Ulrike  Lampert in Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Ausgabe September/Oktober 2007 

    Die Essenz des Unaussprechlichen
    Patricia Kopatchinskaja, Musikerin

    Am 12. Oktober, wenn das RSO Wien und Bertrand de Billy im Großen Musikvereinssaal in die neue Saison starten, tritt als Solistin von Otto Zykans Violinkonzert eine singuläre Erscheinung an: Patricia Kopatchinskaja, eine wie keine, keine Geigerin – eine Musikerin, wie sie sich bevorzugt bezeichnet, denn das Instrument allein macht sie noch lange nicht aus. Ihre Wurzeln in der Volksmusik, ihr musikalischer Ur-Instinkt und ihre schier grenzenlos scheinende Energie geben ihr in der Maschinerie des harten Musikgeschäfts den besten Halt, und das hört, sieht, spürt man.

    Menschen und also auch Künstlern mit Worten gerecht zu werden ist mitunter keine leichte Übung, man muss sie erleben. Patricia Kopatchinskaja zählt zweifellos dazu. Was Wunder, wenn allerorten Bilder bemüht werden, Journalisten sie ein „schönes Biest, ein wildes Katzentier mit Geige“ nennen oder einer ihrer Lehrer von einem „Diamanten, den man nicht schleifen kann“ spricht. Hinzu kommt der Umstand, dass sie sich gegen jegliche Schubladisierung verwehrt und sich nicht in Kategorien packen lässt, sich weder als „Star“ fühlt noch zu einem solchen werden möchte. Schwierig also, Worte zu finden, schwierig auch für sie selbst, wenn es darum geht zu benennen, was es denn für sie bedeutet, Musikerin zu sein: „Musikmachen“, sagt sie, „ist für mich die Essenz des Unaussprechlichen.“

    Nüchterne Fakten
    Ihr künstlerischer Werdegang freilich lässt sich bestens in die im Musikbetrieb gängigen, ausschlaggebenden wiewohl nüchternen Worte fassen: 1977 in Moldawien geboren, Vater und Mutter Musiker, Studien in Violine zunächst in der Heimat, dann in Wien, schließlich in Bern bei so prominenten Lehrern wie Igor Ozim, in Komposition bei Iván Eröd; 2000 Erster Preis beim Internationalen Henryk-Szeryng-Wettbewerb in Mexiko, 2002 Auszeichnung mit dem International Credit Suisse Group Young Artist Award, 2002/03 Österreichs „Rising Star“, 2004 „New Talent – SPP Award“ der EBU, 2006 Förderpreis Deutschlandfunk; Konzerte mit den Wiener Philharmonikern, dem Philharmonia Orchestra London, dem NHK Symphony Orchestra Tokyo, mit Mariss Jansons, Sir Roger Norrington, Krzysztof Penderecki, Kammermusik mit Alexei Lubimov, Mihaela Ursuleasa, Thomas Demenga, Heinrich Schiff; Uraufführungen für sie komponierter Werke von Johanna Doderer, Otto Zykan, Gerald Resch, Gerd Kühr, demnächst auch von Jürg Wyttenbach und Fazil Say; Wiener Musikverein, Concertgebouw Amsterdam, Carnegie Hall New York, Suntory Hall Tokyo, Lucerne Festival, Salzburger Festspiele, Wiener Festwochen, Lockenhaus, Delft, Kuhmo &ldots;

    Von den Möglichkeiten -
    Ich würde jetzt vielleicht Kartoffeln verkaufen, wenn meine Eltern nicht den Mut gehabt hätten, ein neues Leben in der Ferne zu riskieren“, blickt Patricia Kopatchinskaja realistisch auf die Möglichkeiten, die sich ihr nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im verarmten Moldawien geboten hätten – und füllt die künstlerisch-biographischen Fakten mit Leben auf, ihrem Leben, das dahintersteckt. In ihrer Kindheit war sie mit dem Volksmusikensemble ihre Eltern – die Mutter Geigerin, der Vater Cymbalist – unterwegs durch die sowjetischen Republiken, und so wurde ihr „die Volksmusik in das Blut eingegossen“, wie sie es ausdrückt. Als sie mit dreizehn Jahren nach Wien kam, ergaben sich völlig neue Perspektiven. „In Wien war die größte Chance das Kompositionsstudium, die Begegnung mit den beiden Wiener Schulen, der Nachklang der Monarchie und der Duft des Wiener Walzers.

    Und natürlich die fantastischen Violinprofessoren, bei denen ich studieren durfte.“ Unter den vielen Faktoren, die eine Karriere zur Karriere machen, misst sie den errungenen Preisen und Auszeichnungen nur eine sehr kleine Rolle bei. Doch haben sie Möglichkeiten eröffnet, und für diese ist sie dankbar. Konzerte mit den Wiener Philharmonikern und Mariss Jansons beim Lucerne Festival oder auch mit dem „unerhört inspirierten“ Dirigenten Sakari Oramo und seinem Finnischen Radio-Symphonieorchester waren Möglichkeiten dieser Art.

    - und Wahrheiten eines Lebens
    Dass Patricia Kopatchinskaja beim Blick auf die junge Geiger-Generation im besten Sinne völlig aus der Reihe tanzt, ist nicht zu übersehen und vor allem auch nicht zu überhören. Das mag an ihren Wurzeln in der Volksmusik liegen und auch daran, dass sie sich – trotz „klassischer“ Ausbildung – nie in eine Form hat pressen lassen und sich ihren viel zitierten musikalischen Ur-Instinkt erhalten hat. Ob die große Anzahl an Lehrern, die sie im Laufe der Jahre unterrichtet haben, auch darin begründt liegt, sei dahingestellt. Ganz grundsätzlich will sie „einfach ich selbst sein. Es ist nicht meine Aufgabe, mich mit anderen zu vergleichen oder mich bewusst von anderen zu unterscheiden“, hält sie fest und erzählt: „Es gibt einen Bericht über einen jungen Gorilla, der so lange auf einem Paraffinfass getrommelt hat, bis er den alten großen Führer seiner Horde abgesetzt hat und selber der Führer geworden ist.

    Danach trommelte er nie wieder. Vielleicht liegt es im unserem Tiersein tief drin, dass man als junger Mensch zuerst die große Glocke läutet und im Alter die Ausgeglichenheit sucht und an beides als definitive Wahrheiten glaubt. Oft realisiere ich erst im Nachhinein, wie sehr ich oppositionell spiele, finde das aber ein nötiges Gewürz in der allgemeinen Langeweile.“

    Sprühende Energie 
    Gefahr vor Langeweile gibt es bei Patricia Kopatchinskaja wahrlich nicht, sie selbst und ihr Musizieren sind geprägt von einem überwältigenden Maß an sprühender Energie und unglaublicher Intensität, das dem Zuhörer sprichwörtlich den Atem raubt. Auf die Frage, woher sie diese Energie nimmt, hat sie eine denkbar einfache Antwort: „Energie kommt wohl von Gott, und man muss schauen, dass man sie nicht dumm verpufft. Wenn man eine Patrone in offenes Feuer wirft, gibt es nur einen ,Pfupf‘,wenn man sie aber aus einem Gewehr abschießt, hat sie echte Kraft. So lernte ich mit der Zeit, meine Energie zu bündeln und zielgerichtet zu verwenden.“

    Worauf es ihr beim Musizieren ankommt, ist „auf gar keinen Fall nur das Wiedergeben der richtigen Töne oder die allgemein standardisierte Auffassung. Das Konzertpublikum hat ja das meiste schon oft von traditionsbewussten Meistern gehört, oft gepresst auf Aufnahmen. Da finde ich es interessanter – mit dem größten Respekt vor dem Komponisten und mit allem Zubehör wie Stil –, meine eigene Sicht des Stückes zu erzählen. Man staunt, wie frisch plötzlich die Farben eines jahrhundertelang hängenden bekannten Bildes nach einer Restaurierung sind. Nach dem Diktum von Diaghilew, ,Etonnez-moi‘ (,Erstaunen Sie mich‘) möchte ich auch mit bekannten Werken überraschen, sie für die Ohren der Zuhörer aktualisieren.“ Und das tut sie, in jedem einzelnen Konzert aufs Neue. Das Publikum sieht sie dabei als „gleichwertigen Kommunikationspartner. Ein gut zuhörendes, interessiertes Publikum ist unendlich viel Wert. Da kann man sehr viel wagen und auf ein Echo hören.“

    Leidenschaft für Neues 
    Das Repertoire, das Patricia Kopatchinskaja parat hat, sucht seinesgleichen, im Umfang wie auch in der Vielfalt. Und obwohl sie, man erinnert sich, nicht in eine Schublade gesteckt werden möchte, spricht sie eine besondere Leidenschaft deutlich an – die Leidenschaft für Neues, für die Musik der Zeit, in der sie lebt. „Ein neues Stück gemeinsam mit dem Komponisten auf die Welt zu bringen ist ein sehr eigenartig besonderes und mit nichts zu vergleichendes Privileg“, schwärmt sie. „Ich glaube, dass auch meine eigene Erfahrung mit dem Komponieren mich offen, neugierig und bereitwillig gemacht hat, den Komponisten eher zu ermutigen als zu entmutigen, Dinge zu tun, die vielleicht auf den ersten Blick ungewöhnlich und daher unmöglich erscheinen.“ So erzählt sie beispielsweise von ihrer tagelangen Suche in der ganzen Stadt, der Suche nach etwas Metallischem, das den Klang, den Gerd Kühr sich vorstellte, produzieren könnte – bis sie auf einen Metallfingerhut stieß, der genau auf ihren Finger passte. An die Begegnungen und Arbeitsphasen mit den vielen Komponisten denkend, die für sie geschrieben haben, stellt sie fest: „Was bin ich für ein glücklicher Mensch, dass ich all das kreieren darf!“

    Die Kunst des Gebärens 
    Zum Violinkonzert „Da drunten im Tale“, 2004 von Otto Zykan für sie komponiert, hat Patricia Kopatchinskaja eine Menge zu sagen, die Vorbereitungen für die Uraufführung bei den Klangspuren Schwaz jenes Jahres sind ihr in lebhaftester Erinnerung geblieben: „Otto schrieb das Konzert wahnsinnig schnell und lieferte die Noten im Sommer 2004 samt sich selbst. Er machte sich sofort an die Arbeit, ließ mich nichts anderes üben, obwohl ich noch etwa fünf andere Konzerte neu zu lernen hatte. Er begleitete mich am Klavier und übte mit mir wie ein Tennistrainer – in einer früheren Lebensphase hatte er ja als Tennislehrer gearbeitet. Dauernd machte er sich furchtbare Sorgen, dass dies oder jenes nicht optimal klingen könnte, machte oft sofort Korrekturen."

    "Er kam mir vor wie eine schwangere Frau – und ich mir wie die Hebamme.“ Ein zutiefst menschlicher Prozess also, und als ebenso menschlich muss wohl die Spannung eingestuft werden, die sich in jenem Sommer dermaßen hochschaukelte, „dass ich ihm verbieten musste, vor dem Konzert ins Künstlerzimmer zu kommen. Es war wahrscheinlich die intensivste Zusammenarbeit in meinem Leben. Jedes Mal, wenn ich seine Musik spiele, muss ich mit einer lächelnden Träne an diesen Sommer denken. Dieses Violinkonzert empfinde ich als in der Tradition der zweiten Wiener Schule stehend, ein weitausgelegtes Stück, mit in die rhythmischen Zykanessen hineinschwimmendem Schönklang. Fantastische Stellen mit Schlagwerk und der Choral mit dem umgedrehten Bogen – das macht das Konzert sehr besonders. Wenn man sich fragt, was eigentlich nach Bergs Violinkonzert kommt, dann sag ich Zykan!“

    (Konzert: Freitag, 12. Oktober 2007, RSO Wien, de Billy, Zykan Violinkonzert)

     

 

 

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