Meine Augen schauen in die Zukunft - Fremde und Heimat: Patricia Kopatchinskaja über ihre Wurzeln, Volksmusik und deren Beziehung zur Klassik
Interview von
Tobias Hall, Münchner Merkur, 4.1.2011
Heimat lautet das Thema, mit dem sich Geigerin Patricia Kopatchinskaja auf ihrer jüngsten CD auseinandersetzt (siehe Kurzkritik) und das nun auch das Programm der aktuellen Tournee bestimmt, auf der sie unter anderem von ihren Eltern musikalisch begleitet wird inklusive drei Stationen im Münchner Umland. Bei einer international viel beschäftigten Künstlerin geboren in Moldawien, aufgewachsen in Wien und nun in Bern sesshaft drängt sich da natürlich eine Frage besonders auf.
Wo ist heute
für Sie Heimat?
Das frage ich mich
auch oft. Und die beste Antwort, die mir einfällt, ist
eigentlich die: auf der Bühne und in den Stücken, die ich
spiele. Alles andere ist ein Provisorium. Außer meiner Familie
selbstverständlich, die mir absolut alles bedeutet. Ich stelle
mir das so vor. Unser Körper bewegt sich und ist jeden Tag
woanders. Die Seele dagegen, die schwebt über allem und
versucht, ihren Ort zu finden. Und dieser Ort ist für mich in
der Musik.
Das ist bei
vielen Künstlern die Standardantwort.
Aber so ist es
eben. Ich habe überhaupt keine Probleme mit solchen Klischees,
weil oft etwas Wahres in ihnen steckt. Deswegen entstehen sie ja.
Trotzdem muss
es schwierig gewesen sein, die Heimat so jung hinter sich zu lassen.
In meiner
Generation ist das nicht ungewöhnlich. Fast alle klassischen
Musiker aus dem ehemaligen Ostblock, die Karriere gemacht haben,
mussten davor emigrieren. Kirill Petrenko zum Beispiel auch. Wenn ich
in Moldawien geblieben wäre, dann würde ich heute
vielleicht Kartoffeln auf dem Markt verkaufen. Oder ich wäre mit
einem Oligarchen verheiratet. (Lacht) Da gibt es ja inzwischen mehr
Banken als in der Schweiz.
Auf Ihrer neuen
CD spielen Sie dennoch fast ausnahmslos Musik aus Ihrem Geburtsland.
Das, was man auf
der CD findet und was jetzt auch im Konzert zu hören sein wird,
ist für mich sehr wertvoll. Es ist sozusagen ein Stück von
mir und von meiner Vergangenheit. Ich bin definitiv kein Volksmusiker
wie meine Eltern. Aber wenn man wie ich in einer Familie
aufwächst, bei der im Zimmer nebenan eigentlich permanent
traditionelle Volksmusik gemacht wird, da kommt man nicht daran
vorbei. Auch wenn man Distanz wahren will und ein klassisches Studium
absolviert. Es ist eben ein wichtiger Teil von dem, was mich ausmacht.
Und darüber
hinaus auch eine Inspirationsquelle für zahlreiche Komponisten.
Genau! Wenn wir
uns nur mal Schubert und Brahms anschauen, aber auch Ives oder
Ligeti. Deren Arbeit wäre ohne die jeweilige Volksmusik ihrer
Heimat gar nicht denkbar. Das vergisst man immer recht gern. Und wenn
man überlegt, was in tausend Jahren von unserer Kultur noch
übrig sein wird, dann ist das vielleicht gar nicht mal unbedingt
eine große Oper oder Sinfonie, sondern womöglich ein
einfaches Volkslied.
Glauben Sie
wirklich? Trotz wirtschaftlicher und kultureller Globalisierung?
Ich bin keine
Rassistin, um Gottes willen, aber ich denke doch, dass man sich etwas
von seiner nationalen Identität bewahren muss. Das ist sehr
wichtig. Fast schon etwas Heiliges.
Für manche
aber leider auch etwas Altbackenes.
Es darf nicht
museal werden oder à la Karl Moik. Davor habe ich Angst. Diese
Musik muss in Bewegung bleiben. Nicht unbedingt, dass man sie
ständig verändert, aber so, dass man sie immer wieder neu aufführt.
Oder, wie Sie
jetzt, auch mal einem klassischen Publikum unterjubelt.
Wir machen
Volksmusik in einem beinahe akademischen Kontext. Also kombiniert mit
klassischen Stücken von Enescu oder Ravel. Obwohl das teilweise
fast ein wenig absurd ist. Ravel zum Beispiel hat keine einzige
originale Zigeunermelodie verarbeitet. Es ist eine totale
Fälschung. So als ob wir eine chinesische Vase nachtöpfern würden.
Und wer kam auf
die Idee für diese Familientournee?
Die Idee,
Volksmusik und Klassik zu verbinden, gab es schon länger. Mein
Vater hat lange dafür gekämpft, dass sein Instrument, das
Cymbal, nicht in dieser Ecke bleibt, weil es einfach unglaubliche
Möglichkeiten hat. Aber meine Eltern werden nicht jünger,
und wir wollten einfach die Zeit nutzen, solange sie noch die Kraft
dazu haben. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir die CD und diese
Konzerte realisieren konnten.
Wird es bei
Ihnen ähnlich weitergehen?
Im Moment
beschäftige ich mich auch viel mit zeitgenössischer Musik.
Ich mag das, weil man dabei unmaskiert spielen kann,
gewissermaßen ohne Filter. Im Gegensatz zu den großen
Klassikern gibt es da noch keinen festgefahrenen Stil und man hat
wenig Gelegenheit, darüber zu lesen oder sich beeinflussen zu
lassen. Bei Mendelssohn ist jeder Ton schon vor dir tausende Male von
anderen genial gespielt worden. Doch um wieder auf die Frage
zurückzukommen: Mein Handwerk ist und bleibt die klassische
Musik, aber meine Augen schauen in die Zukunft. Und wer weiß
schon mit Sicherheit, was da noch kommen wird?
Konzerte: 8. Januar Iffeldorf, 9.1. Vaterstetten, 10.1. Gauting.