickelt hat. Oft sagte er: Das ist doch Brahms, das ist Bach und das ist Bartók, da ist dieses Volkslied und so weiter. Ein richtiges Bekenntnis zu den Wurzeln. Dann war einmalig, wie er uns beiden nicht nur erklären konnte, was die musikalische Aussage ist, sondern auch wie man dort hinkommt. Er konnte jeder von uns zeigen, wie man so etwas üben soll.

      Kopatchinskaja: Er hat sich wirklich mit unseren Personen auseinandergesetzt, hat uns wahrgenommen und verstanden, wie wir sind. Wir scheinen den Kern dessen, was das Stück ist, erfasst zu haben, sonst hätte er wahrscheinlich nicht so reagiert.

    Was ist für Sie das Besondere an diesem Werk?

      Pammer: Die Treffsicherheit. Wie Text und Musik hundertprozentig zusammenpassen.

      Kopatchinskaja: Die einzelnen Stücke sind miteinander fast gar nicht verbunden. Aber das ist nur scheinbar willkürlich. Das ist irgendwie wie ein ganzes Leben, oder?

      Pammer: Mit Hoch und Tief und allem. Die Texte stammen ja auch aus den Tagebüchern und Briefen von Kafka und sind schon sehr lebensnah. Bis zum Tod und darüber hinaus.

    Konzert Zürich, 3. Februar, Semper-Aula der ETH, 19 Uhr 30.