Gefällig und innig, es geht auch entgrenzt
Ernst P. Strobl in Salzburger Nachrichten vom 3.2.2012: Zwei Konzerte der Mozartwoche zeigten derartige Entfernungen im künstlerischen Zugang zu Mozart, als ob der eine Mozart mit dem anderen nichts zu tun hätte. Das derzeit wohl heißeste Duo der Kammermusik, Fazil Say und Patricia Kopatschinskaja, versetzte das Mozarteum am Donnerstagvormittag in einen Rausch. Immer höchstes Risiko, knapp an der Grenze zur Bravourartistik. Eine Feuershow im besten Sinn. Zwei Stürmer und Dränger, Extremisten im blinden Verständnis, da erreichte jeder Takt Siedegrade. Mozarts B-Dur-Sonate war noch vergleichsweise gezähmt, völlig entgrenzt dann Beethovens Kreutzersonate. Dabei hatte Fazil Say schon mit Mozarts Klaviersonate KV 331 zu Beginn für Toben gesorgt, das Alla Turca rockte förmlich! Das war ein umwerfendes Musizieren zweier widerspenstiger Außenseiter, oder Außerirdischer.
Wie gefällig fad dagegen erklang Mozart am Abend davor im Festspielhaus: Zugegeben, auch wenn die Wiener Philharmoniker keinem Leistungsdruck nachgeben, spielen sie ihre Routine immer noch auf hohem Niveau aus. Iván Fischer als Kapellmeister hielt das Werkl brav in Schwung bei Mozarts Serenata KV 239 mit Streicher-Solisten, beim Marsch KV 335 und der Prager Symphonie. Schade, dass der Pianist Radu Lupu kein angemessenes Echo fand bei seinem seelenvollen, wundersamen Part im B-Dur-Konzert KV 595. Eine versäumte Sternstunde.
Das Glück der tanzenden Saiten und Tasten
Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say im Mozarteum - Die moldawische Geigerin und der türkische Pianist versetzten den Saal in hellen Jubel. Kein Wunder, denn mitreißender, tänzerischer, pulsierender und zeitloser kann man Klassik nicht spielen.
Gottfried Franz Kasparek auf www.drehpunktkultur.at vom 3.2.2012: Fazil Say ließ den romantischen Grazioso-Beginn der Mozart-Klaviersonate in A-Dur KV 331, dieses wundersame neapolitanische Weihnachtslied, verzaubernd aus dem Steinway perlen, machte jedoch schon im Verlauf der Variationen klar, wie sehr sich rhythmische und gesangliche Impulse in dieser Musik vermählen nicht nur akzentuiert spielend, auch mit der mitunter freien linken Hand in der Luft modellierend, auch mitsummend und jeden Takt mitlebend. Menuett und Alla Turca folgten pausenlos und sorgten in ihrem musikantischen Furor bei gleichzeitig ausgefeilter Nuancierung schon nach dem ersten Stück für Standing Ovations.
Die Kopatchinskaja verblüffte mit einem oft harte Akzente setzenden Mozart-Spiel, das in einigen schnellen Läufen fast barock modelliert wirkte, aber doch Muße des Verweilens in lyrischen Passagen fand. Da war keine falsche Lieblichkeit, sondern geballte Energie zu vernehmen. Zeitweilig wurde die B-Dur-Sonate KV 454 noch dazu zum Trio von Klavier, Violine und den Vokalisen, die der Pianist beisteuerte. Welcher am Ende des ersten Teile auf Punkt und Komma und mit Gusto die Variationen über Ah, vous dirai-je, Maman interpretierte, so dass völlig klar wurde, dass hier eben nicht der Weihnachtsmann, sondern ein zärtlicher Silvandre eine verliebte Schäferin besucht.
In der Pause konnte man Blicke in die im Wiener Saal ausgestellten Autographen der beiden Klavierstücke werfen, eine gute Idee, die sich zur Nachahmung empfiehlt. Und dann gings weiter mit der vielleicht wildesten Violinsonate aller Zeiten, dem op. 47 Beethovens, zumindest was die Ecksätze betrifft. Diese Parforce-Jagd ist eigentlich von einem exotischen Mr. Bridgetower und nicht von Rudolphe Kreutzer inspiriert. Das Spiel der Kopatchinskaja, wie immer mit bloßen Füßen sich erdend, erreichte hier wahrlich atemberaubende Momente. Diese Ausbrüche sinnlicher Tanzlaune sind aber immer kontrolliert und auch dann, wenn ein paar Töne wackeln, in sich vollkommen stimmig. Fazil Say ist der perfekte Partner am Flügel; Beethoven, der Feuergeist, ist zum Greifen nahe. Im Andante fanden beide Erzmusikanten zu beseelten, tonschönen Augenblicken.
Der Zugabenteil wurde zum fulminanten letzten Programmpunkt. Béla Bartóks Rumänische Volkstänze mit ihrer unwiderstehlichen Balkan-Farbenpracht und Maurice Ravels Blues-Satz aus der Violinsonate machten das Glück der tanzenden Saiten und Tasten vollkommen.
Archaisches Temperament und einzigartiger geigerischer Impetus
Hans Jörg Jans in Neue Zürcher Zeitung vom 12.1.2012: ...Die Programme der OSI-Konzerte lassen nun auch deutlicher die Handschrift der neuen künstlerischen Administration erkennen, die vor zwei Jahren ihre Tätigkeit aufgenommen hat. Eine besonders glückliche Hand waltete bei der Wahl der Solisten. Da kam es zu sensationellen Auftritten, im besten Sinne des Worts. In Strawinskys Violinkonzert (1932) zerriss gleich der berühmte erste, weit gespreizte Akkord alle bisherigen Hörgewohnheiten: Mit gleichsam archaischem Temperament und einem einzigartigen geigerischen Impetus hat die Violinistin Patricia Kopatchinskaja das Werk von seinen neoklassizistischen Fesseln befreit...
Patricia Kopatchinskaja im Konzerthaus.
Sybill Mahlke, Tagesspiegel (Berlin), 12.12.2011: Es ist keine fertige Gestalt, sondern ein work in progress, was die Geigerin Patricia Kopatchinskaja aus dem D-Dur-Konzert von Tschaikowsky macht. Charakteristisch, dass sie die Noten ihrer Violinstimme selbst mit ihrem Instrument aufs Podium trägt. Die Blicke, die sie mit dem Dirigenten Heinrich Schiff wechselt, unterstreichen das Improvisatorische des Ereignisses. Überraschend zart und seidig intoniert sie das Hauptthema des ersten Satzes, um über unzählige Beleuchtungswechsel der Klänge in rauschende Virtuosität zu geraten. Kopatchinskaja steht mitten in der Musik und lauscht mit sichtbarer Teilnahme, wenn das Konzerthausorchester allein spielt.
Zum Zerspringen artistisch bewegt sich die moldawische Musikerin in ihrer Interpretation, die nicht nach Schönheit jagt und nicht vollendet ist, aber immer gespannt. Sie lässt ahnen, dass die Komposition in der Nähe des Eugen Onegin entstanden ist. Dazu gehört auch Verhaltenheit an der Grenze des Hörbaren. Hier siegt das Russische über den mondänen Salonton, weil der Musik keinerlei Aufdringlichkeit unterschoben wird: Ein bisschen Geheimnis bleibt bei jeder Begegnung mit der barfüßigen Geigerin.
Musikalische Expedition mit fliegendem Teppich - Ein Konzerthaus hebt ab: Esa-Pekka Salonen und das Philharmonia Orchestra begeistern in Dortmund
Holger Noltze, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2011: Luftspiegelung: "Mirage" steht über dem ersten Satz von Esa-Pekka Salonens Violinkonzert. Tatsächlich klingt es wie aus der Luft gegriffen. Die Geige malt leise Girlanden, dazu spielen Celesta und Harfen Himmelstöne. Dann erst lässt der Dirigent das große dunkle Streichertier des groß besetzten Philharmonia Orchestra los, und es beginnt, was das Konzerthaus Dortmund als "Expedition Salonen" annonciert: tatsächlich eine Fahrt durch ungewisses Terrain. Es geht durch perpetuum-mobilistische Motorik und Arpeggio-Exzesse, durch ein einsames Herzschlag-Nocturne, durch auftrumpfend virtuose Passagen, in deren Subtext nicht nur Strawinsky eingewoben scheint, sondern auch Hendrix.
Die Violinistin Patricia Kopatchinskaja geht es barfuß an, sehr körperlich, vielleicht ein wenig zu musikantisch in den kleinen fragilen Intermezzi von Grenztönen, die Salonens subtile Wachtraum-Musik einrahmen. Zum Ende hin wuchtet der Komponist denn doch vermehrt bekannte Requisiten einer gesicherten Moderne auf die Klangbühne, ohne Furcht vor großen Gesten und dem ewigen Versprechen von Violinkonzerten, eben auch "große Erzählung" zu sein, zeitloser Gesang.
Kommentar: "vielleicht ein wenig zu musikantisch"...Der riesige Vorteil, zeitgenössische Musik mit dem Komponisten selber aufzuführen ist der, dass der Komponist sagen könnte und würde, wenn etwas ihm nicht passt. Esa-Pekka Salonen hat nichts darüber bemerkt, dass es zu musikantisch sei...
Klangrausch ohne falsche Rücksicht und das Konzerthaus Dortmund jubelt
Lars von der Gönna in Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 14.11.2011: Ein Rausch ohne falsche Rücksicht: Das Publikum belohnte den Doppelabend mit Star-Dirigent Esa-Pekka Salonen im Konzerthaus Dortmund mit stürmischen Ovationen. Da störte dann auch die belanglose Video-Installation nicht mehr.
Strawinsky haben sie einen Verrückten genannt, den armen Bartók unspielbar. 100 Jahre später ist alles anders. Menschen lauschen fasziniert diesen Wunderwerken des 20. Jahrhunderts. Für Kunst braucht man eben doch einen langen Atem.
Zwei Abende, bestens besetzt bis unters Dach: Das Konzerthaus Dortmund reist mit seiner Expedition Salonen sichtlich in guter Gesellschaft. Dem finnischen Star-Dirigenten gilt die Reise und das Publikum betritt an seiner Seite einen Luxusliner sinfonischer Gestaltungskraft.
Gewiss: Er darf mit dem britischen Philharmonia Orchestra auf einen außerordentlichen Klangkörper bauen. Es scheint, man braucht diese Musiker nur zu anzutippen, dann stürzen sie sich samt ihrer Balance aus Perfektion und enormer Klangkultur in jedes Wagnis der Musikliteratur, Strawinskys Le sacre du printemps ist ein großes. Esa-Pekka Salonen gilt als einer der besten Sacre-Kenner unserer Zeit. Im Verschmelzen mit dem Orchester ist das Ergebnis eine Offenbarung. Den Teufelsritt aus vertrackten Rhythmen, Schichtungen und halsbrecherisch montierten Brüchen durchmessen sie schwindelerregend souverän. Freilich: Salonen geht (wie eingangs bei Janaceks raffinierter Sinfonietta) mit dem Riesenorchester Risiken ein die Akustik des Konzerthauses führt er an Grenzen, aber es geht gut. Man sitzt mittendrin in diesem Rausch ohne falsche Rücksichten.
Salonen steuerte zum Doppelabend ein Violinkonzert aus eigener Feder bei, die barfüßige Patricia Kopatchinskaja als Solistin gab seinem meisterhaft orchestrierten, zitatensatten Konzert Farben eines anrührenden Psychogramms.
Stürmische Ovationen im Konzerthaus: Es ist müßig, angesichts dieses Projekts Höhepunkte zu suchen, Bartoks Blaubarts Burg aber galt zum Finale der Expedition die größte Aufmerksamkeit. John Tomlinson in der Titelrolle erzählte in magischer Präsenz vom Frauenfresser als Schmerzensmann, nicht als Monster. Michelle Deyoungs Judith verhehlte trotz Wagner-Potenzial nicht das Filigrane der Partie. Eine belanglose Video-Installation konnte dem Abend kaum schaden. Stürmische Ovationen, ganz besonders für Salonen und sein Philharmonia.
Junge wilde Virtuosität gepaart mit spannender Exzentrik
Stefan Pieper in Neue Musikzeitung (NMZ) vom 14.11.2011: ...Salonen weiß um die Dosierung sämtlicher Nuancen, denn er kennt die Gegebenheiten in diesem Konzertsaal genau. Der gebürtige Finne, der seit Jahren in London lebt, ist hierzulande weniger als Komponist, sondern meist nur als Dirigent bekannt. Dieses Bild korrigiert sich hier eindrücklich: in seinem 2009 uraufgeführten Violinkonzert, diesmal gespielt durch die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Da lebt eine junge wilde Virtuosität gepaart mit spannender Exzentrik, nicht nur in den extremen Arpeggien und wilden Temperamentsstürmen, die in diesem Werk nur zu gern auf cineastische Flächenklänge des Orchesters treffen...
Weltstars als Wels-Stars: das Ergebnis ein Erlebnis
Chr. Grubauer, Neues Volksblatt (Linz), 28.10.2011: Wieder einmal ist es dem Welser Club Round Table 6" gelungen, zwei Weltstars für ein Konzert ins gerammelt volle Stadttheater zu holen: den türkischen Pianisten Fazil Say und die stets barfuß auftretende moldawische Wundergeigerin Patricia Kopatchinskaja. 1970 in Ankara geboren, hat Fazil Say von Düsseldorf und Berlin aus Karriere gemacht, bereits in allen großen Häusern und bei den wichtigsten Festivals der Welt sowie unter den besten Dirigenten musiziert. Seit 2006 bildet er ein Duo mit Kopatchinskaja, die in Wien und Bern Violine und Komposition studiert hat der mehrfachen Preisträgerin und Solistin führender Orchester kann man auch auf vielen CD-Einspielungen lauschen. Vor allem aber verfügt sie über die Gabe, zeitgenössische Musik publikumswirksam zu präsentieren. Quicklebendig und in exzessiver Spielmanier kam auch am Welser Abend ihr Solo samt Gesangseinsatz über die Rampe.
War das noch Musik oder doch schon Magie? Ihr Duo-Programm die Sonaten Nr. 2 a-Moll (D 385) von Schubert, Nr. 8 G-Dur op. 30/3 von Beethoven und Nr. 3 d-Moll op. 108 von Brahms gestalteten die Künstler mit teils ungewöhnlicher Dynamik, doch in großartiger Übereinstimmung, technisch bravourös und in einer Lebendigkeit, deren sprühende Frische mit melodischer Schönheit, Klangpracht und blühendem innerem Leben durchwebt war. Die Besessenheit und der kraftstrotzende Einsatz Kopatchinskajas bei Ravels Rhapsodie Tzigane für Violine und Klavier war hörens- und sehenswert, das Ergebnis ein Erlebnis. Der Beifallssturm löste heftige Zugaben aus.
Explodierende Vulkane - Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say im Stadttheater Wels
Oberösterreichische Nachrichten, 27.10.2011: Mit Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say treffen zwei impulsive, temperamentvolle und emotionale Musiker aufeinander, deren kompromissloses Herangehen an Musik fasziniert, aber auch polarisiert. So innig hat man den Beginn von Schuberts a-Moll-Sonate D 385 selten erlebt, doch wird diese Idylle demontiert.
Wie ein Vulkan kurz vor dem Super-GAU auch Beethovens G-Dur-Sonate. Patricia Kopatchinskaja verzichtet durchaus auf den eleganten Geigenton zugunsten sprechender Deutlichkeit. Nicht viel anders Brahms d-Moll-Sonate op. 108. Aber die Kraft und Energie der beiden macht beinahe jede klangliche Grobheit ungehört, lässt die Musik aufblühen. Nicht als zarte Frühlingswiese, eher als wildes Gestrüpp voller Dornen. Nur Schönheit wäre fatal. Auch in der eigenwilligen, aber fulminanten Interpretation von Ravels Tzigane.
Stürmischer Applaus für einen orkanartigen Klangrausch.
Anti-Ideal zur höheren Geigen-Tochter: Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say in Essen
Werner Häußner auf www.revierpassagen.de vom 23.10.2011: An Patricia Kopatchinskaja scheiden sich die Geister. Die moldawische Geigerin pflegt einen radikalen Stil. Ihr Spiel geht an die Grenzen, die intensiven Ausdruck von schierer Brutalität scheiden. Die Kritik sagt ihr nach, den Schmutz in der Musik zu lieben das Geräuschhafte, den bis zur Schmerzgrenze aufgerauten Ton. Die sie mögen, bewundern ihre unbedingte Wahrhaftigkeit, ihre kompromisslose Ausdruckssuche. Die sie ablehnen, kritisieren an ihr ungenierten Subjektivismus, gepaart mit dem Abschied von jeder traditionellen Ästhetik.
Nach dem bemerkenswerten Konzert in der Philharmonie in Essen lässt sich feststellen: Beide Sichtweisen haben gute Gründe. Aber: Was ist dann von der geigenden Wildsau wie sie sich selbst einmal bezeichnet hat zu halten? Steht sie für den Auswuchs eines nach immer exaltierteren Novitäten gierenden Kunstbetriebs, in dem nur Aufmerksamkeit erzielt, was schräg, extrem und unerhört ist? Oder für einen kompromissloser Zugang zu Musik, die sich allzu leicht ins Ohr schmeichelt, weil ihre ursprünglichen Ausdrucks-Intentionen nicht mehr wahrgenommen werden?
Schon vor gut zwei Jahren hat die moldawische Geigerin gemeinsam mit ihrem Klavierpartner Fazil Say auf einer beim Label na?ve erschienenen Disc demonstriert, dass sie von Beethoven und Ravel Politur und Perfektion abkratzt. Wer sich gelegentlich mal ins Konzerthaus Dortmund aufmacht, konnte dort schon 2006/2007 die Kopatchinskaja als junge Wilde bestaunen. Ein Ruf, der ihr von einigen Musikkritikern auch willig vorausposaunt wird.
In Essen waren die Reaktionen im beachtlich gefüllten Parkett des Alfried-Krupp-Saales meist enthusiastisch, teils auch reserviert. Sie spiegeln getreu, wie die so gar nicht dem Ideal der geigenden höheren Töchter entsprechende Musikerin wahrgenommen wird. Nach dem ersten Satz von Schuberts a-Moll-Sonate dürfte klar gewesen sein: Es geht Say und Kopatchinskaja nicht um die Show. Auch nicht um den Schmutz in der Musik. Sondern darum, eine Musik zu vergegenwärtigen, deren Tiefe sich heute in der Masse des Gehörten zu eben jener gepflegten Glätte nivelliert hat, mit der sie als erschütterungsloses akustisches Dessert niemanden verstört. Die nicht mehr aus der Ruhe bringt, es sei denn, es verspielt sich jemand.
Dieses gegenwärtig Setzen geschieht schon in den ersten Perioden: Say entwickelt die weichen Linien des Klavierparts aus dem Nichts. Die Geigerin fährt mit dem eröffnenden Vier-Ton-Motiv unwirsch in die Idylle. Aber im Nachsatz zieht sie sich wie erschrocken ins Träumerische zurück. Ein paar Sekunden machen klar, aus welchen Extremen Schuberts Stück besteht. Say spinnt in seinem ersten Solo den Gegensatz aus: Er lässt ein schwärmerisches Legato fließen, das für sich genommen reinster Kitsch wäre würde nicht seine Geigenpartnerin die ätherische Schönheit mit dem erneuten Einwurf des verstörenden Anfangsmotivs als Illusion entlarven.
Patricia Kopatchinskaja gibt aber nicht die Hexe vom Dienst: Auch sie kennt die traumverlorenen Arielstöne, veredelt mit feinstem Vibrato. Auch sie kennt den heiligen Gesang des zweiten Satzes, die sanfte Steigerung ins Hymnische, an die sich Fazil Say schüchtern herantastet. Aber sie kennt auch das heftige Temperament zu Lasten der makellosen Politur des Tons.
Bei Beethovens Frühlingssonate hört man, was ein exponiertes Sforzato eigentlich ist. Die Musik drängt im Kopfsatz geradezu verzweifelt vorwärts, als sei ihr ein Dämon auf den Fersen. Kopatchinskaja lässt die Skalen blitzen, Say die Bässe dröhnen aber man findet schwerlich einen Moment, der sich aus lauter Selbstgefälligkeit gegen die Musik richten würde. In den ruhevollen Kantilenen des Adagio molto espressivo schnurrt der Tiger: Bei allem Furor ist Kopatchinskaja zur erfüllten Sanglichkeit fähig.
Das Programm ist sinnig zusammengestellt: Verbinden sich Beethoven und Schubert durch ihre Suche nach expressiver Erweiterung der Formmodelle, teilen Brahms d-Moll-Sonate und Ravels Tzigane die Idee des Zigeunerischen. Brahms Allegro verschwimmt unter Fazil Says Händen in einem zu weichen Wattebett, aber nach der Exposition toben sich die beiden Musiker in erregter Passion aus: Doch selbst wenn Kopatchinskaja den Zusammenhalt der Phrasierung in Frage stellt, bleibt der Eindruck, hier gehe es einer Künstlerin um den unbedingten, selbst im gewagtesten Risiko verantworteten Ausdruck. Man kann diesen Kopfsatz ganz anders auffassen, schwerlich aber authentischer und persönlicher.
Das Adagio stellt in der Musizierhaltung die Rückbindung zu Schubert her: Die Geigerin spinnt hinreißend weite, doch mit Spannung erfüllte Phrasen aus. Im dritten Satz lässt sie hören, wie sie die Töne reißen kann, doch nie überschreitet Kopatchinskaja die Grenze, jenseits derer der Kunst-Charakter des Klangs an die bloße Sensation des Geräuschhaften verraten würde. Und der Beginn von Ravels Tzigane, rapsodie de concert ist wie ein ferner, rauchiger Reflex auf die Folklore, die der Komponist im Ohr gehabt haben mag, als er sich von der Geigerin Jelly dArányi und ihren ungarischen Weisen anregen ließ.
Es sind die Aspekte des Gebrochenen, nicht die Imitation des Folkloristischen, die Say und Kopatchinskaja interessieren bis hin zur furiosen Steigerung und zum gespenstischen Klang-Irrlicht. Dass die beiden Musiker als Zugabe einen rumänischen Tanz Béla Bartóks wählen, steht in der Linie des Programms. Dass Kopatchinskaja in Jorge Sanchez-Chiongs Crin (1996) mit ihrer Geige schimpft, amüsiert das Publikum. Und die Lacher haben beide auch mit der überraschenden Bearbeitung von Für Elise von Fazil Say auf ihrer Seite.
Fazit des Konzerts: Der Anspruch der Kunst wird nie aufgegeben zugunsten einer exaltierten Selbstdarstellung. So riskant, so glühend, so entfesselt die beiden auch spielen mögen: Hinter jeder Note steht die Demut vor dem Werk. Ein bedeutendes Konzert, das hörbar macht, wie aufregend gegenwärtig Musik sein kann, wenn man sie aus der wohligen Sphäre berührungslosen Genusses befreit.
Patricia Kopatchinskaja ist in der Region wieder zu erleben: Am 11. November spielt sie im Konzerthaus Dortmund mit dem Philharmonia Orchestra London das Violinkonzert von Esa-Pekka Salonen. Am 29., 30. und 31. Januar ist sie in Köln zu Gast und spielt mit dem Gürzenich-Orchester unter Ulf Schirmer Mozarts D-Dur-Violinkonzert. Nach Essen kommt sie wieder ab 31. Mai zu einer Meisterklasse mit Sol Gabetta (Cello) und Henri Sigfridsson (Klavier). Die drei spielen am 2. Juni 2012 in der Philharmonie Klaviertrios. Mehr auf der offiziellen Webpage der Geigerin: http://www.patriciakopatchinskaja.com
Im atemberaubenden Tempo durch das Jahr - Niedersächsische Musiktage: Außergewöhnlicher Abend mit der Kammerakademie Potsdam, den G-Strings und Solisten
Ilse Walther in Kreiszeitung von 29.09.2011: Verden - Im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage gab es am Dienstag ein Konzert mit dem Titel Acht Jahreszeiten. Diese weit im Voraus ausverkaufte Veranstaltung in der Stadthalle wurde von der Stiftung der Kreissparkasse Verden gesponsert. Und man erlebte schon Außergewöhnliches an diesem Abend.
Zwei der unterschiedlichsten Werke mit dem Namen Die vier Jahreszeiten standen auf dem Programm. Im ersten Teil Antonio Vivaldis bekannter Violinkonzertzyklus, und im zweiten Teil dann die Vier Jahreszeiten von Astor Piazolla. Und dazu hatte man hochkarätige Ensembles und Solisten eingeladen.
Die exzellente Kammerakademie Potsdam brachte die vier Konzerte von Vivaldi und hatte dazu die Geigerin Patricia Kopatchinskaja aus Moldavien als Solistin verpflichtet. Diese Künstlerin ist ein Energiebündel und steckt voller Musikalität, die sie stets auf die Kammerakademie und auf die Zuhörer übertrug.
Ihr unkonventionelles Auftreten in Abendkleid und barfuß ist vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack, es gehört einfach so zu ihr und zeigt ihre natürliche Verbindung zu Menschen und Musik. Mit teilweise ausdrucksstarken Gesten unterstrich sie das Miteinander mit den Musikern und ihre eigene Interpretation, die so ganz anders war, als man es sonst gewohnt ist.
Sie scheut nicht vor oft ganz ruppigen Tönen, die sie hart ansetzt und dann sich verändern lässt. So in dem großartig gestalteten Zwitschern der Vögel von der flötenden Nachtigall bis hin zur krächzenden Krähe, Sie spielte mit ihren vorzüglich parierenden Kollegen das ganze Kaleidoskop der Vogelwelt mit solch einer variierenden Klangvielfalt, dass man gebannt folgte.
Und das so klangschön und homogen, subtil und transparent musizierende Orchester war ihr stets der immer präsente und ungemein farbig gestaltende Partner. Man zeichnete und pastellierte und trug musikalisch in dann auch kräftigsten Farben die Vielfalt der Jahreszeiten auf. Oft in atemberaubendem Tempo.
Die lastende Schwüle des Sommers hing schwer und fast bedrückend im Raum, und dann tobte das Gewitter los im unheimlichen Finale, tempogesteigert. Ungemein fröhlich war der Tanz der Bauern auf der Tenne im Herbst. Da gab es keckes Flirten und auch ein kräftiges Füße stampfen und abruptes Pizzicato.
Eisige Kälte kroch in den Saal, als Orchester und Solistin in fahler, unheimlicher Klangfärbung Eiszapfen und knirschendes Eis gestalteten. Und die Festfreude zu Weihnachten endete in einem furiosen Finale.
Für den begeisterten Applaus bedankte sich Patricia Kopatchinskaja mit der Kadenz aus einem Violinkonzert von Mauricio Sotèr, welches sie unlängst uraufgeführt hatte. Das war ein spannender Dialog mit sich selbst. In Vierteltönen schluchzte und stampfte sie auf der Geige, und dann sprach sie dazu überaus plastisch Texte, die wie das Reden mit einer Katze klangen. Auch ließ sie die Melancholie des Flamencos hören, eine spannende Zugabe.
Im zweiten Teil waren die G-Strings, ein klassisch geprägtes Streichquintett mit dem Pianisten Jacques Ammon und dem norwegischen Bandoneonspieler Per Arne Glorvigen mit den Vier Jahreszeiten von Astor Piazolla zu Gast. Und das war vom ersten Ton an einfach mitreißend.
Welch ein Ensemble! Das perfekte Spiel auf dem Bandoneon in seiner großen Klangschönheit und Intensität, der großartige Pianist, der sowohl intensiv rhythmisch den Grund legte wie auch in zahlreichen Solopartien wunderbare Stimmungen nachzeichnete. Und dazu diese einfühlsamen Streicher, die immer voller Intuition diese Stimmungen unterstrichen, sie herrlich ausmusizierten vom fahlen, angerissenen Pianissimo bis zur singenden Violinpassage, wehmütig, leidenschaftlich, rhythmisch differenziert und als Schilderer von gefühlvollen Menschen und unterschiedlichsten Landschaften.
Im Frühling träumte die Musik oft, im Sommer schien sie dahin zu schmelzen, um dann zuzupacken. Der Herbst mit seinem eingängigen Thema war wohl der Höhepunkt, wunderbar, wie die Künstler das gesangliche Motiv immer wieder anders variierten, mit perlenden Kadenzen im Klavier und diesem herrlichen Cellosolo, einem schnarrenden Bratschenmotiv, um dann am Schluss so subtil und lieblich zu enden.
Der Winter kam flott in Rhythmus und Musik richtig in Rage, aber es gab auch unheimliche und melodiöse Motive. Das Bandoneon zauberte kleine behutsame Figuren, die Violine ganz fahle, hinter dem Steg angerissene Töne vor dem abrupten Schluss.
Frenetischer Beifall, und dafür gleich zwei Zugaben, wobei natürlich dieser wunderbare Herbst in seiner Wiederholung besonders beglückte.
Ein ganz grandioses Konzert!
Musik vor dem Nachhall: Klangspuren Schwaz eröffnen mit Patricia Kopatchinskaja
Andreas Kolb in Neue Musikzeitung vom 19.9.2011: Traditionell eröffnet das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck das Festival zeitgenössischer Musik Klangspuren in Schwaz. Geschah dies früher vorwiegend in der nüchternen Aura der Tennishalle, so bot die Kirche des Franziskanerklosters Schwaz nicht nur üppiges Barock für die Augen, sondern auch eine pompöse Akustik mit einem Nachhall von mehreren Sekunden. Ein Umstand der nicht jedem der vier vorgestellten sinfonischen Werke zum Vorteil gereichte.
Der spanische Komponist Mauricio Sotelo beschäftigt sich in seinem Werk vorrangig mit der Tradition des Flamenco für seinen Schwazer Kompositionsauftrag Cuerpos rubados geteiltes Orchester, Solo Violine und Deklamator war er durch Stierkämpfe, aber auch durch einen sehr konkreten Traum inspiriert worden: Ihm träumte wie Patricia Kopatchinskaja die ersten Takte seines Violinkonzertes spielte. Nach dem Erwachen schrieb er diesen Beginn sofort nieder; der Rest war nur noch die Ausarbeitung dieses traumhaften Geigenkonzerts, das zwischen rauen Klängen, wilden Läufen und zarten, verinnerlichten Passagen changiert. Ein Stück jedenfalls, das dem Ausdruckswillen der moldawischen Geigerin in jeder Sekunde gerecht wurde. Kopatchinskaja brillierte nicht nur als gewohnt souveräne Geigerin, sonder auch im vokalen Dialog mit ihrem Instrument, dem Orchester und einem Deklamator....
18. Klangspuren Schwaz feierten mit Spanier Sotelo gelungenen Auftakt - Das Werk für geteiltes Orchester, Solovioline und Deklamator mit dem Titel Cuerpos robados - gestohlene Körper wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.
Tiroler Tageszeitung vom 9.9.2011: Mit einer Uraufführung des Spaniers Mauricio Sotelo haben die 18. Klangspuren Donnerstagabend in der Franziskanerkirche in Schwaz einen gelungenen Auftakt gefeiert. Das Werk für geteiltes Orchester, Solovioline und Deklamator mit dem Titel Cuerpos robados - gestohlene Körper wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Eine virtuose Leistung lieferte die moldawische Violinistin Patricia Kopatchinskaja ab. Einigermaßen abstrakt gestaltete sich die Darbietung des Deklamators Ernesto Estrella, der sein Gedicht rhythmisch dekonstruierte... (APA)
Eindringlich gelebte Musik
Volker Milch in Wiesbadener Tagblatt vom 26.8.2011: Es ist schon kurios, wenn sich die Aufmerksamkeit bei einer Geigerin zunächst nicht auf die Hände, sondern auf die Füße richtet. Seit Patricia Kopatchinskaja einmal ihr Konzert-Schuhwerk vergessen und den Barfuß-Auftritt als beglückend für sich entdeckt hat, ist das Publikum immer wieder auf die ungewöhnliche Blöße gespannt.
Was aber passiert, wenn sich, wie jetzt im Wiesbadener Kurhaus, überraschend ein Teppich zwischen sensible Fußreflexzonen und die Schwingungen des Podiums schiebt? Für seine Aufzeichnung des Tschaikowsky-Violinkonzerts hat der Fernseh-Kulturkanal Arte den Bühnenbereich nämlich mit vereinheitlichendem Schwarz ausgelegt. Erleidet die Geigerin womöglich das Schicksal des mythischen Riesen Antaios, der schwächelte, nachdem Herakles ihn angehoben und seines direkten Kontaktes zu Mutter Erde beraubt hatte?
Nein, fatale Folgen für den Energiefluss schien der Teppich nicht zu haben. Das Spiel der Geigerin war so temperamentvoll und impulsiv wie erwartet. Bis hin zur Zugabe, einem wilden, schrägen Stückchen von Jorge Sánchez-Chiong, in dem sie auch mit verbalen Einlagen ihrem Ruf einer originellen Interpretin alle Ehre machte.
Ein stärkerer Kontrast zur gepflegten, gehobenen Kaffeehauskultur, mit der Vladimir Fedoseyev und sein Tschaikowsky-Sinfonieorchester Moskau den Abend des Rheingau Musik Festivals eröffnet hatten, war eigentlich kaum denkbar. Dabei hielt Altmeister Fedoseyev, der den Klangkörper seit 1974 leitet, Alexander Glasunows Konzertwalzer op. 47 mit der ökonomischen Gestik eines Routiniers sehr elegant in der Schwebe. Sein Händchen fürs Duftige sollte sich dann auch in einem Walzer von Georgi Sviridov bewähren, einer der drei Zugaben neben Tänzen aus Nußknacker und Schwanensee.
Das Orchester bewies an diesem vom Publikum anhaltend gefeierten Abend aber nicht nur Kompetenz für Schwebezustände, sondern ließ in Igor Strawinskys konturenscharfen Petruschka-Szenen auch beeindruckende Schwerkraft hören, wenn sich Bär und Bauer mit schleppendem Tritt ins Bild der Jahrmarktszene schieben.
Nicht immer geglückt war indes das Zusammenspiel von Solistin und Orchester im Tschaikowsky-Konzert - da schienen zwischen den Temperamenten Welten zu liegen, und im brillanten Finale wackelte es gefährlich. Von Patricia Kopatchinskajas Solopart bleiben weniger die Extravaganzen und exzentrische Körperarbeit als differenzierte Ausdruckskunst in Erinnerung. Mit einem hauchzarten Piano werden Tschaikowskys Vortragsbezeichnungen schon im ersten Einsatz umgesetzt, und die berühmte Canzonetta erklingt nicht als überzuckertes Wunschkonzert-Rührstück, sondern als authentisch gefühltes, gelebtes Stück Musik. Vielleicht sollten mehr Geiger ihre Schuhe ausziehen.
Violine am Tempo-Limit - Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und das Tschaikowsky-Sinfonieorchester Moskau gastierten beim Rheingau-Musik-Festival im Kurhaus Wiesbaden.
Axel Zibulski in Nassauische Neue Presse vom 26.8.2011: Zwei unterschiedliche musikalische Haltungen trafen im Wiesbadener Kurhaus aufeinander: Das 1930 gegründete Tschaikowsky-Sinfonieorchester Moskau ist ein Hort der Kontinuität; seit 37 Jahren leitet Vladimir Fedossejew das Traditions-Ensemble. Die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja hingegen mag es unorthodox nicht nur, weil sie in Konzerten gerne barfuß auftritt, sondern auch, weil sie sich immer wieder für zeitgenössische Musik einsetzt.
Im Rheingau stand mit Peter Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35 ein Repertoire-Klassiker auf dem Programm. Nur Episode blieb die kurze, von Fedossejew jedoch übermäßig breit genommene Orchestereinleitung. Denn dominieren sollte Kopatchinskajas impulsives bis feuriges, bei der Tempo-Wahl auch überraschungsreiches Spiel, das vom eher ebenmäßig begleitenden Orchester nicht immer punktgenau aufgefangen wurde.
Kopatchinskaja platzierte ihre Effekte freilich sicher, mit angerautem, von Schärfe wie Volumen geprägtem Ton in der Kadenz des ersten Satzes, in der langsamen Kanzonetta des Mittelsatzes aber auch lyrisch rein, leise, schwebend. Ein wenig musikalische Gegenwart gab es dann aber doch: Als Zugabe spielte sie ein knappes, ihr gewidmetes Stück von Jorge Sánchez-Chiong.
Das Tschaikowsky-Sinfonieorchester Moskau schien eingangs an die Kur-Tradition des Konzertortes musikalisch anzuknüpfen: Arg zuckrig und betulich klang nämlich der Konzertwalzer op. 47 des Tschaikowsky-Epigonen Alexander Glasunow. Doch vermittelte sich bereits hier die enge Vertrautheit zwischen dem Orchester und seinem langjährigen Chefdirigenten; bei minimaler Gestik konnte Fedossejew maximale Präzision erzielen. Davon geprägt war in der zweiten Konzerthälfte dann auch Igor Strawinskis Ballettmusik "Petruschka". Die tönenden Kapriolen einer Jahrmarkt-Puppe klangen in der Verballhornung romantischer Floskeln schön pointiert, zudem angemessen anschaulich in den skurrilen Kirmesmusik-Zitaten.
Zwei der drei Zugaben zum russischen Programm stammten von Tschaikowsky, eine weitere von Georgi Swiridow.
Russischer Abend der Superlative
Wolfgang Butzlaff in Schleswig-Holsteinische Zeitung vom 24.8.2011: Großartig aufgestellt wie kaum ein anderer Klangkörper zuvor präsentierte sich das Tschaikovsky Symphony Orchestra of Moscow im Kieler Schloss. Acht Kontrabässe als Rückendeckung in voller Breite zogen schon beim einleitenden Walzer von Alexander Glasunow und dann immer wieder die Blicke magnetisch auf sich. Die Augen hörten mit.
Auch sechzehn erste Geigen garantierten das Gleichgewicht zwischen Streichern und Bläsern. Vladimir Fedoseyev, dem Chefdirigenten seit 37 (!) Jahren, genügten manchmal schon Fingerzeige, um die gewünschten Klänge abzurufen. Wie ein Kavalier der alten Schule verzichtete er auf jegliche Selbstdarstellung, stellte seine Gesten ganz in den Dienst von Klangsinnlichkeit und Präzision.
Beide waren in erhöhtem Maße gefragt in Tschaikowskys Violinkonzert, dessen Solopart die aus Moldawien stammende Patricia Kopatchinskaja (34) übernahm. Was sie daraus hervorhexte, war schier atemberaubend von den ersten Takten an. Der jungen, in Wien ausgebildeten, jetzt in der Schweiz lebenden Frau geht der Ruf voraus, "eine Ohrfeige für die glatten Geigen-Mädchen von heute" zu sein, wie der Spiegel schrieb. Doch völlig unprätentiös im Auftreten, nahm sie den gesanglichen Momenten jeden Anflug von Sentimentalität und ließ in der Kadenz mit allen technischen Tücken und Raffinessen dem Paganini in ihrem Blut freien Lauf. Das war so hinreißend, so leidenschaftlich und voller Energie herausmusiziert, dass ausnahms- und berechtigterweise schon nach dem ersten Satz geklatscht wurde.
Eine Steigerung schien danach kaum noch möglich, und doch hatte nach der Ruhephase der gesanglichen Canzonetta das dahinjagende Finale noch ein Plus an unwiderstehlich mitreißender Kraft. Vorbildlich das Zusammenwirken mit dem Orchester, dessen knifflige Einsätze Fedoseyev auf Bruchteile von Sekunden genau einpasste. Mit Zugaben von einem jungen Venezolaner und von George Enescu bedankte sich die Geigerin für den stürmischen Beifall. In Strawinskys Ballettmusik "Petruschka" zeigte das Orchester dann, was an solistischem Potential in ihm steckt. Einem leider ungenannten Pianisten fiel dabei die virtuose Charakteristik des Titelhelden zu. Der rein musikalische Hauptgewinn des Werkes besteht in seiner Kombination von parodierter Trivialität und ausbrechender Urgewalt.
Ein collagehaftes Klangpanorama, das auch ohne choreographische Umsetzung durch seine geniale Instrumentierung besticht. Nach erneuten Ovationen verabschiedete sich das imponierende Moskauer Elite-Ensemble mit einer Nussknacker-Kostprobe seines Namenspatrons.
Der finale russische Zauber kam barfuß - Mit Jubel für Geigerin, Dirigent und Orchester ging der Carinthische Sommer 2011 zu Ende.
Helmut Christian in Kleine Zeitung vom 21.8.2011: Knifflige Doppelgrifftechnik, Flageoletts, Zweiunddreißigstel-Noten: Die große, diffizile Solokadenz des Violinkonzertes von Peter Iljitsch Tschaikowsky ist bis heute für jeden Solisten eine extreme technische Herausforderung. Aber Patricia Kopatchinskaja wusste beim Abschlusskonzert des Carinthischen Sommers alle tückischen Klippen des Werkes mit Bravour zu umschiffen. Zudem begeisterte das energische, unbändige Temperament des lässig barfuß auftretenden Shootingstars der jüngeren Geigengeneration - vor allem im letzten Satz, der mit einem atemberaubenden Tempo musiziert wurde!
Auch Kopatchinskajas weite dynamische Palette und ihr tiefer Ausdruck kamen nie zu kurz. Besonders im zweiten Satz verzauberte sie mit unvergleichlichen Piani und ließ ihre kostbare Geige innig weinen. Für den Jubel im ausverkauften Congress Center bedankte sie sich mit einer kaum einminütigen, köstlichen Zugabe, "Crin" von Sanchez-Chiong, zu der sie selbst gurrende und schnalzende Laute beisteuerte.
Neben der kongenialen Begleitung, die auf alle Wünsche der Solistin einging, vermochte Stardirigent Vladimir Fedoseyev "sein" Tschaikowsky Symphonieorchester Moskau, den gesamten Abend zu Höchstleitungen zu animieren...
Mahler-Szenen: Reifejahre zweier junger Genies
Ernst P. Strobl, Salzburger Nachrichten vom 10.8.2011: Die Mahler-Szenen der diesjährigen Festspiele sind eine Kostbarkeit im Programmreigen, nicht zuletzt, weil sie inhaltliche Offenbarungen zu bieten haben. Abgesehen davon, dass es Intendant Markus Hinterhäuser wieder gelang, ungewöhnliche Künstler zu sich beflügelnden Teams zusammenzuspannen. Zu den herausragenden, anpassungsfähigen Kammermusikern der jungen Generation gehört sicher Patricia Kopatchinskaja, die Geigerin aus Moldawien, die bevorzugt bloßfüßig aufzutreten beliebt, bei jedem Wetter, kann man nun nach dem Festspielkonzert am Montag hinzufügen. Als zentrale musikalische Schaltstelle dieses Abends im Mozarteum wirkte allerdings Alexander Lonquich, der Pianist, denn es ging um Klavierquartette, von Gustav Mahler, Alfred Schnittke und Richard Strauss. Man merkt: Da hat sich der Festspiel-Chefprogrammierer was Salzachüberbrückendes ausgedacht.
Gustav Mahler studierte am Wiener Konservatorium, als er 1876 seine frühe Talentprobe anging, ein Klavierquartett a-Moll. Johannes Brahms war der damalige Inhaber des Königsthrons, was Kammermusik rund ums Klavier betraf, und eine Leitfigur. Mahlers farbiges Klavierquartett blieb als Fragment erhalten, ein kompletter Kopfsatz und Skizzen des Beginns der Scherzos. Rund zehn Jahre später komponierte Richard Strauss sein fast stürmisches Klavierquartett c-Moll op. 13, auch er hatte Brahms im Ohr.
Raffiniert eingefügt war eine völlig andere Klangvision als die der beiden Junggenies auf der Suche nach einem Weg aus der Romantik. Alfred Schnittke befasste sich 1998 mit Mahlers Scherzo-Fragment und kam bei seinem Klavierquartett zu überzeugenden Ergebnissen in seiner eigenen Klangsprache mit irritierenden Streicher-Glissandi und mächtigen Klavierakkorden, um zuletzt doch noch die originalen 24 Mahler-Takte erklingen zu lassen, die quasi im Nichts hängen bleiben.
Alexander Lonquich erwies sich als souveräner Pianist, der stets den Gesamtklang in der richtigen Balance hielt, sich nur bei Anlass etwa im vollgriffigen Strauss-Kopfsatz mit wuchtiger Pranke hervortat. Die Mit-Streicher um die beherzte Patricia Kopatchinskaja waren fantastisch, der Bratscher Antoine Tamestit mit warmem Klang und der exzellente Cellist Nicolas Altstaedt, die sich im exzentrischen Scherzo bei Strauss geradezu Kämpfe lieferten. Große Begeisterung.
Jugendsünden? - Salzburger Festspiele - Mahler-Szenen 7
Horst Reischenböck auf www.drehpunktkultur.at vom 10..8.2011: Jahresregent Gustav Mahler als Kammermusikkomponist blieb solange verborgen, bis sich im Nachlass von Witwe Alma eine Mappe fand, darin ein Clavierquartett-Erster Satz-Gustav Mahler-1876 mit 234 Takten. Peter Ruzicka hat das nicht eindeutig zu datierende Jugendwerk revidiert und darin interessante Charakteristika entdeckte, die so über das Niveau reiner histographischer Information hinausgehen, dass es sich in ein faszinierendes Dokument verwandelt. Das a-Moll-Fragment wurde nach nicht ganz hundert Jahren ediert und am Montag (8.8.) im Mozarteum aufgeführt. Von Alexander Lonquich (Klavier), der mit Cellist Nicolas Altstaedt auch zur Mozartwoche wieder zu erleben sein wird, zusammen mit der energiegeladenen Geigerin Patricia Kopatchinskaja und Antoine Tamestit an der Viola.
Durchaus leidenschaftlich, tragisch klingt dieser Klavierquartettsatz. Er ist nicht unbeeinflusst von Brahms, aber auch, hörbar im Seitenthema, durch Schumanns Symphonische Etüden. Die waren Mahler als Pianist geläufig. Zwei Passagen lassen aufhorchen in den zehn Minuten: die gedämpft verträumte Episode vor Eintritt der Rekapitulation und, von Patricia Kopatchinskaja exquisit ausgeführt, eine fast schon ironisch übertrieben wirkende Solokadenz vor Schluss.
Weitere 24 Takte zu einem g-Moll-Scherzo mit Franz Schubert-Anklängen animierten Alfred Schnittke zu Reflexion in seinem Allegro. Sinnvoll gleich im Anschluss daran gespielt und auch vom Auditorium gleichsam als Ergänzung empfunden. Niemand also hat die kleine Pause geräuschvoll gestört: Kammermusikfans sind halt doch anders.
Schnittkes Werk verklingt mit Assoziationen an Mein Herz ist schwer (das Festspielthema Faust lässt grüssen). Es wurde von den vier Musikern nicht bloß beeindruckend, vielmehr atemberaubend ausgeführt.
Auch Richard Strauss hat sein viersätziges Klavierquintett in jungen Jahren geschrieben. Er katalogisierte es bewusst als offizielles Opus 13. Eine kurze Reminiszenz an Franz Liszts Sonate im Steinway, dann wird der an Brahms gemahnende Rhythmus fantasievoll in nahezu orchestrale Klangfarben getrieben. Auch das wurde fulminant musiziert, in Extremen zart vibratoloser Zurücknahme wie auch harsch durchschlagender Akzente das Scherzo, während die Kantilenen des langsamen Satzes auf Strauss als Schöpfer unendlicher Melodien voraus weisen.
Auf den Jubel hin eine friedvolle Zugabe: das von Mahler weniger denn die ersten beiden Sätze von Brahms Werther-Quartett op. 60 geschätzte Andante.
Formidable Familienfeier - Musiktage Hitzacker mit überbordendem Abschluss, 7000 Klassikfans besuchen den grünen Elbhügel.
Lutz Lesle, Die Welt (Hamburg), 10.8.2011: Nach Auslieferung der Programmpakete, die Markus Fein mit den Familienbanden der Wagners in Bayreuth, der Wittgensteins in Wien, der Mendelssohns in Berlin, der Brendels in London und der Skrides in Riga geschnürt hatte, öffneten die Sommerlichen Musiktage Hitzacker zu guter Letzt die Schatztruhe der moldavischen Musikerfamilie Kopatchinsky. Deren virtuose Fracht, durchströmt von folkloristischen Duftnoten und Farbtönen der Balkanhalbinsel, erwies sich als so überbordend, dass sie locker zwei Festivaltage füllte.
Die Gäste aus der Balkanregion, die früher Bessarabien hieß, durften es sich zur Ehre anrechnen, dass der scheidende Intendant sie zu seiner letzten Hörerakademie bat: die Teufelsgeigerin Patricia Kopatchinskaja, ihre gleichfalls geigende Mutter Emilia und den Familienvater Viktor Kopatchinsky, virtuoser Zwingherr des Cymbals, auch Hackbrett oder Zigeunerklavier genannt - ein truhenartiges, mit zwei Klöppeln angeschlagenes Saiteninstrument. Mit von der Familienpartie: die rumänische Pianistin Mihaela Ursuleasa, seelenverwandte Klavierbegleiterin Patricias aus Wiener Studientagen.
Bevor beiden jungen Virtuosinnen das abendliche Familienkonzert mit der dritten Violinsonate des rumänischen Geiger-Komponisten George Enescu krönten, zog Markus Fein sie in ein lebendiges und anregendes Kunstgespräch über eben dieses Werk. Für die Festivalgäste eine willkommene Gelegenheit, nicht nur den Lehrer der legendären Violinvirtuosen Ferras, Grumiaux und Menuhin als Komponisten kennen zu lernen, sondern auch etwas zu erfahren über die leidvolle Geschichte der Vielvölker-Landschaft Moldavien zwischen Rumänien und der Ukraine, die wie andere Balkanregionen Jahrhunderte lang unter dem osmanischen Joch litt, bevor sich die Sowjetunion ihrer bemächtigte.
Die am Nachmittag beobachteten Brechungen, die der heimische Volkston in Enescus Personalstil hinterließ - "Melancholie mitten im Glück", Tanzrausch und Traurigkeit, ungebundener Redefluss der Töne ("Parlando rubato"), ländliche Anmutungen, Widerklang von Dudelsack, Hackbrett und Hirtenflöte, türkische und zigeunerische Anklänge - offenbarten sich am Abend in verschwenderischer Fülle.
Die Einmaligkeit des Konzerts rührte von dem Programmkonzept der Musikerfamilie her, das dem Prinzip der Einheit in der Vielfalt auf besondere Weise huldigte: im Wechsel unverdorbener Folklore und aus ihr gekelterter Kunstmusik. Darunter Duos für Violine und Cymbal von György Kurtág, Ravels rasante Rhapsodie "Tzigane", Liszts Mephistowalzer für Klavier solo und eben Enescus dritte Violinsonate. Ein berauschender Abend..
Beim Festival Walk, der diesmal in eine Flussniederung bei Gartow führte, mischte sich anderntags die moldavische Künstlerfamilie nebst Musikerfreunden unter das Wanderpublikum, um es mit Plaudereien über ihre Heimat und volks- oder kindheitsnahen Ständchen zu unterhalten. Mit einem großen Familienfest an sechs Spielstätten der Altstadtinsel besiegelte Markus Fein seine Ära auf dem grünen Elbhügel, bevor sich seine Nachfolgerin, die Geigerin Carolin Widmann, samt ihren Musikerfreunden mit Schuberts Oktett gewinnend einführte. Die finanziell gesicherten Sommerlichen Musiktage 2012 werden dem Thema "Exil" gewidmet sein.
Kultur trifft Natur: Jenseits ausgetretener Pfade sind die Sommerlichen Musiktage in Hitzacker zu einem der spannendsten Festivals geworden.
Marcus Stäbler, Hamburger Abendblatt, 8.8.2011: Rund 400 Menschen stapfen durch die saftig grüne Auenlandschaft bei Gartow im Wendland. Der Schweiß rinnt, die Sonne brennt. Und oben auf dem Baumwipfel klappert ein Storchenpaar - vielleicht als Antwort auf das Saitengezwitscher von Patricia Kopatchinskaja: Die moldawische Geigerin und ihre Kollegen erquicken die rüstige Wandertruppe an vier Stationen. Als Wegzehrung gibt es Stücke von Say, Bartok und Beethoven.
Dieses Miteinander von Kultur und Natur gehört zu den Markenzeichen der Sommerlichen Musiktage Hitzacker - so wie beim traditionellen "Festival-Walk" am vergangenen Sonnabend. Der Spaziergang erstreckte sich über mehr als zehn Kilometer, dauerte rund sechs Stunden und führte über Feld und Wiesen, über Stock und Stein. Ein Sinnbild für den Geist des Festivals. Denn der scheidende Intendant Markus Fein liebt es, sein Publikum herauszufordern und abseits der ausgetretenen Pfade zu wandeln, immer auf der Suche nach neuen, spannenden Programmideen. In diesem Jahr umkreiste er das Motto "Familienbande" aus verschiedenen Blickwinkeln. Zur Eröffnung zerpflückte Nike Wagner genüsslich den Mythos ihres eigenen Wagner-Clans; der musikalisch-literarische "Tag mit den Mendelssohns" beleuchtete die geistesgeschichtliche Bedeutung der Familie.
Trotz solcher Ausflüge in die Wissenschaft sind die begleitenden "Hörer-Akademien" in Hitzacker alles andere als Spaßbremsen-Seminare: Markus Fein vereint fachliche Kompetenz mit leidenschaftlicher Entdeckerfreude. Wie er sich, unterstützt von Landkarten, Fotos und historischen Aufnahmen, eloquent an das Umfeld des rumänischen Komponisten George Enescu heranpirschte, wie er gemeinsam mit Patricia Kopatchinskaja und der Pianistin Mihaela Ursuleasa in Enescus dritte Violinsonate eintauchte und dabei förmlich vor Begeisterung glühte - das hatte ein riesiges Ansteckungspotenzial. Nennen wir ihn also einfach mal den besten Musikvermittler der Republik. Sir Simon Rattle und seine Berliner Philharmoniker werden mit ihrem neuen Dramaturgen sicher noch viel Freude haben.
Der promovierte Musikwissenschaftler bastelt jedoch nicht bloß anregende Programme, er besitzt auch ein feines Händchen für die Künstlerauswahl. Diesmal hatte er passenderweise einige namhafte Interpreten samt ihren Familien eingeladen. Die Gambistin Hille Perl spielte mit ihrem Partner, zwei Töchtern und Schwiegersohn Werke von komponierenden Vätern und Söhnen aus Renaissance und Barock. Und die bereits erwähnte Teufelsgeigerin Patricia Kopatchinskaja entzündete mit ihren Eltern das Feuer der moldawischen Volksmusik - ein Höhepunkt der 66. Sommerlichen Musiktage im verträumten Städtchen Hitzacker mit seinem wunderschönen Elbblick.
Der goldene Geigenbogen - Patricia Kopatchinskaja eröffnet die Musikfestwoche Meiringen
Jürg Huber in Neue Zürcher Zeitung, 12.7.2011: ...Die einzige Geigenbauschule der Schweiz, in Brienz, am Eingang zum Haslital, ist sie beheimatet und bildet rund zehn junge Handwerksleute in der Kunst des Streichinstrumentenbaus aus. Nach unsicheren Zeiten gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts wird die 1944 gegründete Schule seit 1998 von einer Stiftung getragen. Alljährlich richtet sie mit dem «Goldenen Bogen» einen Preis an Persönlichkeiten aus, die sich «durch herausragende Verdienste im Bereich der Streichinstrumente» ausgezeichnet haben. Klingende Namen wie Thomas Zehetmair, Tabea Zimmermann, Natalia Gutman oder Thomas und Patrick Demenga stehen auf der Liste bisheriger Preisträger.
Dieses Jahr ging der «Goldene Bogen» aus der Werkstatt von Johannes und Marianne Finkel an Patricia Kopatchinskaja. Geehrt wurde damit eine Musikerin, die sich «mit ihrem eigenwilligen Stil» weltweit die Konzertpodien erobert hat. Am Eröffnungskonzert der Meiringer Musikfestwoche, an der die 1977 geborene Geigerin den Preis entgegennehmen durfte, wurde das Publikum denn auch nicht enttäuscht. Furios und ohne Rücksicht auf intonatorische Verluste agierte sie in Vivaldis Violinkonzert «La tempesta di mare», reicherte es mit Klangtechniken des 20. Jahrhunderts an und wagte im dritten Satz einen musikalischen Ausflug in ihre osteuropäische Heimat, bevor sie wieder in Vivaldis Venedig des frühen 18. Jahrhunderts einlief.
Nach dieser eher zirzensischen Leistung bewies Kopatchinskaja im «Concerto funebre» von Karl Amadeus Hartmann, dass sie zu den grossen Geigerinnen der Gegenwart gehört. Bloss dekorativ wollte man auch ihr Vivaldi-Spiel kaum nennen, doch nun offenbarte sie eine Expressivität, die alles andere als abstrakt ist. Dem Zeitdokument, das der Münchner Komponist 1939 in Vorahnung des Grauens geschrieben hat, rang Kopatchinskaja alle erdenklichen Facetten ab. Nach der rhapsodisch frei genommenen Einleitung hob die Solistin im Adagio, sorgsam begleitet von der Camerata Zürich, zu einem berührenden Klagegesang an. Das existenziell aufwühlende Allegro machte die Bedrohung, das Aufbegehren und die Hoffnung, schliesslich die Verzweiflung am Vorabend des Zweiten Weltkriegs körperlich spürbar. Alle Farben des Lebens schienen im Choral nochmals auf, bevor ein schmerzlich dissonanter Klang jede Zuversicht abwürgte. Eine zutiefst erschütternde Erfahrung, die Kopatchinskaja nach der Preisverleihung mit einem folkloristisch gefärbten Sonatensatz von George Enescu etwas milderte...
Hitzköpfige Dialoge - Schwetzinger Festspiele: Das Duo Kopatchinskaja/Say
ml in Schwetzinger Zeitung, 6. Juni 2011: Seine Nasenspitze berührt fast die Klaviertasten; so tief beugt er sich vornüber, um eine orientalische Klangfarbe zu mischen oder ein gerade noch hörbares Piano zu flüstern. Fazil Say spielt, dirigiert, singt und raunt im Überschwang seiner Empfindungen. Und er beschwört seine Duo-Partnerin Patricia Kopatchinskaja vor magischen Momenten, suggeriert Explosionen, fleht um Wattebausch-Töne. Sie fühlt sich von diesem Piano-Flüsterer extrem beflügelt; seine Appelle setzt die barfüßige Geigerin äußerlich ungerührt, aber innerlich brodelnd um. Beide funken auf derselben Wellenlänge, deshalb können sie sich diese Unberechenbarkeit in Rhythmus, Dynamik und Auslegung des Notentextes leisten. Das Festspiel-Publikum im Rokokotheater ist entzückt.
Das Duo kommt mit dem Schmelztiegel-Programm aus der CD und rundet die Ost-West-Begegnung durch drei Zugaben ab: das schnatternde "Crin" von Jorge Sanchez-Chiong, die Clownerie "Rag" von Giya Kancheli und Beethovens "Elise" als Jazz-Version. Was das Paar da wie improvisierend versprüht, hat seinen Dreh- und Angelpunkt in Bartóks "Rumänischen Volkstänzen" und in Ravels zweiter Sonate für Violine und Klavier.
Blues und osteuropäische Folklore beschnuppern sich und begrüßen auch Fazil Says arabisch angehauchte Sonate an diesem Treffpunkt dreier Welten. Das Multikulti-Konzept stülpen sie Beethovens "Kreutzer"-Sonate über. Die Einladung dazu beziehen sie aus der Tatsache, dass der Komponist seine "Sonata mulattica" ursprünglich dem "Mulatten Bridgetower" widmete. Darin kreuzen sich jetzt moldawische Kindheitserinnerungen der Geigerin und vulkanische Ausbrüche des Jazz-Pianisten aus Ankara mit hitzköpfiger Virtuosität. Das klingt zwar selten nach Beethoven, aber es passt zu ihm, denn auch er lebte ja in einer Multikulti-Gesellschaft.
Bedingungslos- Patricia Kopatchinskaja in Zürich
Alfred Zimmerlin in Neue Zürcher Zeitung vom 14.5.2011: Ludwig van Beethoven war ein Nonkonformist erster Güte. Wenn die Geigerin Patricia Kopatchinskaja sich mit Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61 auseinandersetzt, so kommt seine Subjektivität zur Geltung, dass man meint, das Werk neu zu hören. So am letzten Donnerstag in der Tonhalle Zürich zusammen mit dem Finnischen Radio-Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Sakari Oramo. Subjektiv interpretieren heisst bei ihr jedoch: das Individuelle, Revolutionäre, Empfindsame, auch Ungalante der Musik durch totale Identifikation mit dem Werk radikal zu zeigen; es heisst keineswegs Selbstdarstellung.
Allein wie eine Tonleiter artikuliert wird, ist ein Hörvergnügen; Figurenwerk, welches die Motivik umrankt, ist voll Freiheit gestaltet und erzählt uns so viel Neues über das Werk. Bedingungslos zarte Töne kann die Geigerin einer Passage geben, ihrem Instrument nie gehörte, mitunter auch ruppige Farben entlocken. Sie riskiert alles, kommunikationsfreudig. Sakari Oramo kommt es ebenfalls auf eine enge, bewegliche Partnerschaft zwischen Solistin und Orchester an. Kopatchinskaja kann in das Orchester eintauchen und wieder hervortreten, gemeinsam werden überraschende Details hörbar. Auch nach der Pause in Carl Nielsens vierter Sinfonie zeigte Oramo, wie sehr es ihm auf eine plastisch sprechende Gestaltung ankommt, wie konkret und energetisch er mit dem glänzenden Orchester zur Sache gehen kann.
Die Kadenz bei Beethoven wird bei Kopatchinskaja zur Gemeinschaftsarbeit. Die erhaltene Originalkadenz für die Klavierfassung des Werkes arrangierte sie für sich, den Konzertmeister und den Pauker - aber wie. Und auch die Zugaben mochte sie nicht alleine geben, sondern holte sich kurzerhand - für einige von Bartóks Violinduos - den Soloklarinettisten, den Konzertmeister, Sakari Oramo als Pizzicato-Geiger auf geliehenem Instrument und den Pauker mit dazu: Wenn so viele wunderbare Musiker auf der Bühne sitzen, dann wird gemeinsam musiziert!
Beethoven, überraschend leise
Tobias Rotfahl in Tages-Anzeiger vom 14.5.2011: Nur selten äussern sich Musiker öffentlich über ihre Interpretationen. Patricia Kopatchinskaja hält es anders: Nicht kühn, kraftvoll, sondern zart, rein und vor allem leise sei das Geigenspiel des Widmungsträgers von Beethovens Violinkonzert, Franz Clement, gewesen: Daran halte sie sich. Diametral stellt sie sich damit einer Interpretationsgeschichte entgegen, die geprägt ist von magistral-hilflosen Versuchen, den simplen Tonleitern und Akkordbrechungen dieses Soloparts so was wie Bedeutungsschwere abzuringen.
Auf den Versuch einer Wiederbelebung von Clement lässt sich ihr Interpretationsansatz jedoch nicht reduzieren, sie bleibt ganz Kopatchinskaja, voller Temperament,
Einfallsreichtum und unbedingtem Ausdruckswillen - diesmal mit Fokus auf das Schlichte, Unschuldige, Schwebende. Ihr Mut zum Leisen überträgt sich wunderbar auf das Orchester - und das Spektakel wird ins Arrangement verschoben, das sie aus Beethovens Kadenzen zur Klavierfassung dieses Konzerts entwickelt hat und in das sie den Paukisten wie den Konzertmeister einbezieht.Nicht nur hier wird das Gastspiel des Finnischen Radio-Sinfonieorchesters zur nachdrücklichen Bestätigung des erstklassigen Rufs, den Finnland auch in der musikalischen Bildung geniesst. Mit Dirigent Sakari Oramo richtet es in Carl Nielsens vierter Sinfonie den Fokus auf die harschen Konfliktlinien, die in diesem konservativen Werk durchaus existieren. Und wenn im Finalsatz die Paukisten zum Duell antreten, gibt sich auch der über den Abend gespannte Bogen zu erkennen: Vom Paukensolo am Anfang von Beethovens Violinkonzert bis zum Paukenduell am Schluss der pathosgeladenen Nielsensinfonie.
Beethoven bekommt einen ganz neuen Geschmack - Unter Sakari Oramo gaben das "Finnish Radio Symphony Orchestra" und Geigerin Patricia Kopatchinskaja ein Gastspiel in der Alten Oper.
Martin Grunenberg, Nassauische Neue Presse, 12.5.2011: Eine Solistin, die ein so bekanntes Werk wie Beethovens Violinkonzert von Noten spielt und die wenn man genau hinschaut immer barfuß auftritt? Keine Frage, Patricia Kopatchinskaja ist eine unkonventionelle Musikerin. Aber sie inszeniert ihre Auftritte nicht, sondern es ist ihr Weg, um mit dem Lampenfieber zurecht zu kommen.
Viel wichtiger ist, dass es Patricia Kopatchinskaja gelingt, auch das berühmte Violinkonzert ungewöhnlich und sehr persönlich zu interpretieren. Ein Ton von "äußerst lieblicher Zartheit" wurde dem Geiger der Uraufführung in Wien nachgesagt, nach diesem Ideal strebt auch Kopatchinskaja. Sehr leise und mit zum Teil berückend schönem Ton betont sie die lyrischen Seiten des Konzerts, konfrontiert dies an anderer Stelle aber mit harschen Ausbrüchen. Und bei aller historischen Informiertheit nimmt sie sich doch einige kleine Freiheiten heraus. Um so größer ist die Freude auf ihrem Gesicht, wenn das Zusammenspiel mit dem bestens aufgelegten finnischen Radio-Sinfonieorchester gelingt.
Doch Patricia Kopatchinskaja hatte noch einige Überraschungen parat: Als großes Solo am Ende des 1. Satzes spielte sie ihre eigene Transkription der Kadenz, die Beethoven für die Klavierversion seines Violinkonzerts geschrieben hat. Und da das auf einer Violine nicht zu machen ist, waren gleich noch der Konzertmeister und der Pauker des Orchesters mit eingebunden.
Bei den Zugaben spielte sie Musik ihrer moldawischen Heimat, erst als Zupf-Duett mit Sakari Oramo, der sich eine Geige auslieh, und dann noch mit dem Klarinettisten und dem Konzertmeister.
Musik entsteht aus Freude am Miteinander da bekommt auch eine "olle Kamelle" wie das Beethoven-Konzert wieder neuen Geschmack. Auch mit der kraftvollen und dynamischen 4. Sinfonie des Dänen Carl Nielsen begeisterte das Ensemble das Publikum.
Eigenwillig impulsiv - Patricia Kopatchinskaja in der Alten Oper
Harald Budweg in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.5.2011: Als die aus Moldau stammende Geigerin Patricia Kopatchinskaja vor einigen Jahren ihr Frankfurt-Debüt bestritt, stand mit Beethovens Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 zwar ein Standardwerk der Musikliteratur auf dem Programm, doch hatte man damals den Eindruck, dieses Werk noch nie gehört zu haben. Zumindest nicht so, und das lag gewiss nicht an der die junge Künstlerin begleitenden Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die damals unter der Leitung des in Frankfurt wohlbekannten Paavo Järvi musizierte. Wiederum bei einem "Pro Arte"-Konzert in der Alten Oper hat Patricia Kopatchinskaja dieses Jahrhundertwerk abermals interpretiert; nun waren das YLE Radion sinfoniaorkesteri Helsinki (das finnische Radio-Sinfonieorchester) und sein Chefdirigent Sakari Oramo ihre Partner.
Und abermals war alles anders. Es soll hier nicht darum gehen, die Interpretation mit der Debütleistung von damals zu vergleichen, zumal die aktuelle Interpretation wesentlich reifer wirkte. Die Impulsivität eines auf Kontraste und Akzente zielenden Grundmusters einer atemberaubend lebendigen Beethoven-Deutung scheint jedoch unverändert dominierend, was die Virtuosin nicht daran hindert, im Larghetto und auch im Rondo in hohem Maße melodischen Wohlklang zu entfalten. Dass einige melodische Wendungen und Läufe nicht ganz zu "stimmen" scheinen, liegt daran, dass die Solistin sich Einblicke in Beethovens Werkstatt gewährt und den Entstehungsprozess dieses Konzerts mitbedacht hat. Außerdem spielte sie die große Paukenkadenz aus der Klavierkonzert-Fassung, die sie zudem bearbeitet hat - im Ganzen eine unkonventionell spannende Interpretation auf hohem geigerischem Niveau, an die sich als Zugabe einige Duos für zwei Violinen von Bartok anschlossen.
Ungewöhnlich impulsiv und kontrastreich erlebte man nach der Pause auch Sakari Oramos Deutung der Sinfonie Nr. 4 op. 29 ("Det Uudslukkelige") von Carl Nielsen. Der Titel des dänischen Komponisten bedeutet übersetzt etwa "Das Unauslöschliche" und könnte angesichts der Entstehungszeit der Sinfonie (1916) auch programmatisch verstanden werden. Doch obwohl sich im Finale zwei gegenüber postierte Paukenbatterien wahre Schlachten liefern, lassen sich diese Kadenzen - und die hübsche Melodie, die sich dennoch am Ende behauptet - auch rein musikalisch herleiten. Gleichwohl: ein effektvolles Werk, mit größtem Engagement dargeboten. Eine Sibelius-Zugabe folgte.
Hemmungslosigkeit aus Prinzip - Durchartikuliert bis ins Letzte: Patricia Kopatchinskaja möbelte Beethovens Violinkonzert in der Alten Oper Frankfurts auf. Und das vollbesetzte Finnische Radio Sinfonieorchester bot ein grandioses Profil für Carl Nielsens 4. Sinfonie.
Bernard Uske, Frankfurter Rundschau, 11.5.2011: Hemmungslosigkeit als ästhetisches Prinzip hatte man beim jüngsten Pro Arte-Konzert mit dem Finnischen Radio Sinfonieorchester in der Frankfurter Alten Oper erst nach der Pause erwartet bei Carl Nielsens 4. Sinfonie, die den Beinamen Das Unauslöschliche trägt, was sich auf den Einsatz der Töne des dänischen Komponisten für vitalistische Konzepte bezieht. Ein kraftstrotzender Monolith ist das 1914 bis 1916 komponierte Werk, wo selbst die Störkanonaden zweier mächtiger Pauken-Paare zur höheren Ehre triumphaler Steigerungen des Lebensgefühls gereichen.
Das vollbesetzte Orchester aus dem hohen Norden bot ein grandioses Profil dieses sich wenig um organische Formentwicklung mitteleuropäischer Herkunft scherenden Werks. Dabei hätte die üppige Streichermasse homogener und muskulöser im Tonbilden gar nicht sein können und auch die Bläser waren unter den Händen von Chefdirigent Sakari Oramo von strahlender Fitness.
Mitnichten war Ludwig van Beethovens Violinkonzert, das den ersten Teil des Abends in der Alten Oper ausmachte, klassizistischer Kontrast zu skandinavischer Unkonventionalität. Und das lag in erster Linie nicht am finnischen Tutti-Zugriff sondern an der jungen moldavischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die bereits bei ihrem ersten Einfädeln ins orchestrale Geschehen klar machte, klassizistische Gepflogenheiten hinter sich lassen zu wollen. Reine Subjektivität war das, die in den Korridoren ihrer Stimme zwar immer auf dem Teppich blieb, aber mal ganz leicht auftrat, mal beschleunigt tippelte, zur Seite auswich, Luftsprünge machte kurzum: eine Darstellung, die an agogischer Variabilität ihresgleichen sucht.
Auf diese Weise erlebte man Passagen, die in ihrer gestischen Sinnfälligkeit so bisher nicht bekannt gewesen waren: alles völlig durchartikuliert bis ins Letzte und auch oft Leiseste, was besonders, wie im zweiten Satz, bewegte. Es war nur schade, dass sich die Solistin ihre Kadenzen aus Beethovens Klaviertranskription des Werks zurückübersetzt hatte, was wegen der deutlich bescheideneren Faktur der ehemaligen Klavierstimme sich als eher harmloses pop-fideles Aufspielen entpuppte.
Gesprengte Strukturen - Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say im Prinzregententheater
Klaus Kalchschmid in Süddeutsche Zeitung vom 26.3.2011: München - Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say sind zwei Extrem-Musiker, die sich mit den Grenzen ihrer Instrumente nicht abfinden wollen und so lange wühlen, bis sie dem Gehalt der Töne auf den Grund gegangen sind. Also sprengen sie im vollbesetzten Prinzregententheater bei Beethovens Kreutzer-Sonate die Strukturen der Musik mit Leidenschaft, reizen sie den Ausdruck bis ins Letzte aus. Da explodieren die Pizzicati auf der Geige schon mal wie die Saiten des Flügels knallen. Bereits auskomponierte Leise-Laut-Kontraste werden noch einmal potenziert, Tempi verschärft, dass die Späne nur so fliegen - ohne Rücksicht auf Verluste.
Doch leider erzeugt dieser permanente Überdruck, dieses Gehetztsein eine rein physische Abwehr. Man schaltet irgendwann ab und verschließt die Ohren vor der Dauerattacke. Dabei klingt es berückend, wenn Kopatchinskaja zart und leise spielt, nur tut sie das allzu selten.
Nach der Pause ist mit einem Mal alles im Lot. Aus seiner eigenen Sonate op.7 holen Fazil Say und seine Partnerin alles heraus, vielfältig beleuchten sie ihre unterschiedlichen musikalischen Stile. Höhepunkt des Konzerts aber ist Maurice Ravels G-Dur-Sonate. Großartig die Klangmischungen, das Farbenspiel und die Entfaltung ihres harmonischen Reichtums. Nicht zuletzt beim 'Blues' betitelten Mittelsatz sind die beiden Erzmusiker ganz bei sich, und man wähnt sich in einem Jazz-Club.
Großartig frei und herrlich musikantisch gelingen auch die Rumänischen Tänze Bartãks und nicht zuletzt die vier Zugaben: De Falla, Kancheli und ein 'Für Elise', das in einer wunderbar wilden Bearbeitung mündet. Vielleicht wäre das auch der konsequente und befreiende Zugriff auf die Kreutzer-Sonate gewesen. Ovationen.
Klassik · CD · Rezensionen: Rapsodia
Carsten Niemann, Rondomagazin, 19.03.2011: So richtig lernt man einen Menschen bekanntlich erst kennen, wenn man ihm in seiner Familie begegnet ist. Diese CD nun ist eine Einladung in die Familie von Patricia Kopatchinskaja und vielleicht wird sie den einen oder anderen Skeptiker bewegen, die Kunst der jungen moldawischen Geigerin liebevoller zu beurteilen. Der Titel lautet "Rapsodia" und bezieht sich zum einen auf den Namen des Ensembles von Kopatchinskajas Vaters, des Cymbalvirtuosen Viktor Kopatschinsky. Das Rhapsodische ist aber auch eine musikalische Haltung: ein intensives Leben im musikalischen Augenblick, das den größeren Zusammenhang nicht konstruieren will, sondern ihn als gegeben voraussetzt. Es ist eine Haltung, die für gute Volksmusik typisch ist und wie sehr sie Patricia Kopatchinskaja geprägt hat, ahnt man in jedem der Duos, die sie mit ihrem Vater spielt. Erfrischenderweise spielt es dabei keine Rolle, welcher Stilepoche die Musik angehört: Schon zu Beginn, in der mitreißenden eröffnenden Ciocârlia (einer virtuosen rumänischen Weise) gehen die Juchzer der Geige in improvisierte Imitationen von Vogelstimmen und schließlich sogar in eine lustvolle Studie voll grotesker Pick- und Zwitschergeräusche über. Im weiteren Verlauf werden die verschiedensten Verbindungen zwischen südosteuropäischer Folklore und mitteleuropäischer Avantgarde ausgelotet: von György Kurtágs hochkonzentrierten Duos für Cymbalum und Violine über die geschickte Bearbeitung von Maurice Ravels "Tzigane" für eben diese Besetzung bis hin zu Georges Enescus dritter Sonate für Violine und Klavier. Sie alle sind verbunden durch eine spürbare Lust an der eigenen Virtuosität, große Klangfarbensensibilität und der Bereitschaft von Vater und Tochter, sich vorbehaltlos zu der Portion Wahnwitz zu bekennen, die in jeder Familie schlummert.
Die Junge Deutsche Philharmonie unter Andrey Boreyko in der Philharmonie
Clemens Haustein in Berliner Zeitung, 16.3.2011: ...Der leichte Stil Boreykos korrespondiert in Prokofjews Violinkonzert bestens mit dem Spiel Patricia Kopatchinskajas. Nie zielt sie nur auf solistische Durchschlagskraft ab, auf den großen Geigerton, immer steht die pointenreiche Gestaltung im Vordergrund, der starke Kontrast. Den Beginn des ersten Satzes haucht sie, als sei dies ein fahler Gruß aus dem Totenreich, das Scherzo mit seinen slawischen Rhythmen spielt sie dagegen mit diebischer Daseinsfreude. Auch sie darf nicht ohne Zugaben ihren kleinen, grauen Teppich verlassen, auf dem sie barfuß stehend musiziert. Und spielt ein Kafka-Fragment von György Kurtag: "Ruhelos". Dauer: etwa 30 Sekunden.
Weniger Musik als Botschaft ist das - und schlägt damit einen Bogen zum Beginn des Abends, der mit einer Schweigeminute für die japanischen Erdbeben-Opfer begonnen hatte. Die Stille des Schweigens und das Gezwitscher von Strawinskys "Chant du rossignol" - der erste von vielen überraschenden Kontrasten in diesem Konzert.
Andres Boreykos glückliche Hand für die jungen Musiker
Klaus Geitel in Berliner Morgenpost vom 16.3.2011: Der ergreifendste Augenblick kam noch vor Beginn des Konzerts. Da bat Andrey Boreyko, der Dirigent der Jungen Deutschen Philharmonie, das Publikum sich für eine Minute gemeinsam mit dem Orchester zu erheben und Japans und der gequälten, vernichteten, gestorbenen Japaner zu gedenken...
...Die Musikermannschaft zwischen 18 und 28 Jahren wurde ihm bezaubernd gerecht, vor allem natürlich die Soloflötistin als Nachtigall. Auch Patricia Kopatchinskajas befeuertes Geigenspiel ließ sich beim schlechtesten Willen nicht überhören. Sie warf sich buchstäblich für Prokofjews 1. Violinkonzert ins Zeug. Allein schon das geradezu über Stock und Stein dahinrasende, fingerbrecherische Scherzo wies der jungen Geigerin den Weg in den Triumph.
Die Junge Deutsche Philharmonie mit Boreyko
Sybill Mahlke in Tagesspiegel (Berlin), 16.3.2011: Die barfüßige Geigerin Patricia Kopatchinskaja präsentiert sich wie ein Bündel voller Musik. Es ist ihre Körpersprache, die von den Ursprüngen menschlicher Spiele fern unserer Zivilisation zu erzählen scheint, wo alle Darstellungskünste noch zusammenwohnen. Musik ist Aufforderung zum Tanz, zum Sprung. Aber sie leuchtet auch träumerisch zart, wenn Kopatchinskaja mit dem Thema des ersten Violinkonzerts von Prokofjew einsetzt, hohe Register, Kammermusik. Es ist ein Wunder der Musikgeschichte, dass dieses Konzert 1916/17 etwa gleichzeitig mit der Sinfonie classique auf die barbarische Skythische Suite des Komponisten antwortet. Die naturhafte Interpretation der Geigerin hat alles: Wildheit und Naivität, List, Witz, den Takt dazu im nackten Fuß, die Ganzheit der Musik.Und viel Zurückhaltung, flüsternde Figuration im Zusammenspiel mit dem hingebungsvoll begleitenden Orchester...
Nachtigall singt, Frühling erwacht - Boreyko leitet Junge Deutsche Philharmonie
Peter Krause, Die Welt (Hamburg), 14.3.2011: ... Für Prokofjews "Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur" Patricia Kopatchinskaja zu verpflichten erwies sich als weise Entscheidung. Das eigensinnige, entschiedene und extreme Geigenspiel der moldawischen Solistin passt bestens zu einem Klangkörper, der das Programm des Abends wirklich gänzlich neu für sich entdeckt. So wie das Orchester dank seiner Jugend noch keinen Repertoireschlendrian kennt, weiß die Kopatchinskaja jeder Aufführung den Charakter einer Uraufführung zu schenken. So haben wir diesen Prokofjew jedenfalls noch nie gehört. Mit gläsernen Tönen eröffnet die grandiose Geigenhexe, die stets barfuß auftritt, also das Werk, gibt ihrem Spiel erst mit dem rhythmisch markanten zweiten Thema körperliche Erdung, um in der Musik bald vollends aufzugehen: Sie tanzt dazu und steigert sich wie von der Tarantel gestochen in das Violinkonzert hinein, dem sie alle "mendelssohnische" Lyrik, die anlässlich der Pariser Uraufführung 1923 noch kritisiert worden war, gehörig austrieb.
Im Vivacissimo-Scherzo erlebten wir gar, wie sich eine tollkühne Technikerin in Trance spielte. Ihre akrobatischen Doppelgriffe sitzen nicht nur, sie klingen aufregend, hintergründig, kratzig. Dem den violinistischen Musikmarkt beherrschenden Clan der geigenden Mädels tritt hier eine hochsensible Femme fatale entgegen, für die Musik nie nur glatte Schönheit besitzen darf: Kopatchinskaja steht für trotzige Unbedingtheit...
Der kulleräugige Kobold mag nur barfuß Geige spielen - Die Violinistin Patricia Kopatschinskaja verzückte die Laeiszhalle
(TRS) in Hamburger Abendblatt, 14.3.2011: Ihre Berserker-Vorstellung des Brahms-Violinkonzerts im Vorjahr mit den Hamburger Symphonikern unter Peter Ruzicka war wenig geeignet, in das Bohei um die Geigerin Patricia Kopatchinskaja einzustimmen. Doch dass jede Verzückung über diese Musikerin nachfühlbar ist, bekommt sie nur das richtige Stück unter die Finger, den passenden Dirigenten an die Seite und ein exzellentes Orchester, das bewies sie am Freitag in der erfreulich gut besuchten Laeiszhalle.
Die musikantische Unfehlbarkeit, mit der dieser kulleräugige Kobold da über das Violinkonzert Nr. 1 D-Dur von Prokofjew herfiel, war nichts weniger als spektakulär. Kein Wunder, dass eine wie sie barfuß spielt. Sie muss wohl den Atem und den Herzschlag der großen Mutter unter sich spüren und mit den Fußsohlen aufnehmen, damit sie ihn dann mithilfe ihrer superben Technik als Musik in die Welt hinaussingen, hinauskratzen, hinausschleudern kann.
Denn wenn Musik Klangrede ist, dann ist diese moldawische Geigerin eine Art Shakespeare ohne Worte. Vom hohen Ton und herrlicher Poesie bis in die Niederungen derbster Flüche reicht ihr Klang- und Artikulationsvokabular. Das macht ihr Spiel enorm spannend. Schwierigste Passagen spielt sie wie beiläufig, und sie musiziert mit einem wachen Gespür fürs Ganze.
Neben all den tollen, hübschen, jungen ätherischen Virtuosinnen an der Geige steht Patricia Kopatchinskaja da als lachender, lehmbeschmierter Erdgeist, bereit und imstande, aus gröbstem Dreck das Gold ihrer Töne zu spinnen.
Zum Glück des Abends trug die bei allem Spielhunger herrlich diszipliniert agierende Junge Deutsche Philharmonie bei. Dem präzisen und energiegeladenen Dirigat Andrey Boreykos genau folgend, brachte das Riesenensemble auch Strawinskys "Chant du rossignol" und Bartóks noch immer einfach skandalös tolle Konzertsuite aus dem "Wunderbaren Mandarin" auf die Bühne. Das transzendente Leuchten in Debussys "Prélude à l'après-midi d'un faune" hätte noch eine Spur mehr Majestät und Ruhe über den Wassern vertragen können, aber darüber ernsthaft zu quengeln wäre pure Beckmesserei.
Wer mochte, konnte diesem jungen Orchester auch ein Kommunikationsmodell ablauschen: Beziehung gelingt, wenn Stimmen so organisch und transparent ineinandergreifen.(TRS)
Exakt in aller Wildheit
Bernd Kassner, Der Westen, 13.3.2011: Witten. ...Die Programmänderung, die Sergej Prokofievs Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 mit der temperamentvollen moldawischen Solistin Patricia Kopatchinskaja in den Saalbau brachte, kann nur als Glücksfall bezeichnet werden. Das D-Dur-Konzert, für Solisten anspruchsvoll allein schon durch den rasanten Wechsel von Legato- und Pizzicato-Passagen, also gestrichenen und gezupften Folgen, spielte sie trotz aller Virtuosität mit Leichtigkeit und tiefer Seele.
Welch ein Irrwisch, welch ein Energiebündel stand da auf der Bühne - barfuß übrigens. Herrlich die Zusammenarbeit mit dem Orchester, bei dem keiner den anderen an die Wand spielte, und die sich im Bartók-Duo Dudelsack mit Konzertmeisterin Milena Schuster als Zugabe spiegelte. Bartók hat 44 Duos geschrieben, wir spielen aber nur eines, kokettierte die Solistin launig mit dem Publikum.
Ein Abend der Überraschungen: Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Khatia Buniatishvili im schweizerischen Rheinfelden.
Roswitha Frey, Badische Zeitung, 17.2.2011: Dass Patricia Kopatchinskaja am liebsten barfüßig auftritt, weil sie dann beim Spielen den Körper besser spüren kann, ist keine Show, keine Marotte. Es wirkt so authentisch wie alles an dieser Geigerin, die mit ihrer ungezähmten Spielweise ein Gegenentwurf zu den glattpolierten Hochglanz-Violinstars ist. Eigentlich hätte Kopatchinskaja in der Reihe "Weltklassik in Rheinfelden" zusammen mit dem türkischen Pianisten Fazil Say auftreten sollen, einem der angesagtesten Klavierstars. Da Say erkrankt war, musste improvisiert und Programm und Besetzung geändert werden. So erlebte das Publikum im ausverkauften Musiksaal der Kurbrunnenanlage im schweizerischen Rheinfelden einen Abend der Überraschungen.
Den ersten Teil gestaltete Patricia Kopatchinskaja mit Werken für Violine solo. Sie begann mit der Fantasia e-Moll von Telemann. Mit ihrem unprätentiösen, körperhaften und doch strukturbetonten Spiel macht sie aus diesen barocken Sätzen mit ihrem tänzerisch ausgeprägten Charakter alles andere als bloße Einspielstücke. Als Kontrast dann der Szenenwechsel zur Neuen Musik mit kurzen, skizzenhaften Stücken von György Kurtág aus "Signs, Games and Messages" und den "Kafka-Fragmenten". Man spürte, wie sehr Patricia Kopatchinskaja mit der Musik des Komponisten vertraut ist. So lustvoll führt sie diese Miniaturen auf, die in ihrer Kürze und den gelegentlichen Sprechgesang-Einlagen wie kleine Violin-Theatersequenzen wirken. Mal blüht der Geigenton poetisch auf, mal klingt er verlöschend wie ein Hauch, dann wieder blitzt er harsch und spröde auf.
In der zweiten Sonate für Violine und Klavier von Béla Bartók hatte Patricia Kopatchinskaja dann die erst 23-jährige Georgierin Khatia Buniatishvili an ihrer Seite, die viele als eine der großen kommenden Pianistinnen sehen. Es war großartig, wie sie sich mit Stil und virtuoser Überlegenheit als Klavierpartnerin so schnell auf das Temperament der Geigerin einstellte. Kopatchinskaja legte mit ihrer Duopartnerin ein Bartók-Spiel von heftiger Expressivität vor, emotional aufgeladen und bis zum Zerreißen gespannt. Da war eine Gefühlsmusikerin zu erleben, die sich mit Haut und Haar, mit vehementer Ausdrucksintensität dieser Musik ausliefert, sich mit dem ganzen Körper in das Violinspiel legt, oft bis an die Grenze zum Schmerzlich-Aufgewühlten.
Nach der Pause erlebten die Zuhörer eine Art "historischen Moment", die Geburtsstunde eines fulminanten Weltklasse-Trios. Quasi ad hoc formierten sich Patricia Kopatchinskaja, die Starcellistin Sol Gabetta und Khatia Buniatishvili zum Trio, um Tschaikowskys bedeutendstes Kammermusikwerk aufzuführen: das ausladende Klaviertrio a-Moll op. 50. Bei der Interpretation dieses Werks hatte man das Gefühl, hier haben sich drei junge Ausnahmekünstlerinnen gesucht und gefunden. So von einer musikalischen Linie getragen klang ihr Zusammenspiel als würden sie schon ewig zusammen spielen. Tiefelegisch entfalteten Gabetta und Kopatchinskaja den ersten Satz, überlegen und mit Finesse gestaltete die Pianistin den vollgriffigen Klavierpart, ohne selbst im Fortissimo die Streicherinnen zu überdecken. Große Kammermusikkunst auch im Variationensatz über ein russisch gefärbtes Liedthema. In diesen Variationen konnte das Trio mit allen Facetten seiner Spielkunst aufwarten, mal entfesselt und energisch, mal mit weichem Streicherklang und zarten Klavierarpeggien ein leidenschaftlicher Tschaikowsky.
Und die Geige zwitschert wie ein türkischer Vogel - Fazil Say und Patricia Kopatchinskaja im Konzerthaus
Ann-Christine Mecke in Berliner Zeitung, 31.1.2011: ...Seiner Kammermusik-Partnerin Patricia Kopatchinskaja hat Say ein Violinkonzert namens "1001 Nights in the Harem" auf den Leib geschrieben. Strukturell, wenn auch nicht klanglich, ähnelt es Nikolai Rimski-Korsakows "Scheherazade": Die Sologeige gibt die Erzählerin aus "1001 Nacht"; eine wiederkehrende Kadenz der Geige verbindet die vier Sätze wie die Rahmenhandlung die orientalischen Märchen. Doch statt der melodischen Orientalismen des 19. Jahrhunderts hat Say türkisches Schlagzeug prominent eingebunden. Says Violinkonzert ist aber kein ethnomusikalisches Lehrstück, sondern ein für Solistin und Hörer gleichermaßen dankbares Werk: mitreißend, fantasievoll, kurzweilig. Zarte Klangspielereien, fett-romantische Töne und wilde Rhythmen wechseln sich ab, eine klare Struktur macht das vielfältige Werk dabei schnell erfassbar. Kopatchinskaja hat ausnehmend Gelegenheit, sich als feurige Virtuosin zu präsentieren. Neben der Spontaneität ihres Spiels beeindruckt vor allem ihre Klangvielfalt: Übergangslos wechselt sie vom vollen Geigenklang zu Flötentönen, zu Sitar oder Vogelgezwitscher, als hätte sie einen Koffer voller Effektinstrumente dabei...
Patricia Kopatchinskaja mit "Rapsodia"
Financial Times (Deutschland), 30.1.2011: Beethovens Violinkonzert spielt sie gerne barfuß, und manche Kritiker meinen, so klinge es auch. Patricia Kopatchinskaja, geboren in Moldawien, polarisiert die Zuhörer. Tatsächlich hat die Geigerin den Ruf einer jungen Wilden, ihr kratzbürstiger Ton und das Peitschen ihres Bogens erzählen aber auch viel von ihrem Lebensweg. Als Kind emigrierte sie mit der Familie nach Wien, im Gepäck die Volksmusik der Heimat. Die Eltern waren zu Sowjetzeiten bekannte Musiker, Vater Viktor galt als der bekannteste Interpret des Cymbalons, einer osteuropäischen Variante des Hackbretts, dessen Saiten mit Klöppeln geschlagen werden. Kopatchinskaja legt ein Familienalbum zwischen Balkan und Klassik vor - Ravels Solostück "Tzigane" nimmt sie zwar alle Zigeunerromantik, gibt ihm aber umso mehr Feuer (dpa).
Welt des Orients
Tobias Roth, www.klassik.com vom 29.1.2011: Die Thematisierung der Türkenmode im Einzugsgebiet der (Wiener) Klassik ist in letzter Zeit selbst zu einer Mode der Programmgestaltung und der Programmhefte geworden. Auch das Konzerthaus Berlin hat nun mit einem solchen Programm aufgewartet: Unter der Leitung von John Axelrod gab das Konzerthausorchesters Mozarts Ouvertüre zur 'Entführung aus dem Serail', Beethovens Drittes Klavierkonzert mit Fazil Say als Solist sowie Haydns Symphonie Nr. 100. Neben den klassischen Triumvirn stand noch eine Komposition von Fazil Say selbst auf dem Programm, das Violinkonzert '1001 Nights in the Harem'... Dieses kam mit dem Führungspersonal der Uraufführung von 2008 zu Gehör... Wie viele Kompositionen Says ist es ein süffiges, filmmusikhaftes Werk mit reichlich Exotismus, Effekt und einem virtuosen Solopart gewürzt. Natürlich ist das Kulturindustrie wie sie im Buche steht, aber nichts behauptet das Gegenteil, sodass man sich getrost auf die instrumentale Leistung der Solistin beschränken kann. Und Kopatchinskajas Verfügungsgewalt über die verschiedenen Aspekte und Klangspektren der Geige ist bewundernswert. Virtuos und entfesselt konnte sie sich in dieser Partitur, die ihr auf den Leib geschrieben ist, austoben und streckenweise auch einen veritablen Klangzauber entfalten.
Geigerin Patricia Kopatchinskaja hat meist mehr zu bieten als Raserei
Christian Knatz, www.echo-online.de vom 28.1.2011: Angekündigt war das wilde und ursprüngliche Spiel der Patricia Kopatchinskaja. Das machte neugierig und ein bisschen bang für den Auftritt der jungen Geigerin beim Ludwigshafener BASF-Minifestival mit insgesamt vier Stars der Szene. Nun, die dritte Violinsonate von Johannes Brahms spielte die gebürtige Moldawierin so wild, wie sich der zuweilen als zauseliger Schwerblüter unterschätzte Komponist hier äußert, und so ursprünglich, wie die Leidenschaften, die dieses Werk durchpulsen. Sie durchlitt sie zusammen mit ihrem türkischen Klavierpartner Fazil Say, mit dem sie jüngst einen Echo-Klassik-Preis errang: Gemeinsam begehrten sie auf, ermatteten, säuselten, tänzelten und deklamierten.
Noch besser kam der immer ein wenig dem Flageolett angenäherte schwebende Ton der Geigerin in Schuberts Sonatine D 385 zur Geltung. Zwischen der Wucht des Kopfmotivs im ersten Satz und der Wucht der Akkordschläge ganz zum Schluss zeigte sie im Pfalzbau ein Kunststück: Mit Intensität, nicht mit Volumen füllte Kopatchinskaja den großen Raum, und Say, dessen gesangliche Linienführung seinem Gesang zum Klavier vorzuziehen ist, war ihr mit murmelndem Spiel ebenbürtig.
Streichergebnis in Ludwigshafen war Beethovens Violinsonate op. 30/3, in der bei blendender Virtuosität über allen Stampfern, koketten Zuspielen und fliegenden Haaren die Idee einer Metamorphose von Themen und Motiven in den Hintergrund rückte; auch das Finale hatte mehr verdient als eine Siegerpose.
In Maurice Ravels Tzigane machte die Geigerin wiederum schon im Solo-Vorspiel klar, dass Exaltiertheit ein Dienst am Stück sein kann. Und wer diesen Reißer nicht wild und ursprünglich spielt, gehört sowieso mit nass en Fetzen von der Bühne gejagt .
Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say - Die großen Klassik-Entertainer
Stefan M. Dettlinger, Mannheimer Morgen, 28.1.2011: Die ersten Bravo-Rufe gibt es bereits vor der Pause - nachdem Beethovens G-Dur-Sonate (op. 30,3) mit dem flink-folkloristischen Geflecht des Allegro moderato durch zwei wuchtige Akkorde abrupt ein Ende findet. Das gibt es nicht oft, schließlich ist Beethoven hier allenfalls strukturell spektakulär; hier beginnt sein neuer Weg in eine modifizierte, erweiterte Sonatenform. Doch natürlich ist es vor allem die Art und Weise, wie die Violinistin Patricia Kopatchinskaja und der Pianist Fazil Say Beethoven - und nicht nur ihn - spielen. Wild. Frei. Als hätten sie die Musik soeben erst selbst erfunden.
"Elise" zum Mitklatschen Am Ende des Big-Four-Konzerts im ausverkauften Ludwigshafener Pfalzbau, nachdem gewissermaßen die klassische Pflicht mit Schubert, Beethoven, Brahms und Ravel abgearbeitet ist, folgt rauschender Beifall - und dann die Kür: Nach Bartóks sechs Rumänischen Volkstänzen (Sz 56), einer Violinsolominiatur (bei der Kopatchinskaja stimmlich überaus effektvoll mitquietscht) sowie vor einer Violinsonate von Say spielt sie - mit und von Say - Variationen über das berühmte "Albumblatt für Elise", das im fast stampfenden Rhythmus mündet. Und da passiert, was des Guten zu viel ist: Kopatchinskaja fordert die Zuhörer zum Mitklatschen auf. Mit Erfolg. Warum tut sie das! Sie überschreitet damit eine geschmackliche Grenze und driftet hinüber zum fast TV-Volkstümlichen. Das sollte sie lassen, wirft es doch auf die Ernsthaftigkeit, mit der sie sich zuvor den Werken widmete, ein fahles Licht.
Denn sie und Say können so viel. Beethoven klingt feinnervig und aufregend. Der revolutionäre Geist vor allem des ersten Satzes von op. 30,3, das knackige Grummeln des Klavierbasses, die immer wieder schroffen Ausbrüche der Violine, das musikalische Fragmentarisieren des Materials und der Fast-Stillstand, der daraus resultiert - all dies gewinnt unter den Händen Kopatchinskajas und Says eine ungewohnte Plastizität. Das Tal zwischen zärtlichster Süße und gefährlichster Dramatik ist hier extrem tief, kann aber dennoch in Windeseile durchwandert werden.
Die beiden musizieren in beneidenswerter Freiheit miteinander. Kopatchinskaja variiert ihren Strich derart, dass ihre Pressenda-Geige (1834) in tieferen Regionen und ohne Vibrato fast nach einer Viola da Gamba klingt, die aber auch ganz plötzlich wild und feurig fauchen kann und aufschreien. Says Dynamik wiederum ist ähnlich unberechenbar. Er hat eine perfekte Klangkontrolle und stellt sich weitgehend auf Kopatchinskaja ein. Im Zusammenspiel macht das einen musikalischen Vulkan, der die Menschen vollkommen emotionalisiert.
Natürlich ist da nicht alles bis ins letzte Detail perfekt. Natürlich ist da nicht jeder Winkel bis ins letzte psychologische Detail ausgeleuchtet. Und natürlich müssen sich die beiden einen bisweilen allzu affektvollen Umgang mit dieser Kunstmusik vorwerfen lassen. Doch wiegt das Andere, das Pulsieren aus dem Jetzt heraus, der Atem und die fast physische Erlebbarkeit der Musik als Live-Event, wesentlich schwerer.
Mit Brahms haben die beiden dann auch eher Probleme. Vollmundig wird die d-Moll-Sonate hier nach der fein verästelten Einleitung verstanden, als zu ungestüm und bisweilen formlos. Auch der Bogen des Stückes wird dadurch gebrochen, dass jedes Forte quasi schon als Höhepunkt gewertet wird. Das ist zwar publikumswirksam, tut dem fein konstruierten Werk mit den vielen Schattierungen aber nicht gut. Brahms ist eben nicht Ravel, dessen "Tzigane" den offiziellen Teil des Programms beschließt. Dass das Duo Kopatchinskaja-Say hier alle Farbigkeit und Virtuosität aufbieten kann, macht es so aufregend. Die Musik ist immer gegenwärtig und bewegt uns. Für Dogmatiker ist dies freilich nichts. Für alle anderen gibt es aber derzeit wohl kaum aufregendere Interpreten im Klassikgeschäft.
Haken und Volten - Patricia Kopatchinskaja in Zürich
Jürg Huber in Neue Zürcher Zeitung, 27.1.2011: Ein Bravourstück, gewiss. Aber auch ein Stück überraschend zeitgenössischer Musik und ein Stück Volksmusik dazu: Das ist "Tzigane" von Maurice Ravel, wenn Patricia Kopatchinskaja in die Saiten greift. Die Geigerin verbindet Lust am Unerhörten mit überschäumender Musikantik; kompromisslos ringt sie den Kompositionen ein Höchstmass an klanglichen und artikulatorischen Facetten ab. Sitzt dazu ein Fazil Say als Partner am Klavier, bleibt Langeweile ein Fremdwort.
Zwei eigenwillige Persönlichkeiten haben sich da gefunden; in den "Rumänischen Volkstänzen" von Béla Bartók, die Kopatchinskaja und Say als Zugabe spielten, kam ihr Musizieren zu atemberaubend schöner Übereinstimmung. Dass sonst nicht alles aus einem Guss war an diesem Meisterzyklus-Abend in der Tonhalle Zürich, gehört zur Versuchsanordnung. Unberechenbar sind die Haken und Volten, die Kopatchinskaja schlägt, verstörend manchmal ihre abrupten Stimmungswechsel. Fazil Say, auch kein Kind von musikalischer Traurigkeit, nahm in dieser Konstellation eher den Part des Vermittlers und Verbinders ein, der auf dem Klavier wunderbar zu singen weiss und den Kapriolen seiner Duopartnerin Paroli bot. Innig führte er in die a-Moll-Sonate D 385 des jungen Franz Schubert ein, doch bald entspann sich ein mit Ausrufezeichen durchsetztes Spiel von Rede und Widerrede, aus dem sich die Geigerin zuweilen in eine klanglich entrückte Geisterwelt zurückzog.
Klassisches Mass ist diesem Ansatz wesensfremd. So drängte der Kopfsatz von Ludwig van Beethovens G-Dur-Sonate op. 30 Nr. 3 rasant bis rasend voran, während das Finale an ein südosteuropäisches Volksfest entführte. Rhythmische Pointierung zeichnete auch die Interpretation der Violinsonate Nr. 3 in d-Moll, op. 108, von Johannes Brahms aus. Selten entwickeln die nachschlagenden Geigenviertel im Scherzo solchen Drive; seinen vollgriffigen Part spielte Say prächtig aus und trug das Seine bei zum impulsiven Zusammenspiel.
Patricia Kopatchinskaja, die barfüssige Zauberin der Töne
Anna Kardos, Tages-Anzeiger 26.1.2011: Wer sein Publikum heute noch mit den üblichen Verdächtigen Beethoven, Schubert und Brahms überraschen will, muss mindestens ein Zauberer sein. Und nichts anderes ist die moldauische Geigerin Patricia Kopatchinskaja: Als Showtalent, ohne eine Show abzuziehen, als grossartige Technikerin, ohne sich um Technik zu kümmern, und als Musikantin, der kein Ton ohne Sinn durch die Hände geht, stand sie am Dienstag seit je barfuss auf der Bühne des grossen Tonhalle-Saals. Revolutionär und neu waren die Töne, als die Komponisten sie erdachten; und genauso revolutionär und neu klangen sie jetzt wieder, wenn die Geigerin sie in den Saal pfeifen, krachen und auch mal schweben liess. Ob ein fast gefährdetes Aussingen in Schuberts a-Moll-Violinsonate (D385), ob exaltierter Humor in Beethovens op. 30/3 oder mehr Podiumsattitüde in der d-Moll-Sonate von Brahms mit der Grosszügigkeit einer Gräfin verteilte Kopatchinskaja die Musik an alle und jeden. Und genauso generös blickte sie darüber hinweg, wenn der eine oder andere Ton mal mehr rostig war als golden glänzte. Dass ihr Kammermusikpartner, der Pianist Fazil Say, mit dieser überbordenden Musikflut nicht immer Schritt hielt, mochte man balancetechnisch bedauern. Allerdings wäre ob einer Doppelportion kopatchinskajaschen Ausdrucks manches Ohr ins Rotieren geraten. So bot Say lieber Unterstützung mit perlenden Phrasen und kühleren Tönen. Bei der Zugabe zeigte er, dass ers auch kann, das Zaubern: Zum Klavierschüler-Evergreen, Beethovens «Für Elise», jammte er mit der Geigerin, bis der Saal vibrierte; nur das Fan-T-Shirt fehlte. Glauben Sie mir, jeder hätte es angezogen!
Musikalisches Neuland aus Europa
Nach(t)kritik von Reinhard Palmer, auf www.theaterforum.de vom 10.01.2011: Es war zweifelsohne ein Novum in vielerlei Hinsicht, was hier das Klassikforum im bosco anbot. Nicht, dass Folklore in der sogenannten ernsten Musik ungewöhnlich wäre. Verstärkt seit dem 19. Jahrhundert wird sie in der Kunstmusik immer wieder herangezogen, etwa von Schubert, Chopin, Liszt, Brahms, Grieg, Sibelius, Dvorák oder Janácek. Doch im Fall südosteuropäischer Volksmusik aus Moldawien, Rumänien oder Ungarn ist es anders. Herzlich wenig ist davon unverfälscht in den Westen vorgedrungen. Hauptsächlich als Modeerscheinung des 19. Jahrhunderts in Gestalt sogenannter Zigeunermusik und banalisierter ungarischer Tänze. Die wahre Musik dieser Länder ist indes nicht nur in Deutschland nur selten auf die großen Bühnen gelangt.
Sicher sind die Kopatchinsky-Familie mit Violinen und Cymbal sowie die Pianistin Mihaela Ursuleasa nicht die ersten und einzigen Musiker aus dieser Region, die weltweit erfolgreich konzertieren. Aber sie gehören zu den wenigen, die es schaffen, mit der Musik ihrer Heimat die klassischen Konzertsäle voll zu bekommen. Und sie spielen die Musik kompromisslos, bereit, das ästhetische Empfinden der Konzertgänger herauszufordern. Barfüßig und in bisweilen ekstatischer Manier vor allem Patricia Kopatchinskaja, die schonungslos auch die unschönen Klänge in ihr narratives Ausdrucksspektrum integriert. Leidenschaft und Temperament der südosteuropäischen Folklore fordern nun mal auch derbe Töne. Die Freiheit in der Gestaltung kann sich Kopatchinskaja aber nur herausnehmen, weil Ursuleasa ihre musikalische Sprache versteht und ähnlich empfindet. Ganz zu schweigen von Ihren Eltern, Emilia Kopatchinskaja an der Violine (auch Viola) und Viktor Kopatchinsky am Cymbal, die schon jahrzehntelang Botschafter ihrer Kultur sind.
Wenn wir von der Volksmusik dieser Region sprechen, die sich zwischen Österreich, Russland und dem Osmanischen Reich entwickelte, dürfen wir nicht vergessen, dass ihr dort keine Kunstmusik gegenüberstand. Das ungarische Volkslied ist die ungarische klassische Musik par excellence, schrieb Zoltán Kodály und es gilt wohl für den gesamten Balkan. Kodály erforschte theoretisch die Volksmusik, während Béla Bartók in der gesamten Region mit Tonaufnahmen die gespielte Volksmusik dokumentierte, um daraus eine eigene, nationale Kunstmusik zu entwickeln. Er fand dabei das archaische Material, das auch in der modernen Musik eine wichtige Rolle zu spielen begann. Die rumänischen Volkstänze aus Ungarn Sz68 von Bartók in der Transkription von Zoltàn Szèkely zeigen dieses Material bereits in die Kunstmusik übergeführt, in feste Formen der westlichen Tradition eingebunden. Binnen Kurzem war also eine eigene nationale Kunstmusik entstanden und Bartók konnte mit bestem Rüstzeug sogleich der klassischen Moderne Nahrung bieten. Die 8 Duos op.4 für Violine und Cymbal von György Kurtág, komponiert 1961, machten in ihren knappen, geballten Formen deutlich, welche Möglichkeiten das traditionelle Erbe den neuen Entwicklungen bieten konnte. Patricia Kopatchinskaja und Mihaela Ursuleasa waren zwar sehr darum bemüht, den ästhetisierenden Ballast aus Ravels Tzigane zu verdrängen, doch zeigte der direkte Vergleich, worin der Unterschied besteht: Ravel ging es um Bravour und Virtuosität, der authentischen Musiktradition geht es aber ausschließlich um Ausdruck und Seele.
Die Werke rumänischer Komponisten, enger an die byzantinische Tradition gebunden, deckten wohl eine gänzlich neue Welt auf. Die zwei Sätze von Paul Constantinescu für Klavier solo gestaltete Ursuleasa trotz pianistischer Ausdruckstiefe in einen mystischen Schleier gehüllt, der die Urgründe dieser Musik erahnen ließ. In der Sonate Nr.4 op.25 a-Moll in der Art rumänischer Volksmusik von George Enescu wurde die geheimnisvolle Atmosphäre geradezu thematisiert. Diese besondere Klangfärbung war wohl auch die herausragende Qualität des Abends. Woher sie herrührte, legten volksmusikalische Einlagen von mitreißender Kraft und unbändiger Spiellust dar. Frenetische Ovationen und packende Zugaben blieben auch nicht aus.

Weltschmerz und Fröhlichkeit - Patricia Kopatchinskaja beim Familienkonzert in Iffeldorf
Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung, 9.1.2011: Der erste Blick geht zu ihren Füßen. Ja, auch in Iffeldorf steht Patricia Kopatchinskaja barfuß auf der Bühne. Das kümmert aber nur Sekunden, dann fetzt Familie Kopatchinsky in aberwitzigem Tempo los. Beginnt mit den 'Calusari', alten Tänzen, die moldawische Ritter zu Lanzengeklirr tanzten. Es folgen die Doinas, kummererfüllte rumänische Weisen, und schon ist man mittendrin zwischen schluchzendem Weltschmerz und wilder Fröhlichkeit, gepackt von dem direkten, spontanen Musizieren, das sich um Konventionen nicht schert.
'Ohne Folklore gäbe es keine klassische Musik', erklärt die moldawische Geigerin dem Publikum bei den drei Konzerten in Iffeldorf, Vaterstetten und Gauting ihre Sicht. Energisch spürt sie bei Bartoks 'Rumänischen Volkstänzen' oder Maurice Ravels 'Tzigane' den volksmusikalischen Wurzeln der Komponisten nach, stöbert den aus dem unmittelbar Empfinden geschöpften Ton der Volksmusik auf und dringt glühend, kratzend, butterweich oder ruppig zur Substanz der Werke durch. Für ihre Klavierpartnerin Mihaela Ursuleasa ist es bei George Enescus 'Violinsonate Nr. 3 a-Moll' nicht immer leicht, der souveränen Energie Kopatchinskajas eigene Impulse entgegenzusetzen.
Aber es geht im Konzert ganz bestimmt nicht um die lächerliche Frage, ob man Neue Musik und Folklore mischen kann - selbstverständlich bei einer so klaren Ästhetik und so intelligentem Witz. Wichtiger ist die Rehabilitation der Würde ihrer Eltern: Vater Viktor Kopatchinsky, ein hervorragender Cymbalspieler, und Mutter Emilia Kopatchinskaja, Geigerin wie die Tochter, die mit ihrem berühmten Ensemble Rapsodia in der gesamten ehemaligen Sowjetunion gastierten. 1989 flüchtete die Familie nach Österreich, lebte in einer Wiener Flüchtlingspension. Weil Cymbalspieler dort vor allem beim Heurigen gern gesehen sind, war die musikalische Umstellung für die Eltern groß und der Druck für Patricia Kopatchinskaja enorm.
Davon ist nichts mehr zu spüren, wenn Vater und Tochter Kurtágs wunderbare 'Duos für Violine und Cymbal' spielen: reduzierte, aufs Wesentliche konzentrierte Klanggesten. Die Lust am Unangepassten hat sich die 33-Jährige erhalten. Und so gurrt, knurrt und brabbelt sie bei der dritten Zugabe, 'Crin' von Jorge Sánchez-Chiong, höchst überzeugend zu wirren Tonkaskaden.
Exotisches à la russe - Das Berner Symphonieorchester unter der Leitung des ehemaligen Chefdirigenten Andrey Boreyko gestaltete im ausverkauften Kultur-Casino ein Neujahrskonzert mit illustren Gästen
Marianne Mühlemann, Der BUND, 4.1.2011:Vielleicht hätte man ihn anbehalten sollen, den Wintermantel. Festhalten: Der Abend beginnt mit einer Schlittenfahrt. Zwischen den Kufen stiebt der Schnee, eisig pfeift der Wind um die Ohren. Erregt bimmeln die Glöckchen im Pferdegeschirr. Alles echt, was das Ohr vernimmt. Und doch nur fantastisches Klanggespinst: Es ist ein Naturalismus, wie ihn nicht nur die Russen lieben. Wie die flotte Troika in der «Schneesturm»-Suite von Georgi Swiridow kommt auch das Berner Publikum in Fahrt. Benommen vom exotischen Farbenzauber, den das Berner Symphonieorchester (BSO) mit all seinen ihm zur Verfügung stehenden Instrumenten malt, lässt es sich in Nikolai Rimski-Korsakows «Scheherazade» op. 35 mit Sindbads Schiff auf die hohe See entführen. Konzertmeister Alexandru Gavrilovici verleiht der Stimme der Prinzessin Gestalt. Zart webt er seine Triolenfiguren in die Arpeggien der Harfe. Eine arabeske Träumerei. Mit betörend satten Blech- und durchsichtigen Bläserklängen führt sie das BSO in den Schiffbruch. So wills Rimski-Korsakow. Das Publikum schwelgt in Orientalismen à la russe.
Streitlustige Kopatchinskaja: Doch vorerst lädt Andrey Boreyko, der ehemalige Chefdirigent des BSO, zum Tanze. Im Dreivierteltakt wird gewalzert, zuerst in Tschaikowskys «Blumenwalzer» aus dem «Nussknacker»-Ballett, dann mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Ein Wiedersehen, auf das sich viele gefreut haben. Funken sprühend, kernig im beredten Spiel und eigenwillig ist der Tanz, den die Wahlbernerin in Tschaikowskys Valse-Scherzo aus den Violinsaiten schlägt. Das singt und säuselt, kratzt und beisst. Herrlich, der heisse Flirt mit lodernder Kadenz. Dass die temperamentvolle Solistin und das Orchester immer wieder zusammenfinden ein Wunder.
In der kleinen Improvisation mit dem Moscow Art Trio trifft sich die Geigerin auf Augenhöhe mit drei experimentierfreudigen Meistern. Und sie behält das letzte Wort, als die drei Herren mit ihren Instrumenten streitlustig auf sie losgehen. Ihr Disput im Volkston gipfelt in kakofonischen Geräuschen, Tierlauten und Bluenotes. Heitere Akzente in einem sonst eher traditionellen Programm. Neben Alperins «Wein-Variationen» erklingt die «Aria des vergessenen Gastes». Da malen der Sänger Sergey Starostin, der (Alp-)Hornist Arkady Shilkloper und Mikhail Alperin am Klavier einen Klanghorizont, der östlich von Moskau beginnt. Melancholie und Weite prägen Starostins Gesang. Die Authentizität der russischen Sprache mit ihren Kehllauten berührt. Die trockenen Klänge des Klaviers emulgieren mit den pulsierenden Klängen des Orchesters zur wehmütigen Minimal Music.
Ein gehaltvoller Konzertabend im ausverkauften Kultur-Casino, den der gut vorbereitete BSO-Direktor mit ebenso informativen wie pointierten Moderationen geschickt ergänzt.
Glamouröse Wintermärchen zum Jahresauftakt
Oliver Meier in Berner Zeitung vom 3.1.2011: Drei Publikumslieblinge in Hochform: Beim Neujahrskonzert des Berner Symphonieorchesters luden Ex-Chefdirigent Andrey Boreyko und Geigerin Patricia Kopatchinskaja Sonntagabend zu einer russischen Klangreise. Als er im Sommer verabschiedet wurde, regnete es Rosenblätter. Nun steht er wieder im Kultur-Casino und wird begrüsst wie ein verlorener Sohn. Andrey Boreyko, Ex-Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters (BSO), bestreitet das traditionelle Neujahrskonzert, und er hat dafür eine Reihe von Werken eingepackt, die ein «russisches Wintermärchen» versprechen. Die «Troika» aus der «Schneesturm»-Suite von Georgi Swiridow gehört dazu, ebenso der unsterbliche «Blumenwalzer» aus Tschaikowskis «Nussknacker» zwei Aufwärmstücke, bezeichnend für ein Programm, das Populärkost mit erlesenen Raritäten verknüpft und wie aus einem Guss daherkommt auch dank den hitverdächtigen Moderationseinlagen von Direktor Matthias Gawriloff . Es ist aber auch so etwas wie ein Abgesang auf lange Jahre, in denen das russische Repertoire intensiv gepflegt wurde. Und man hört das am eindrücklichsten in Rimski-Korsakows schweisstreibender Symphonischer Suite op. 35 («Scheherezade).
Kopatchinskajas Frechheiten: Nachdem das letzte Neujahrskonzert mit zwei Stepptanz-Clowns aufwartete, besinnt sich das BSO wieder auf das rein Musikalische. An Clownerien fehlt es trotzdem nicht. Denn mit dem Moscow Art Trio und der Wahlbernerin Patricia Kopatchinskaja sind Künstler zu Gast, die klangliche Finessen mit spassigen Frechheiten zu verbinden wissen. Und Kopatchinskaja, Madame 150 Prozent, ist ohnehin ein Fall für sich: Mit Notenblatt, aber (wie gewohnt) ohne Schuhe spielt, stampft und tänzelt sie auf dem Podium. Tschaikowskis Valse-Scherzo wird bei ihr zum Taumel zwischen inniger Wehmut und kratzbürstiger Hysterie, und am Ende bringt sie gar Töne hervor, die verdächtig nach Katzenjammer klingen. Kurz vor der Pause, als man gar nicht mehr damit rechnet, taucht sie plötzlich wieder auf und stimmt ein in die windschiefe Volksmusik des russischen Trios, das sich zuvor mit Mikhail Alperins Variationen zum Thema Wein Höchstnoten verdient hat. Schliesslich legt gar Maestro Boreyko seinen Dirigentenstab zur Seite, um sich trommelnd in die Spasskapelle einzufügen.