Viel Temperament, Charme und Virtuosität - Die Klassikstars Sol Gabetta und Patricia Kopatchinskaja gastierten mit Brahms Doppelkonzert beim Stadtorchester.
Catharina Poltera in Berner Zeitung vom 18.12.2006: Führen grosse Virtuosen Doppelkonzerte auf, spielen sie mit bedeutenden Kollegen, um sie nicht gleich bei den ersten Solopassagen an die Wand zu spielen. Geigerin Patricia Kopatchinskaja und Cellistin Sol Gabetta, zwei längst oben angelangte Musikerinnen, tun dasselbe. Freundinnen, die Orchester und Publikum mit hinreissender Musizierfreude bezirzen. Trotz unterschiedlicher Temperamente und Charaktere wetteifern sie nicht um Effekte oder den tragfähigsten Ton, sondern machen zusammen Musik. In einer Weise, die dem besonderen Charakter des Doppelkonzerts wunderbar entspricht. Dabei beeindruckt die Präzision des Zusammenspiels und die Stilsicherheit des Duos. Zog Kopatchinskaja gelegentlich das Tempo an, reichte ein Blick Gabettas, um beide wieder auf die eingeschlagene Linie zu bringen optisch und akustisch spannend. Die Kombination Gabetta und Kopatchinskaja erwies sich einmal mehr als Glücksfall. Gemeinsam loteten sie jede Phrase kontrolliert und durchgestaltet aus, feuerten sich gegenseitig an.
Das vitale und expressive Spiel der Virtuosinnen steckte die Orchestermusiker an. Leidenschaftlich begleitete das Stadtorchester, offenbarte jedoch auch die Grenzen des mit Profimusikern verstärkten Ensembles. Dirigent Rudolf Emanuel Baumann bemühte sich um die Balance zwischen Soli und Tutti. Obschon ein sorgfältiges Ausmusizieren der Details nicht immer gelang, ist dem Orchester zu attestieren, dass es keine Mühe und keinen Probeaufwand scheute, um ein besonderes Konzert zu realisieren. Dies ist ihm trotz Abstrichen gelungen, da die ansteckende Lust an der Musik und am gemeinsamen Musizieren der Jungstars sich mit so viel Charme und Können entfaltete, dass sie die Zuhörer packten und zu Begeisterungsstürmen rissen. Spontaneität und Temperament dominierten auch die Zugaben des Schweizer Komponisten Julien-Francois Zbinden: Gabetta und Kopatchinskaja bezauberten erneut mit der Gabe, Musik mit Schalk, Witz und grosser Virtuosität zu servieren. Fazit: Zugaben und Doppelkonzert erlebten eine Charmeoffensive im Doppelpack.
Berühmtes Geigen-Trio spielte in Schwaz auf
U.Strohal in Neue Zeitung für Tirol vom 6.12.2006: ...An Mozarts Todestag zeigte das fabelhafte Trio Kopatchinskaja/Bieri/Ursuleasa mit Werken von Igor Strawinsky, Patrick de Clerck, Béla Bartók, Franz Schubert, Otto M. Zykan und Paul Schoenfield, dass gute Musik, wie Mozart es sinngemäß formulierte, eine gefällige Oberfläche und doch Tiefe haben kann.
Da saß Patricia Kopatchinskaja, gefragt in den großen Musikzentren, bei den wichtigsten Festivals und von den Spitzendirigenten, auf der Pölzbühne vor dem kleinen, begeisterungsfähigen Publikum. Eine Spitzengeigerin, die ihre Passion nicht verbirgt, die ihre Lust am theatralischen Anteil der Musik auslebt und so zu einer temperamentvollen Erzählerin wird.
Der eigenen Trio-Fassung von Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" folgten "Die überraschenden dialektischen Qualitäten eines Kobolds" von Patrick de Clerck, ein spritziger Spitzbubenstreich. Kopatchinskajas Geige hat viele Stimmen, für jeden Komponisten, jedes Stücke, jede Stimmung eine.
Reto Bieri ist ein international begehrter Klarinettist mit einer herrlich reichen Palette an Tönen und Mihaela Ursuleasa eine renommierte Pianistin. Da lassen sich Bartóks "Kontraste" wohl spielen und ein pointiertes Duo für Violine und Klarinette von Otto M. Zykan, das nicht zufällig zwischen Deutschen Tänzen von Schubert steht.
Paul Schoenfields Werk für Klarinette, Violine und Klavier forderte das stilsichere, spielfreudige Trio zuletzt heraus, und es war, als würden Isaak Singers Geschichten aus dem alten Schtetl illustriert.
Auftritt auf hohem Niveau
Manfred Zürcher in Schaffhauser Nachrichten vom 27.11.2006: ... Die anfängliche Beschaulichkeit verflüchtigte sich dann jäh mit dem nachfolgenden Violinkonzert e-Moll, op. 64, von Felix Mendelssohn-Bartholdy, einem Werk, das damals die Serie der grossen romantischen Violinkonzerte eröffnete, in kürzester Zeit den Weg ins Standardrepertoire der Geiger fand und seine exponierte Stellung auch beim Publikum seit nunmehr fast 160 Jahren behauptet. Eine noch junge aufstrebende Künstlerin, die aus Moldawien gebürtige Patricia Kopatchinskaja, übernahm den mit technischen Schwierigkeiten aller Art gespickten Solopart und gestaltete diese Herausforderung zu einem souverän inszenierten Vortrag, der in seiner lustvollen und doch engagierten Gelassenheit zu einem wahren Genuss geriet.
Violin-Kapriolen - Wien Modern: Gerd Kührs Violinkonzert "Movimenti" wurde vom RSO Wien unter Stefan Asbury und der Geigerin Patricia Kopatchinskaja uraufgeführt.
Heinz Rögl in Salzburger Nachrichten vom 13.11.2006:. Das Orchester stimmt die Instrumente, und aus dem Zentralstimmton "a" und minimalen Tonverschiebungen nach oben und unten entwickelt sich unversehens schon Musik: Das stellt man spätestens dann fest, als der bereits anwesende Dirigent Stefan Asbury das Geschehen taktschlagend zu koordinieren beginnt. Am Donnerstagabend war im Großen Saal des Musikvereins in Wien im Rahmen des Festivals Wien Modern eine typische Geburt eines Werkes von Gerd Kühr, der seine Kompositionen gerne strukturell aus einer winzigen Zelle entwickelt.
Aber wo ist die Solistin? Sirenenartige Glissandi ertönen von einem hinteren Pult. Dann erst kommt Patricia Kopatchinskaja - barfuß geigend - nach vorn und erobert den Plan. Die leeren Saiten, zuweilen auch unterhalb des Stegs gestrichen, bilden das ganze Stück hindurch das Ausgangsmaterial, garniert jedoch mit fingerbrechenden Kapriolen, Trillern, Pizzicati, Spitzentönenpassagen am ewigen Eis des Griffbretts. Geht's nicht mehr höher, "hilft" noch höheres Schlagwerk aus - was die Solistin zornig macht und sie zu noch heftigerem, verbissenen Herumwerkeln veranlasst, zu grenzenloser Exaltation.
Der Kärntner Komponist schuf eine komponierte Reflexion über Klischees des Virtuosentums, über die Rollenverteilung zwischen Solist und Orchester. Dieses fordert bald einmal mit rhythmisch köstlich "verschrägten" ungarischen Rhapsodiekaskaden das große Solo ein, später, mit Dämpfern geknebelt, die innig-romantische Kantilene. Gerd Kühr erweist sich in dieser Auftragskomposition des Wiener Mozartjahres als großer, hintergründiger Humorist. Für die temperamentvolle Geigerin ist das "ein Fressen". Der Kreis schließt sich, wenn sie unversehens wieder zu stimmen anfängt und das Stück mit einer Pizzicato-Volte der leeren Saiten abrupt und immens effektvoll endet. Oder? Applaus, die Türen im Musikverein sind von den informierten Saalwärtern bereits geöffnet, Pausenlärm dringt herein - da stolziert die Solistin triumphierend schon wieder geigend aufs Podium. Natürlich hat ihr Gerd Kühr auch noch das "Encore" mitkomponiert.
Diese Uraufführung war der unbestrittene Höhepunkt im Konzert des RSO Wien, das mit György Kurtágs "New Messages" beeindruckend eröffnet worden war. Die Zehnte Sinfonie von Hans Werner Henze, Kührs einstigem Lehrer, gespielt mit bombastischer, zuweilen triefend-pathetischer Attitüde hingegen hätte man an diesem Abend gerne mit einem zünftigen Originalromantiker vertauscht.
Neigung zu Witz und Slapstick
Peter Hagmann in Neue Zürcher Zeitung vom 11.11.2006: ...Und dazwischen die Uraufführung der «Movimenti», die Gerd Kühr der jungen Geigerin Patricia Kopatchinskaja aufs Instrument geschrieben hat. Einiges ist in diesem Violinkonzert aus den Fugen geraten. Der Anfang wächst unmerklich aus dem Einstimmen des Orchesters heraus, auf das Ende und den Beifall folgt eine weitere Kadenz der Solistin, und dazwischen kommt es zu heftiger Interaktion, die ganz vom grenzgängerischen Temperament der Geigerin und ihrer Neigung zu Witz und Slapstick lebt. Und hier gab es wirklich zu schmunzeln und zu lachen.
Sehnsucht nach der Romantik bei Wien modern
Peter Vujica in Der Standard, Wien, 11.11.2006: ...Sogar Gerd Kürs von Patricia Kopatchinskaja als draufgängerische Solistin uraufgeführte Movimento für Violine und Orchester sind in ihren schmissigen, zwischen Offenbach und Strawinsky pendelnden rhythmischen Phasen nicht frei von solcher (romanticher Sehnsucht). Was überwiegt, ist jedoch eine sich in subtilen Intervalldifferenzierungen bald verhalten, bald sehr direkt mitteilende Klangsprache, die sich allerdings auch gewisser theatralischer Mittel bedient. So lässt Kür die Solistin erst eine Weile nach Beginn des Konzertes auftreten. Und, wenn man glaubt, dass alles schon vorbei ist und alle schon brav applaudiert haben, lässt er diese nochmals auftreten und hängt seinen Movimento schalkhaft mit einer Art von Solokadenz noch ein - wie der Beifall bewies - nicht unwillkommenes letztes an.
Wie sie sich und das Stück ur aufführt
Markus Hennerfeind in Wiener Zeitung vom 11.11.2006: Das Wiener Mozartjahr schlug wieder zu diesmal bei Wien Modern: Ein neues Violinkonzert namens "Movimenti" musste her, Gerd Kühr komponierte es flugs und, wie könnte es anders sein, führte Patricia Kopatchinskaja sich und das Konzert ur auf.
Nein, nicht wirklich, sie blieb fast zu sittsam. Kühr ging es ja nicht zuletzt darum, der traditionellen Form nachzugehen, sie aufzubrechen und überraschende Wendungen nehmen zu lassen: Aus dem Einspielen des Orchesters steigt sogleich die Solovioline empor (die zuvor unbemerkt im Orchester sitzt). Die üblichen Spieltechniken kommen zum Tragen, von Klopfen an allen Enden und Ecken der Violine bis Kratzen, Wirbeln und zarten gewöhnlichen Tönen reicht die Palette diesmal, von den Grenzen des Instruments und vor allem denen der Geigerin noch weit entfernt. Die Dreiteiligkeit des Konzertes schien sich anzubahnen, verlief sich dann aber in ausufernden thematischen Eintönigkeiten, denen auch Kopatchinskaja nicht genug Leben einzuhauchen vermochte. Kleiner Gag am Ende: Nach dem vermeintlich letzten Ton gehen Dirigent und Solistin, und sie kommt allein geigend wieder als quasi improvisierte Zugabe im Stück. Doch irgendwie genial und von persönlichem Zuschnitt...
Zutiefst bewegend
Juan Martin Koch, Mittelbayerische Zeitung, 4.10.2006: ...(Sicherheit) strahlte dann endgültig das Zusammenspiel mit der überragenden Patricia Kopatchinskaja im Hartmann-Konzert aus. Was die barfuss spielende Geigerin an Gestaltungswillen und rückhaltloser Hingabe an diese Musik zu geben wusste, war zutiefst bewegend. Die Differenzierung im Vibrato, das Abschattieren des Klanges bis in fahle fast tonlose Bereiche, die Innigkeit der Kantilenen, die Hartmann mit der Geste des "trotz allem" ausstattet - all dies war eine anrührende, mitunter schmerzhafte Meditation über die Sprachfähigkeit der Musik...
Küsschen für den "Star" - Patricia Kopatchinskaja verzauberte das Neumarkter Publikum
U.Mitschning in Neumarkter Nachrichten vom 2.10.2006: So viele Küsschen, so viele Komplimente: Patricia Kopatchinskaja hatte sich zum Star dieser Jubiläumskonzerte katapultiert. Mit einem Stück, das sonst eher im Ruf des Stillen, Unspektakulären steht und das sie zu einem packenden Erlebnis werden liess. Auch Kunstminister Thomas Goppel adelte schliesslich in seiner Festrede ihren Auftritt: "Sie haben den Vormittag rund gemacht".
Die Programmregie von Ernst-Herbert Pfleiderer: Karl Amadeus Hartmann, sein "Concerto funebre" mit der jungen Moldavischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja. 2005 war Hartmann auch ein Hundertjähriger, war 1963 viel zu früh gestorben, verbrannt durch die Leidenszeit im dritten Reich. Sein Violinkonzert ist eine expressive Trauermusik und die Kopatchinskaja spielt sie mit jugendliochem Ernst, mit anrührendem Piano, spürbarer innerer Betroffenheit. Das Bekenntnishafte des Stücks gelang äusserst authentisch zwischen Appell und Verzweiflung. Und es war in seiner intimen Verhaltenheit ein richtiges "Reitstadel-Stück", eine das Publikum sehr direkt ansprechende Botschaft. Die Geigerin: eine zutiefst von ihrer Musik gepackte Interpretin, zu allen Extremen bereit und fähig - die grosse Überraschung des Festivals.
Die entfesselte Leidenschaft
Prof. Egon Bezold in Nürnberger Zeitung vom 2.10.2006: Festspielatmosphäre soll den Reitstadel in Neumarkt durchwehen: Das ist die künstlerische Vision von Ernst-Herbert Pfleiderer, Unternehmer, Konzertmanager und Musiker in einer Person. Mit vier Konzerten feiert der historische Reitstadel sein 25-jähriges Jubiläum.
Groß war der Andrang bei der Matinee mit anschließendem Jubiläumsempfang. Getreu dem Grundsatz, nur internationales Ansehen genießende Profile aufs Podium zu bitten, gaben die dirigierende Cello-Koryphäe Heinrich Schiff, die Geigerin Patricia Kopatschinskaja und Wiens Kammerorchester ihr Stelldichein...
...Karl Amadeus Hartmanns l938 entstandenes Concerto funèbre geriet zum faszinierenden Plädoyer für die bekenntnishafte Musik des großen Sinfonikers. Wie die aus Moldova stammende Geigerin Patricia Kopatchinskaja mit ihrem silbrig eloquenten Klang rhythmische und dynamische Kräfte im leidenschaftlich erregten Allegro entfesselte, die seelischen Erschütterungen über das hereinbrechende Kriegsgeschehen auch durch einige choreographische Einlagen am Podium vermittelte, verriet überlegene Gestaltungskunst und großes Mitempfinden für diese trauernden Klänge...
Förderpreisträgerin des Deutschlandfunks
Sigrid Schuer in Bremer Nachrichten vom 25.9.2006: ...Viel schauspielerisches Talent zeigte die diesjährige Förderpreisträgerin des Deutschlandfunks, Patricia Kopatchinskaja im hochvirtuos gepfefferten Dialog mit ihrem Pianisten Henri Sigfridsson. Beide verliehen in einer vergnüglichen Performance den Variationen von John Cage raunend, polternd, jauchzend und auf den Boden stampfend, improvisatorisch Kontur. Die junge Moldawierin demonstrierte ihre Preiswürdigkeit unkonventionell als barfüßige Violin-Gräfin in einem Werk von George Enescu und einem furios kontrastierenden Finalsatz aus der Kreutzer-Sonate von Ludwig van Beethoven.
Schumanns Flop wurde zum Hit
Martin Betulius in Heilbronner Stimme vom 12.09.2006: Clara Schumann, Brahms und der Geiger Joseph Joachim verhinderten nach Robert Schumanns Tod die Publikation von Schumanns Violinkonzert, da es zu qualitätsarm sei. Doch nun erhält Patricia Kopatchinskaja aus Moldawien dafür beim Klassik Stern-Abend im Forum Ludwigsburg begeisterte Bravos. Ihr hinreißendes Spiel macht den angeblichen Flop zum Hit.
Die Nazis ließen 1937 als Ersatz für das Konzert des Juden Mendelssohn in Hitlers Gegenwart Schumanns Werk uraufführen, das der Jude Joachim unterdrückt habe. Dass der jüdische Geiger Menuhin sich auch für das Konzert einsetzte, verschwieg man. Man bot es 1937 wohl zu streng, denn auch danach galt das Werk als undankbar.
Doch als jetzt Michael Hofstetter Schumanns Ouvertüre, Scherzo und Finale mit dem diesmal auch in den Streichern sehr engagierten Ludwigsburger Festspielorchester beendet hat, führt die barfüßige Solistin schon bei der Orchestereinleitung den reinsten Tanz auf und legt dann auf der Geige mit einem Temperament los, als müsse sie die Welt retten. All das gefährdet ihre enorme Technik nicht.
Ein Feuerwerk von Mehrfachgriffen wird rasant hingelegt. Das zweite Thema strotzt vor vibratoreicher Sinnlichkeit. Man hört wie gebannt zu und besinnt sich erst hinterher, war das wirklich Schumann und nicht Paganini. Hofstetter bringt die drei oft wiederholten signifikanten Orchesterakkorde, die als banal gelten, mit unwiderstehlicher Signifikanz. Und erst die Solozugabe Das mit der Stimme von Otto Zykan (2002)! Die Solistin dreht sich dabei um sich selbst.
Diese Schilderung ist nur ein schwacher Abglanz des Gebotenen. Dann Schostakowitschs fünfte Sinfonie, die ihn, auch 1937, rehabilitierte. Doch der Komponist wollte nicht das Sowjetregime glorifizieren. Die Schlussapotheose will zeigen, der Jubel sei durch Knüppelschläge erzwungen. Was Hofstetter und sein Orchester erreichten, war, trotz der bisweilen deftigen Forum-Akustik, im den Einzelleistungen und insgesamt hervorragend.
Eintauchen in die Moderne - Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und ihre Partner begeisterten das Publikum
MR in Bietigheimer Zeitung vom 12.9.2006: Im Kammerkonzert am Samstagabend im gut besuchten Ordenssaal sass nach ihrem grossartigen, aber eigenwilligen Auftreten im Akademiekonzert am Freitag die diesjährige "artist in residence" der Schlossfestspiele, die 29-jährige aus Moldavien stammende und jetzt als Österreicherin in der Schweiz lebende Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Diesmal war sie jedoch im Kreis ihrer Partner nicht Solistin sondern "Erste unter Gleichen".
Die argentinische Cellistin Sol Gabetta war eine ebenso musikalisch wie temperamentvolle Mitspielerin der Violinistin, und auch der finnische Pianist Henri Sigfridsson nutzte den Flügel zu vorzüglichem Auftreten.
Als "Zugabe" zu diesem Trio-Ensemble trat noch die österreichische Sopranistin Anna-Maria Pammer hinzu. Also eine inernaionale Künstlergruppe. Wo und wie sich die vier hochrangigen Partner getroffen und verbunden haben, blieb leider unbekannt.
Um so deutlicher war zu erfassen, was gespielt wurde. Das Trio für "Violine, Cello und Klavier" des amerikanischen Modernisten Charles Ives, das dieser 1904 komponierte und 1911 revidierte, war beim Vortrag im Ordenssaal ein Beispiel für alles, was das 20. Jahrhundert im Allgemeinen, besonders im Kammermusik-Experimentierfeld der Komponisten zu bieten hatte: Unschärfen durch Atonalität, Multilinearität, serielle Verfahren, Collagen. Die Trio-Partner setzten im ersten Satz des Ives-Werkes auf das Kulminieren vom Duo- zum Ensemblespiel (mit Klavier sogar zum Quartett, mit Doppelgriffen der Streicher sogar noch weiter), und konfrontierten die Zuhörer dadurch mit harter Tonalität und Schichtungen.
Im zweiten Satz hörte man Erinnerungsstücke des jungen Charles Ives, deren moderne Verarbeitung. Im dritten Satz erlebte man in spätromatisch gefärbter Struktur schöne Klänge und eine Hymne, zuletzt das in Stille ausklingende Finale.
Sehr schwer waren die "Sieben Romanzen nach Gedichten von Alexander Blok" zur Musik des Russen Schostakowitsch zu erfassen, weil man die Texte beim Singen nicht verstehen konnte. Anna Maria Pammers heller Sopran war zwar schön anzuhören, auch dramatisierte und interpretierte die Künstlerin offensichtlich (Timbre, Mimik und Gestik) die Inhalte, doch konnte man erst nach dem Konzert in Ruhe die deutsche Nachdichtung aus der russischen Sprache im Programmheft nachlesen.
Das bekannteste Werk des Konzertabends war das von Robert Schumann 1847 komponierte "Klaviertrio d-moll" (op. 63). Es wurde von den drei Instrumentalpartnern in meisterhafter Technik, elegantem Schwung und mit Betonung seiner melodiösen Teile in den vier Sätzen vorgetragen. Für die Zuhörer war es ein Genuss, die enorme Spielkunst der Interpreten zu erleben, die sowohl in den klangschönen, als auch in den rhythmischen Passagen entsprechend eingesetzt wurde. Fast teuflisch zu nennende Anforderungen an Fingertechnik und Bogenführung, im Tempo und beim abrupten Wechseln der Dynamik, das alles wurde so souverän gemeistert, drang wie zum Mitsummen in die Ohren der Zuhörer, dass man aus dem Staunen nicht herauskam.
Wieder einmal (wie beim Forum-Konzert am Freitag) spielte Patricia Kopatchinskaja das Schumann-Trio unerklärbar barfuss, ihre Partner taten es nicht. Auch riss die Geigerin ihr Instrument beim akzentuierten Spielen hin und her, auf und ab. Sol Gabetta spielte auch temperamentvoll, aber doch nachvollziehbar. Und Pianist Henri Sigfridsson verband die Streicherklänge mit seinem eigenen Notentext angenehm. Alle aber waren sichtbar angeregt durch Schumanns Komposition.
Der Beifall des Publikums wollte nicht enden. Da entschlossen sich die drei Künstler zu ebenfalls drei Zugaben, meist tänzerischer Art, im rasanten Tempo, zuletzt endlich verklingend schön.
Barfuss bei Bartok und Schumann
Dietholf Zerweck, Ludwigsburger Kreiszeitung vom 11.9.2006: Der stimmungsvollste Ort an diesem Sonntagmorgen ist gewiss der ovale Festsaal des frisch renovierten Monrepos-Schlösschens.Draussen vor den hohen Fenstern ziehen Schwäne und Boote auf dem sonnenbeschienenen See ihre Bahn, drinnen ist man auf Tuchfühlung mit der Moldawischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja.
Ihr Solorecital ist temperamentvoll und emotionsgeladen. Witzig und spontan sind ihre Kommentare. Den Barocken Pisendel, Zeitgenosse von Telemann und Bach nennt sie "bizarr" und so spielt sie seine Sonate auch. Ohne Rücksicht auf Linie und Proportionen, so affektgeladen, dass das Stück platzt vor lauter Energie.
Bei Bela Bartoks später Violinsonate von 1943 ist sie dann ganz bei sich und ihrem Gefühl für diese Musik. "So viel Schmerz und Einsamkeit" sei wohl kaum zu ertragen und eigentlich unspielbar, sagt sie von diesem radikalen Werk, welches Bartok im amerikanischen Exil und an Leukämie erkrankt komponiert hat. Sie spielt die Sätze mit furioser atemberaubender Intensität. Mit welch verinnerlichter lyrischer Emphase sie die Adagio-"Melodia" zwischen die tobenden Saitengewitter setzt, berührt zutiefst.
Am Abend zuvor, im Ordenssaal, stürzt sie sich mit ihren Triopartnern Sol Gabetta (Cello) und Henri Sigfridsson (Klavier) erst in die stürmischen Dissonanzen von Charles Ives, später in die leidenschaftlichen Gegensätze von Robert Schumanns d-moll Klaviertrio op.63. Hier sind drei hochgradige Individualisten am Werk. Sich gegenseitig übertrumpfend an berstenden Klängen, der Steinway vom Pianisten bei Yves so heftig traktiert, dass er die anderen Stimmen oft völlig zudeckt. Doch die Leidenschaft der jungen Virtuosen für die Musik trägt sie zum gemeinsamen Ufer. Bei Schostakowitschs "Sieben Romanzen nach Gedichten von Alexander Blok" erreichen sie, zusammen mit der Sopranistin Anna-Maria Pammer, eine ungeheuer packende Wiedergabe. David Oistrach, Rostropowitsch und dessen Frau, die berühmte Sängerin Galina Wischniewskaja, haben sie 1967 in Moskau uraufgeführt: spannender kann das damals kaum gewesen sein.
Schon im Akademiekonzert präsentierte sich Patricia Kopatchinskaja als eine eigenwillige Persönlichkeit. Barfuss, im strassbesetzten Folklorekleid (wie am Montrepos) wirkte ihr Auftritt äusserlich betrachtet, als exaltierte, ans Clowneske grenzende Performance. Doch lebt sie einfach ganz und gar in ihrer Musik.
Geheimtipp an den Schlossfestspielen
Götz Thieme in Stuttgarter Nachrichten vom 11.9.2006: ...Doch es gab einen guten Grund für dieses Konzert, das den Jubilaren dieses Jahres gewidmet war: die noch als Geheimtipp geltende Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die Schumanns erst vor siebzig Jahren aufgeführtes Violinkonzert mit überschüssiger Intensität zelebrierte. Die barfüßig auftretende junge Künstlerin aus Moldawien, eine temperamentvolle, doch niemals prätentiös agierende Musikerin, ließ das rhapsodische, vordergründig seltsam unvirtuos wirkende, aber technisch äußerst anspruchsvolle Konzert lebendig werden. Der zweite Satz wurde in ihren Händen zu einer Farbenmusik, die weit vorausweist ins zwanzigste Jahrhundert, und das Finale, eine seltsam surreale Polonaise, wurde bei ihr zum Totentanz, dem nur durch die matte Orchesterbegleitung die letzte rhythmische Schärfe vorenthalten blieb. Patricia Kopatchinskaja bedankte sich für den starken Applaus mit einem von ihr oft zugegebenen Solo von Otto Zykan: "Das mit der Stimme" - genau die, dazu Grimassen, Fußstampfen und eine finale Pirouette verlangt das Stück, ein furiose Performance, die endlich das Publikum zu Ovationen hinriss.
Extrem-Geigerin gibt sich virtuos-skurril - Patricia Kopatchinskaja im Forum
Wolfgang Teubner in Stuttgarter Nachrichten vom 11.9.2006: Keine überstrapazierten Repertoirestücke im Akademiekonzert am Freitag im Ludwigsburger Forum und dennoch ein volles Haus: Im Mittelpunkt das Schumannsche Violinkonzert mit der temperamentvollen Patricia Kopatchinskaja als barfüßig musizierende, leidenschaftlich gestaltende Solistin. Sie legte keinen Schatten über den Klang, entsagte aller bohrenden Grübelei und holte lieber mit viel Körpereinsatz und empfindsamer Durchleuchtung die innewohnende Inbrunst hervor.
Das Orchester der Schlossfestspiele, neben der Stamm-Mannschaft diesmal rekrutiert aus Musikstudenten der Hochschulen des Landes, lieferte ein dialogisches Musizieren ohne Zudecken und Forcieren unter der präzisen Leitung Michael Hofstetters. Den Beifall belohnte die Extrem-Geigerin mit einer virtuos-skurrilen Zugabe mit Vokaleinsatz und erntete dafür Jubelstürme.
Beethoven mal barfuss gespielt - 1.Sinfoniekonzert der Essener Philharmoniker mit der aussergewöhnlichen Patricia Kopatchinskaja als Solistin.
Klaus Albrecht in Neue Ruhr Zeitung (Essen) vom 26.8.2006: ...Beethovens Violinkonzert ging diesem Koloss voraus, aller-dings weniger überzeugend. Hier kamen schon Orchester und Dirigent in der rhythmischen Koordination nicht optimal zusammen. Und die gebürtige Moldawierin Patricia Kopatchinskaja war eine Solistin, deren barfüssiger Auftritt und energiegeladener Ganzkörpereinsatz schon vor ihrem ersten Einsatz vielversprechend anzusehen war. Eine melodische Offenbarung von leuchtendem, körperhaftem Ton war ihre verträumte pianissimo-Kantabilität über weite Strecken nicht, dafür andererseits emotional, vehement, subjektiv durchformt. Ein Aha-Erlebnis dann doch noch die Solistenkadenz im Dialog mit der Pauke. Da blitzte dramatischer Leonoren-Geist und wild ausgespielte Virtuosität auf. Und mit einer zeitgenössischen Bravourzugabe demonstrierte sie schliesslich funkenschlagendes Musikantentum samt Stampfen, Zirpen, Singen und Schlusspirouette. Die Bravorufe erfolgten spontan.
Repertoireklassiker in neuem Licht
Markus Bruderreck in Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Essen) vom 26.8.2006: Sie hat ihren eigenen Kopf. Als es in die erste Kadenz des Violinkonzertes von Beethoven geht, liefert sich Geigerin Patricia Kopatchinskaja ein Duell mit der Pauke, einem Instrument, das in Beethovens Werk mit seinem pochenden Motiv eine besondere Rolle spielt. Der Saisonauftakt in der Philharmonie mit den Essener Philharmonikern unter der Leitung von Andrey Boreyko entpuppte sich als ungewöhnliches Erlebnis, bei dem selbst ein Repertoireklassiker wie Beethovens Violinkonzert in neuem Licht erscheint.
Patricia Kopatchinskaja, geboren in Moldavien, lässt sich mit Verve in die Musik fallen. Der spitze, helle Violin-Ton kommt zerbrechlich, dann wieder fast ruppig geräuschhaft daher. In den Kadenzen verlässt sie nach guter alter Virtuosensitte die vorgestanzten Wege und greift zu eigenen, musikalisch explosiven Lösungen à la Paganini. Technische Unsauberkeiten und klanglich unschönes muss der Zuhörer dabei in Kauf nehmen. Schade, dass die Philharmoniker hier noch nicht ganz konzentriert sind. Dirigent Andrey Boreyko lässt dennoch ebenso differenziert wie lebendig begleiten. Für die Zugabe "Das mit der Stimme" von Otto Zykan, ein besonders heiteres Stück neuer Musik, das den ganzen Körper fordert, gab es Bravos.
Hohe Kunst des Saitenspiels Weltklasse! Drittes Konzert der Mendelssohn Musikwoche in Wengen
Samuel Wenger in Jungfrau-Zeitung, Interlaken 24.8.2006: Auch das dritte Konzert der Mendelssohn Musikwoche in Wengen am Dienstag war in Bezug auf die Güte der Darbietungen ein voller Erfolg. Vollendeter können Saiteninstrumente nicht gespielt werden. Die Komponisten Pisendel, Bach und Mozart boten die idealen Werke dazu.
Nomen est omen! Die Violinistin Patricia Kopatchinskaja, hoch geschätzt nicht nur im Rahmen von Interlaken Classics, der holländische Cellist Pieter Wispelwey, Star auf dem internationalen Parkett, und Roman Spitzer, Solobratschist im israelischen Philharmonieorchester, haben sich für die Mendelssohn Musikwoche zu einem Solo- und Trioabend zusammengetan. Beim begeisterten Publikum lösten sie immer wieder Beifallsstürme aus. Dadurch, dass es ihnen geschenkt ist, ihre vollendete Spieltechnik einer hoch musikalischen Aussage dienstbar zu machen und ihren Vortrag mit einnehmender Musizierfreude zu würzen, boten sie einen Kammermusikabend voll knisternder Spannung und herzhaften Überraschungen.
Johann
Georg Pisendel, der «Paganini des Barocks»: Ganz
bewusst hat Patricia Kopatchinskaja für ihren Solovortrag ein
unbekanntes Werk eines unbekannten Komponisten gewählt. Wenn man
jedoch erfährt, dass Pisendel (1687-1755) Schüler des
italienischen Geigenvirtuosen Giuseppe Torelli war, in Venedig
Bekanntschaft und Freundschaft mit Vivaldi schloss, in Leipzig in die
musikalischen Fänge Telemanns geriet und schlussendlich bereits
1711 als Geiger und späterer Konzertmeister in die Dresdener
Hofkapelle berufen wurde, wo er ganze 44 Jahre wirkte, gerät man
ins Staunen. Und erst noch, als die Solistin das viersätzige
halsbrecherische Werk des Paganini-Vorgängers mit einem
zündenden «feu sacré» zum Klingen und Singen
brachte, zigeunerhaft und als Hexenmeisterin zugleich.
Bachs Solosuiten für Cello: Pieter Wispelwey ist mit Patricia Kopatchinskaja wesensverwandt. Sein Nachvollzug von Bachs Solosuiten ist weltbekannt, aber ebenso sein Streben, den musikalischen Aussagen auf den Grund zu gehen und sie neu auszuschöpfen. Damit öffnen sich dem Hörer neue Zugänge, und die ungemein mathematischen Strukturen, das Neben- und Miteinander des horizontalen und vertikalen Ablaufs der einzelnen Stücke stossen auf vertieftes Verständnis. Eine Suite ist eine Folge von stilisierten Tanzsätzen. Diesem Umstand zollte Wispelwey seine volle Aufmerksamkeit und liess den Bogen immer wieder auf den Saiten tanzen. So wurden die sieben Sätze der Suite Nr.3 in C-Dur mit ihren wechselnden Taktarten und Tempi zu einer mitreissenden tänzerischen Darbietung.
Mozarts Divertimento als krönender Abschluss: Natürlich war man gespannt, nun auch noch den Dritten im Bunde des Zusammenspiels, den Bratschisten, kennen zu lernen. Wird er sich der Spielweise der Violine und des Cellos angleichen können? Und wie! Mit Mozarts sechssätzigem Spätwerk, dem einzigen Streichtrio (Es-Dur KV 563), erzielten die drei Künstler eine vollendete Homogenität der Aussage, ein mit Spannung und Überraschungen geladenes Dreiecksverhältnis. Mit vollendeter Meisterschaft und bedingungslosem Einsatz hat Mozart dieses kammermusikalische Kleinod geschaffen, und die gleiche Kennzeichnung trägt auch der Nachvollzug. Vom tiefen Ernst bis zur fröhlichen Ausgelassenheit erklangen die vielfältigen musikalischen Affekte, und das begnadete Trio verstand es, sie bis ins feinste Detail auszuloten. Und was dabei offensichtlich wurde: Das Streichtrio bietet den Komponisten wie den Interpreten die einmalige Gelegenheit, die in Töne gesetzten zwischenmenschlichen Beziehungen auf engstem Raum spielen zu lassen.
Aber bitte mit Schwimmflossen - fröhliche Musikinszenierungen in Hitzacker
ff in Landeszeitung für die Lüneburger Heide vom 7.8.2006: ...Dass sie sich von ihren Hörgewohnheiten verabschieden können, ahnten die Zuschauer auch bei den Vorbereitungen für das nächste Stück, für die "Water Music" von John Cage: Plastikwanne und Gießkanne, ein altes Radio und weitere Utensilien wurden auf die Bühne getragen. Henri Sigfridsson watschelte mit Schwimmflossen herein, die Violinistin Patricia Kopatchinskaja erschien im Bade-Dress mit Duschhaube. Die Töne, die der Pianist an seinem präparierten Instrument und seine Kollegin etwa mit Wasserglas und Strohhalm produzierten, entwarfen ein fröhliches Strand-Szenario...
Publikum jubelte
ff in Landeszeitung für die Lüneburger Heide vom 5./6..8.2006: ...Gern hüllen Interpreten Schuberts Forellen-Quintett in biederen Plüsch-Bezug. Das klingt dann nett, aber harmlos bieder. Nicht so Patricia Kopatchinskaja (Violine), Roman Spitzler (Viola), Sol Gabetta (Cello), Stefan Schäfer (Kontrabass) und Henri Sigfridsson (Klavier): Sie legten die fünf Sätze unter Dauerstrom, kosteten Kontraste mit Vergnügen aus, rauten den Ton auf, ließen noch das feinste Pianissimo knistern. Ein faszinierender Klangkosmos bot sich dem Publikum, das am Ende begeistert applaudierte, jubelte.
Klanggewitter - Begeisterndes Finale beim SOLsberg-Festival
Jenny Berg in Basler Zeitung vom 27.6.2006: Die Region Basel hat ein neues Festival: SOLsberg. Inmitten poetischer Landschaft beherbergte die barocke Klosterkirche Olsberg drei Kammermusikabende, in denen mit der Cellistin Sol Gabetta und der Violinistin Patricia Kopatchinskaja zwei junge Musikerinnen im Zentrum standen. Gemeinsam mit Gérard Wyss formierten sie sich zum Klaviertrio und brachten Erstaunliches zu Gehör. Erstaunlich war nicht das Programm, das mit Haydn, Beethoven und Brahms den gängigen Geschmack bediente. Erstaunlich war die Harmonie, in der die drei unterschiedlichen Charaktere musizierten.
Die Expressivität, mit der jeder musikalische Winkel ausgelotet wurde, hätte man besonders bei Haydn kaum vermutet. Sein Trio «à la Hungarese» setzte mit säuselndem Hauchen ein, bei dem man den schillernd-schönen Celloklang Gabettas bewundern konnte, bis es plötzlich zu explodieren schien und Kopatchinskaja mit einer Energie loslegte, das man dem Trio eher den Namen «à la Kopatchinskaja» geben mochte.
Lediglich der Hall der Kirche - oder der zu rege Pedalgebrauch im Klavier - erschwerten es auch bei Beethoven, das differenzierte Zusammenspiel in jedem Detail verfolgen zu können. Dennoch sorgten die Musiker sogar bei Brahms, dessen grosse Gesten einladen, in romantischen Klangwolken zu schwelgen, immer wieder für interpretatorische Überraschungen.
AKROBATIK. Was Kopatchinskaja an virtuoser Akrobatik bei den Klassikern der Kammermusikliteratur nicht ausleben konnte, das schrieb sich die Komponistin selbst in die Geigenhand. In ihrem «Duo per Sol» für Violine und Cello wurden alle Klangfantasien ausgelebt. Sogar den Namen «Sol» bellten sie einander zu wie Hund und Katz - oder eher wie zwei übermütige junge Musikerinnen, die sich mit ihrem Festivalpublikum so pudelwohl fühlten wie das Publikum mit ihnen.
Die zwei Zugaben offenbarten, wie wenig gute Künstler der üblichen Genre- und Epochengrenzen bedürfen. So interpretierte das Trio ein Stück des Barockkomponisten Marin Marais und einen Tango von Piazzolla mit so viel jazzigem Drive und folkloristischem Verve, dass man sich auf das nächste Festival freuen darf.
Poetisch heiter und kraftvoll
Paul Schorno inm Basellandschaftliche Zeitung vom 13.6.2006: Franz Schuberts Forellenquintett A-Dur D 667 gehört bei den Musikfreunden zu den beliebtesten Werken dieses Komponisten. Was die Kammermusikliteratur insgesamt betrifft, zählt es zu den bedeutendsten Schöpfungen dieses Genres. Der österreichische Dramatiker und Erzähler Thomas Bernhard hat ihm gar mit dem Bühnenstück "Die Macht der Gewohnheit", einen Platz in der Theaterliteratur verschafft. Zirkusdirektor Garibaldi hat in diesem Drama den verzweifelten Ehrgeiz, mit seinen Artisten eine perfekte Aufführung des Forellenquintettes zustande zu bringen. Von diesem Willen beseelt, wenn auch keineswegs in der Art eines verzweifelten Ehrgeizes, waren beim Konzert in der Laufener St. Katharinenkirche fünf Musikerinnen und Musiker: Patricia Kopatchinskaja, Violine, Roman Spitzer, Viola, Sol Gabetta, Violoncello, Aleksander Gabrys, Kontrabass, und Henri Sigfridsson, Klavier.
Es wurde exzellent und zupackend musiziert. Zur Charakterisierung ihres Spiels dürfen genau jene vier Adjektive verwendet werden, die auch für dieses Schubertsche Opus gelten: poetisch und heiter, kraftvoll und optimistisch. Impulsiv und pulsierend im ersten Satz das Wechselspiel von Klavier und Streichinstrumenten. Im Sinne von strömenden Energien die Bewegungen von Tempo und Dynamik. Von feiner Kantabilität das Seitenthema. Heller, milder und delikater das Andante des zweiten Satzes. Mit viel Zug und exzellent musiziert eilte der dritte Satz, das Scherzo mit Trio-Mittelteil, dahin. Ein besonderes Hörvergnügen bot der vierte Satz mit den sechs prächtig modellierten Variationen über die "Forellen-Melodie". Die fünf Instrumentalisten steigerten sich noch, entfachten im letzten Satz ein musikalisches Feuer, das diese Schubert'sche Klangwelt zum Glühen brachte. Der Applaus wollte nicht enden. Wenn's nach dem Publikum gegangen wäre, hätte nach der ersten noch eine zweite und dritte Zugabe folgen dürfen.
Begonnen hatte das Konzert mit dem Klaviertrio des 1874 geborenen amerikanischen Komponisten Charles lves. Er ist in jeder Beziehung ein Sonderfall, stilistisch nicht einzuordnen. Er verwendet in seinen Kompositionen alles, was sich an Musik und Stilarten zu Beginn des letzten Jahrhunderts darbot.
Beherzt zupackend bis rustikal erdig servierten Patricia Kopatchinskaja, Violine, Sol Gabetta, Cello, und Henri Sigfridsson, Klavier, ihre vital auf- geschlüsselten Klangexkursionen, bei denen das Publikum wechselnden Bildern, Emotionen und musikalischen Formen begegnete, launig und un- terhaltsam.
Farbenreichtum einer jungen Solistin
M.Wagner in Kronen-Zeitung (Wien), 7.6.2006: Recreation gab einen Abend der grossen Gefühle, an dem sich im Stefaniensaal Feststimmung breitmachte. Neben Andrés Orozco-Estrada, der am Dirigentenpult bestechend genaue Fäden zog, erntete die Ausnahmegeiegerin Patricia Kopatchinskaja für Igor Stravinskys Dur-Violinkonzert Begeisterungsstürme.
...um danach Patricia Kopatchinskaja auf die Bühne zu bitten. Ein faszinierendes Wesen, das mit seiner Geige verschmolzen zu sein schien und Stravinskys Violinkonzert in absolute Vollendung trug.
Auch ihre beiden Zugaben, eine "Kadenz danach" zum Violinkonzert, sowie "Das mit der Stimme" des kürzlich verstorbenen österreichischen Komponisten Otto Zykan gerieten zu grossen Glücksmomenten,
Orchestrale Muskeln - Finale des vierten recreation-Zyklus.
Ernst Naredi-Rainer in Kleine Zeitung (Graz), 7.6.2006: Leidenschaftlich und effektvoll musiziert Andrés Orozco-Estrada. Bisweilen geht das Temperament mit dem jungen Chefdirigenten des animiert, aber nicht immer intonationssicher musizierenden recreation-Orchesters durch. Das im Forte notierte Thema von Benjamin Brittens Young persons guide to the orchestra stellte er so wuchtig vor, dass bei dessen Wiederkehr im Fortissimo keine dynamische Steigerungsmöglichkeit mehr blieb. Seiner Vorliebe für orchestrales Muskelspiel huldigte er auch bei Modest Mussorgskys Bildern einer Ausstellung in der klobigen Instrumentierung von Sergej Gortschakow. Star der beiden Konzerte im Stephaniensaal war Patricia Kopatchinskaja, die in Igor Strawinskys Violinkonzert und bei zwei Zugaben mit Virtuosität und Witz brillierte.
Tragische Werke und kapriziöse Solistin - Die erfolgreiche und noch sehr junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja dominierte mit ihrem Können und eigenwilliger Persönlichkeit das neunte Abonnementskonzert der Orchestergesellschaft im Kongresshaus Biel.
Daniel Andres in Bieler Tagbtatt vom 19.5.2006: Die in Moldawien geborene, weitgehend in der Schweiz ausgebildete und bereits sehr erfolgreiche Geigerin Patricia Kopatchinskaja überraschte das Publikum im Bieler Kongresshaus mit zwei höchst gegensätzlichen Werken. Eine ernsthafte, sogar tragische Note setzte das «Concerto funebre» für Violine und Streichorchester von Karl Amadeus Hartmann.
Der Komponist lebte weitgehend in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts und da war das künstlerische Schaffen in Deutschland während zwölf dunklen Jahren eingeschränkt, viele namhafte Komponisten weilten im Exil, andere in Konzentrationslagern, die sie nicht überlebten. Hartmann war ein Linker und wählte das innere Exil. Sein «Concerto funebre» entstand im Herbst 1939 unter dem Eindruck des eben ausgebrochenen Krieges. Es ist in der Ästhetik einer «gemässigten» Moderne geschrieben, welche expressive Ausdrucksmittel wählt und einer überkommenen musikalischen Sprache verpflichtet ist. Die Musik ist eindringlich und berührt unmittelbar. Die Solistin trat auf den Anspruch ein und vermittelte ein differenziertes Bild, von schlichter Einfachheit, Ergebenheit und ergreifender Zartheit bis zu wilden Ausbrüchen, welche auch das virtuose technische Können der Interpretin aufs Höchste fordern. Die Streicher des Orchesters bildeten eine hervorragende Basis für eine eindrückliche Leistung von Solistin, Dirigent und Orchester.
Mit leichtem Ton: Völlig gegensätzlich das dritte Violinkonzert in G-Dur KV 216 von Mozart, welches nach der Pause erklang. Hier wählte Patricia Kopatchinskaja eine jugendlich schelmische, auch kapriziöse Variante mit sehr frischen Tempi und einem ausserordentlich leichten Ton. Im letzten Satz waren die Tempi sogar etwas gar forsch und da zog sie in bewegten Figuren auch noch davon. Erstaunen auch über die kurzen und überraschenden Kadenzen. Aber insgesamt, auch mit Mithilfe von Dirigent und Orchester, eine akkurate und sehr kurzweilige Darbietung von Mozarts Jugendwerk.
Den Rahmen bildeten zwei Sinfonien, denen das Attribut «tragisch» zugeschrieben werden kann. Von Mozart die frühe der beiden g-Moll-Sinfonien, die er mit etwa 18 Jahren als Beitrag zum musikalischen Sturm und Drang komponierte. Eine akzentuierte, aber durchaus auch gegensätzlich differenzierte Wiedergabe mit schönen lyrischen Einwürfen, insbesondere der tadellosen Oboe.
Tragische Gestik: Zum Schluss war Schuberts Vierte in c-Moll, auch das Werk eines Jünglings, der sich in tragischer Gebärde übt, zu hören. Im Gegensatz zu manchen Exegeten finden wir den Versuch sogar glaubwürdig. Es ist nicht die Beethoven'sche heroisch gefärbte Tragik, sondern eine tragische Gestik, die in der Klassik bei kleineren und grösseren Meistern einige Vorbilder hat, die der junge Schubert aber mit seiner Ausnahmebegabung besser ausfüllt als manches Vorbild.
Die Ausführung durch das unter Christoph Campestrini den ganzen Abend hindurch eine vortreffliche Form aufweisende Orchester war in manchem hervorragend und dem Geist des Werkes entsprechend. Den ersten Satz kann man sich drängender und unruhiger vorstellen, es ist gerade die Unruhe, die hier wie auch im abschliessenden Allegro - das bis zu den Schlussakkorden in Moll bleibt - das tragische Element am ehesten beinhaltet. Vor allem in den Ecksätzen wirkten manche Blecheinsätze auch etwas schwer; es ist heute Mode, die Blechbläser forsch aufspielen zu lassen, auch dort wo sie eigentlich mehr oder weniger bloss harmonische Füllnoten spielen. Da wäre oft etwas mehr Klangbalance durchaus von Vorteil. Und gelegentlich dürfte man die Musik in ruhigen Teilen auch noch mehr atmen lassen. Im gut besetzten Kongresshaussaal nahm das Publikum die Leistungen aller Beteiligten zu Recht mit anhaltendem Beifall auf.
Trotzige Trauer - Die Violinistin Patricia Kopatchinskaja im Stadthaus Winterthur
Jürg Huber in Neue Zürcher Zeitung vom 19.5.2006: Karl Amadeus Hartmann gehört zu den grossen Komponistenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Doch seine Musik, eine herbe Mischung aus durchdachter Konstruktion und glühender Expressivität, ist trotz periodisch wiederkehrenden Renaissance-Versuchen im Konzertsaal wenig präsent. Einzig sein am Vorabend des Zweiten Weltkrieges vollendetes und im Jahr 1940 in St. Gallen uraufgeführtes Concerto funebre macht da eine Ausnahme. Unendliche Trauer über die am Horizont aufziehenden Verheerungen, trotziges Aufbegehren, aber auch feste Zuversicht im abschliessenden Choral verbinden sich hier zur ergreifenden musikalischen Aussage, die ein Publikum immer wieder direkt zu berühren vermag.
Im Stadthaus Winterthur sorgte die phänomenale Violinistin Patricia Kopatchinskaja dafür, indem sie von der schlichten Kantilene bis zum leidenschaftlichen Ausbruch den ganzen Facettenreichtum der Partitur ausleuchtete. Assistiert wurde die Solistin nicht von den bewährten Kräften des Orchesters Musikkollegium Winterthur - dieses trat am gleichen Abend im Rahmen einer Konzertreise in der ägyptischen Hauptstadt Kairo auf -, sondern von der Orchestergesellschaft Biel, die unter der Leitung des Dirigenten Christoph Campestrini wacker mithielt.
In Ergänzung des gedruckten Programms zeigte die Solistin danach ihre eigenwillige Sicht auf Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216. Mit beherztem Zugriff und teilweise spitzer Artikulation drang Kopatchinskaja auch in Randbereiche des Schönklangs vor und opferte dem impulsiven Spiel zuweilen die intonatorische Sicherheit. Keine glatt polierten Oberflächen präsentierten Campestrini und die Orchestergesellschaft Biel auch in ihren sinfonischen Beiträgen. Mozarts ungestüme frühe g-Moll-Sinfonie KV 183 war durch ausgeprägtes, manchmal auch etwas ungenaues Spiel der Bläser belebt...
Jugendlich, virtuos und exzentrisch
Rita Wolfensberger in Der Landbote, Winterthur, 19.5.2006: Nicht zum ersten Mal gastierte die Orchestergesellschaft Biel in Winterthur, und wieder fiel das Geschick auf, mit dem der verhältnismässig kleine Klangkörper für seine Besetzung ein bestens geeignetes Programm zusammenstellt. Temperamentvoll stimuliert durch Dirigent Christoph Campestrini schöpfte er sein klangliches wie dynamisches Potenzial wirkungsvoll aus und erzielte mitunter beeindruckenden Vollklang. Die Werkfolge wurde gerahmt durch zwei Moll-Sinfonien von Jünglingen, die noch keine zwanzig Jahre alt waren und die heftige Emotionalität dieses Alters, veredelt durch geniale Begabung, auf je sehr persönliche Weise widerspiegeln.
Die frühe g-Moll-Sinfonie des siebzehnjährigen Mozart beeindruckt über die Gefühlsintensität hinaus auch mit der meisterhaften Beherrschung des Tonsatzes, der Kunst der Motivverarbeitung, des «Abspaltens» auch (die Arbeit mit Themenfragmenten) und bietet interessante Klangkombinationen (nicht zuletzt den satten Klang der vier Hörner). Campestrini und seine Musiker hoben diesen reichen Schatz mit Impetus. Auffallend war in dieser Interpretation das Verhältnis der betonten Hauptnoten zum steilen Abfallen der jeweiligen Folgenoten, was oft starken Seufzereffekt bewirkte und momentweise etwas larmoyant wirkte.
Das Gegenstück am Schluss des Abends war die c-Moll-Sinfonie des neunzehnjährigen Schubert, die ebenfalls höchst gefühlsstark, ja mitunter pathetisch, aber gewiss nicht tragisch ist, wie ihr Untertitel behauptet. In seiner Interpretation steuerte Campestrini auch hier Schwung, Kraft, männlichen Zugriff an, wo erforderlich so im etwas verqueren Anfangsrhythmus des Menuetts , und liess innige Expressivität aufkommen dort, wo der begnadete Melodiker Schubert sich in seinem ureigensten Element bewegt. Das Orchester, in Akzenten ab und zu etwas massiv, musizierte hoch motiviert und erlebnisreich.
Zwischen den Sinfonien interpretierte die junge aus Moldavien stammende Geigerin Patricia Kopatchinskaja zwei Violinkonzerte. Sie hat selber Komposition studiert und bereits eine stattliche Anzahl von Uraufführungen gespielt, ist also mit den neuesten Tendenzen, Techniken und Spielarten perfekt vertraut. Das erklärt wohl, dass sie das 1939 entstandene «Concerto funèbre» von Karl Amadeus Hartmann durchaus kongenial, also mit unmittelbarster Einfühlung tonlich wie technisch und vor allem emotional auszuschöpfen verstand: Spiegelt es doch sowohl die Dramatik als auch die Bedrohung der damaligen Weltlage, der Hartmann überaus eloquenten und geigerisch höchst wirkungsvollen Ausdruck verschafft hat.
Dieser Musik des 20. Jahrhunderts folgte nun Mozarts G-Dur-Konzert KV 216. Die Geigerin versah es ebenfalls mit den seltsamsten Eigenwilligkeiten, mit sonderbaren Betonungen, Hektik in schnellen Läufen, einer wilden Kadenz voller Dissonanzen und Pfeifgeräusche, die sich nun wirklich als Fremdkörper innerhalb des klaren hochklassischen Stils ausnahmen. Sollte damit eine Auseinandersetzung des 21. mit dem 18. Jahrhundert stattfinden oder beabsichtigt sein? Obwohl man mit dieser exzentrischen Form einer musikalischen Konfrontation nicht wirklich glücklich war, darf man der Solistin ein immenses geigerisches Können und packende gestalterische Intensität vorbehaltlos zuerkennen. Campestrini und die Orchestergesellschaft Biel sekundierten ihre Solistin mit aller wünschbaren Geschmeidigkeit und gestalteten ihre in beiden Konzerten interessanten Parte initiativ und kompetent.
Bremens vitale Stadtmusikanten - Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit einem exzellenten Beethoven und einer extravaganten Solistin
Stefan Schickhaus in Frankfurter Rundschau, 17.5.2006: Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen arbeitet gerade an ihrer "Aktion 1000+". Die beiden Abonnementreihen in ihrer Heimatstadt sind fast ausgebucht, bei mehr als 1000 neuen Interessenten versprechen die Musiker, eine dritte Reihe einzurichten. In Bremen wird Service groß geschrieben, was für dieses Orchester Notwendigkeit ist. Denn die Kammerphilharmonie, die in Frankfurt 1980 gegründet worden war, der aber hier am Main 1992 der Finanzhahn zugedreht wurde, muss auch in Bremen rund zwei Drittel ihres Etats selbst erwirtschaften. Not macht erfinderisch: Das Orchester bietet Manager-Seminare und Kinderunterhaltung, und ein festes Gehalt gibt es für die Musiker nicht.
Dabei ist Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (der bestimmte Artikel gehört offiziell zum Namen) eines der weltweit herausragenden Kammerorchester, wie jetzt ihr Pro-Arte-Abend in der Alten Oper wieder zeigte. Zur Zeit beschäftigen sich die selbst organisierten Musiker mit Beethoven. Auf ihrer jetzt startenden Japan-Tournee etwa stehen binnen dreier Tage sämtliche Beethoven-Sinfonien auf dem Programm. Und diesen Beethoven, in Frankfurt war es die Achte, spielen sie sensationell: Entfesselt, pointiert, geistreich und forsch. Bremens vitale Stadtmusikanten sind dabei weit weg vom deutschen Orchesterklangideal mit seinem schmelzenden Streicherbett. Hier spielt man mit lediglich acht ersten Violinen, Holz und Blech dominieren den Klang. Und der hat es in sich.
Der Dirigent der Deutschen Kammerphilharmonie ist Paavo Järvi, er wurde in Frankfurt als neuer Chef des Radiosinfonie-Orchesters ja bereits eingeführt. Mit diesem Beethoven-Abend hat er erneut bewiesen, wie gut diese Wahl war und wie wenig Sorgen man sich um den durch Hugh Wolff gewonnenen neuen Klassiker-Ton machen muss.
Poesie, Leidenschaft, Provokation: Für das Beethoven-Violinkonzert hatte man in Bremen ursprünglich mit der Geigerin Akiko Suwanai gerechnet. Die aber plante anders, aufgrund ihrer Schwangerschaft musste man nach Alternativen suchen und fand zwei diametral verschiedene. In Japan wird Hilary Hahn geigen, die ausgewogene Klassikerin, in Frankfurt dagegen spielte die Moldawierin Patricia Kopatchinskaja. Die nun ging mit allen Parametern dieses Violinkonzerts extrem frei um, auch was Gestik und Mimik betrifft in den Passagen, in denen die Solovioline pausiert. Da tanzte die 29-Jährige. Und wenn sie spielte, war dies nicht minder extravagant. Die Solokadenz des ersten Satzes etwa teilte sie sich mit dem Pauker, die beiden nahmen sich viel Raum (*). Auch den Übergang zum Finalsatz nutzte Kopatchinskaja für eingefügte Spielfiguren, das Beethoven-Konzert wurde zum eigenwilligen Kabinettstück, mit Geschmacksgrenzen und Irritationen experimentierte die Violin-Darstellerin mutig und gekonnt. Ihre Homepage beginnt mit den vier Begriffen "Poetry Passion Provocation Patricia". Die Betonung hier lag auf der Drei.
Zur Zugabe gab die vom Frankfurter Publikum begeistert gefeierte Patricia Kopatchinskaja etwas Launiges des Wiener Avantgarde-Komponisten Otto Zykan, eine Art Hexenzauber mit Stampfgeräuschen, Beschwörungssilben und einer Pirouette um die eigene Achse. Da kam einem das Wort in den Sinn, nach dem man bei ihrem Beethoven unbewusst gesucht hatte: "Clownesk".
(*) Gespielt wurden die Originalkadenzen von Beethoven für die Klavierfassung, die von Wolfgang Schneiderhan für die Geige adaptiert wurden.
Überzeugte das Frankfurter Publikum
Aino Siebert auf Website des Deutsch-Estnischen Forums (www.destfor.com), 17.5.2006:...Das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 ist dagegen ganz anders. Die Geige als Soloinstrument ist Beethoven immer recht fremd geblieben. Das Stück ist durch und durch lyrisch, die Themen zielen nicht auf Gegensätzlichkeit ab, der Solist - diesmal Patricia Kopatchinskaja aus Moldova - soll nicht den großen Virtuosen markieren, sondern einen Sänger auf seinem Instrument. Die Geigerin, geboren in dem weinbauenden Land zwischen Rumänien und der Ukraine, studierte Komposition und Violine in Wien und Bern. Sie gewann schon mehrere Wettbewerbe und war Solistin mit vielen guten Orchestern, u.a. mit Philharmonia London, NHK Symphony Orchestra Tokyo. Für Akiko Suwanai eingesprungen, spielte Kopatchinskaja das Konzert mit harmonischem Dialog mit dem Dirigenten und dem Orchester. In der Interpretation suche die Künstlerin die völlige persönliche und emotionale Identifikation mit dem Werk. Den Komponisten respektierend wollte sie Musik aus dem Moment entstehen lassen, so provokant wie vor zweihundert Jahren.
Musikkritiker sprechen beim Patricia Kopatchinskaja von einer "kompromisslosen Leidenschaft" , ja sogar von "einer neuen musikalischen, Generation", während andere eine Tendenz "zu Übertreibung" oder "zum Schockieren des Publikums" herabsetzten. Das Frankfurter Publikum konnte die Solistin mit ihrer exzellenten Technik und Aufführung überzeugen, das bestätigte der warme lange Applaus.
Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja in Frankfurt
Daniel Honsack in Frankfurter Neue Presse, 16.5.2006: Drei Mal prasselt Holz auf Saite, mit einer ungeheuren Vehemenz steigt das Orchester in Beethovens Coriolan-Ouvertüre ein. Mit solch krassen Phrasierungen hat man das Stück wohl noch nicht gehört, jeder Ton ist Impulsivität pur. Dann säuseln wieder die Geigen. Selbst der scheinbar nebensächlichste Ton wirkt in dieser Interpretation nie zufällig gesetzt. Genau so gerät auch die Sinfonie Nr. 8. Als nicht enden wollende Aufforderung zum musikalischen Ungehorsam. Beethoven rhythmisch gegen den Strich gebürstet, ohne dass ihm ein Leid geschieht. Jede Stimme wird heraus gestellt, alles ist auf einmal so transparent. Kein Zweifel: Paavo Järvi, der kommenden Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters, hat seine ganz eigenen Vorstellungen von Beethoven und in der Deutschen Kammerphilharmonie einen begeisterten Komplizen gefunden. Sein Schlag ist fordernd, seine Gestik unmissverständlich und schnörkellos. Puristen mögen die Nase rümpfen, doch wer Musik gleich welcher Art nicht als lebloses Exponat einer vergänglichen Epoche betrachtet, verfolgt gebannt, was da geschieht.
Unerhört im besten Sinne auch das, was die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja mit dem Violinkonzert anstellt. Das Energiebündel aus der jungen Republik Moldau derwischt durch die Läufe, flüstert hauchige Lagenwechsel. Oft klingen die wie eine ganze Reihe Flageoletts. Geradezu eine Neudefinition. Lustvoll wie geistreich ist sie ohne Zweifel. Dabei von erstaunlicher Disziplin und Präzision, die ihr erst einmal nicht zuzutrauen ist, wenn man sie dabei beobachtet, wie sie sich auch ganz körperlich vom Orchester treiben und herumwirbeln lässt. Dazu kommen eigene Kadenzen, die respektvoll aber befreit mit dem Material spielen. Ein außergewöhnliches Konzert-Ereignis und die Erkenntnis: Frankfurt, freu Dich auf Paavo Järvi!
Auf der Suche nach Extremen: Debüt der Geigerin Patricia Kopatchinskaja in der Alten Oper
Harald Budweg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2006: Ein Beethoven-Abend, bestehend aus einer Ouvertüre, einem Solokonzert und einer Sinfonie: Eine konventionellere Programmgestaltung, so scheint es, kann es im Musikleben einer Stadt gar nicht geben. Wie sehr aber auch in diesem Fall Erwartungen getäuscht werden können, wie sehr scheinbar wohlvertraute Konzertsaalrituale zu einer musikalischen Abenteuerfahrt in unbekannte Gefilde einladen können, das bewies jetzt ein Gastspiel der Deutschen Kammerphilharmonie bei "Pro Arte" in der Alten Oper.
Das kleine Eliteorchester, früher einmal zum Frankfurter Kulturleben gehörend, seit 1992 aber in Bremen ansässig, wird seit zwei Jahren von dem estnischen Dirigenten Paavo Järvi geleitet, der im kommenden Herbst als Nachfolger Hugh Wolffs auch die Leitung des hr-Sinfonieorchesters übernehmen wird. Die Qualität der ohnehin längst zur Spitze zählenden Deutschen Kammerphilharmonie hat er offenbar noch steigern können. Reaktionsschnell, flexibel und klangschön spielten die Musiker einen ganzen Abend lang, schlank im Ton, aber straff im Ausdruck. Schon Beethovens Ouvertüre zu Collins Drama "Coriolan" c-Moll op. 62 war für Järvi alles andere als ein Warmspielstück - ungewöhnlich heftig prallten die musikalischen Gegensätze aufeinander. Erst recht war Beethovens Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93 von einer unterschwelligen Unruhe und heftigen, emotionsgeladenen Impulsen geprägt, ausgelöst durch die äußerst dichte musikalische Struktur der Kopfsatz-Durchführung und der jähen Kontrastdramaturgie des Finales. Obwohl Järvi stets ein vehementes Tempo vorlegte, geriet die Musik dank vorbildlicher Aufmerksamkeit der Bremer Musiker nie kurzatmig. Allerdings setzte der Dirigent auch nicht auf wohlfeile Effekte, sondern lotete die Musik in ihrem doppelbödigen Sinngehalt optimal aus und blieb dabei als Gestalter doch auch ganz Musiker, ließ den Ausführenden Raum zum "atmen", zu sauberer, einheitlicher Phrasierung bei genauer Beachtung der instrumentalen Charakteristika. Eine sehr feinsinnig differenzierte Interpretation der Komposition "Valse triste" op. 44 von Jean Sibelius war die Zugabendelikatesse dieses Abends.
Anstelle der ursprünglich angekündigten Solistin Akiko Suwanai gab Patricia Kopatchinskaja ihr Debüt in Beethovens Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61. Die junge Frau aus Moldau wird in Veranstalterkreisen hoch gehandelt, ihr Name taucht plötzlich wie aus dem Nichts auf den Konzertplakaten der Welt auf. Das macht neugierig. Steht die Geigerin dann auf der Bühne, glaubt man seinen Augen kaum zu trauen: Beethovens Konzert beginnt mit einer sehr langen Orchestereinleitung, doch bevor Patricia Kopatchinskaja ihren ersten Einsatz absolviert, hat sie schon ein erhebliches Pensum hinter sich: Während Järvi und die Musiker die Themen und ihre Verzweigungen vorstellen, vollführt die Solistin heftige, fast tänzerische Bewegungen, richtet, weil nicht auswendig spielend, ihren Notenständer, nestelt an ihrer Kleidung, grimassiert den musikalischen Verlauf.
Wer nun glaubt, dies alles seien nebensächliche Äußerlichkeiten eines Auftritts, irrt gewaltig: Patricia Kopatchinskajas ungewöhnliches Verhalten führt direkt ins Zentrum ihrer Musikauffassung. Als Interpretin nämlich scheint die hochbegabte Nachwuchsgeigerin ausschließlich in solchen Extremen zu denken: Mal spielt sie über Gebühr leise und tonlos, mal wird jeder kleine Akzent zu massiv und ruppig gesetzten Sforzati. Es gibt kaum eine musikalische Phrase, deren Gestaltung nicht maßlos übertrieben wirkte.
Dies alles wäre nicht der Rede wert, stünden der Solistin technisch-musikalisch nur begrenzte Ausdrucksmittel zur Verfügung. Doch das Gegenteil scheint der Fall: Patricia Kopatchinskaja ist eine begnadete Ausnahmegeigerin, die - so absurd das klingen mag - über zu viele Ausdrucksmittel verfügt, die sie am liebsten alle gleichzeitig einsetzen möchte. Viele Passagen klingen, als wollte die Künstlerin Hanslicks berühmtes Fehlurteil des 19. Jahrhunderts über Tschaikowskys Violinkonzert, in dem die Geige nicht gespielt, sondern gerupft und gezaust werde, nachträglich beglaubigen. Haben ihre Lehrer in Übungsstunden nie von der Ökonomie der Mittel und einer dem Werk dienenden Interpretation gesprochen? Man mag angesichts des enormen geigerischen Potentials auch deswegen so fragen, weil sich da noch manches korrigieren ließe.
Paavo Järvi hat wahrscheinlich nichts gesagt, er hat sich vielmehr den Intentionen der Solistin spürbar angepaßt - zumindest in den Rahmensätzen. Im Larghetto aber ist er eigene Wege gegangen. Nun mußte Patricia Kopatchinskaja sich auf ihn einstellen. Flugs entstand ein Klangbild, in dem eines aus dem anderen logisch hervorging. Das soll allerdings nicht bedeuten, Patricia Kopatchinskaja suche aus Kalkül und Provokationslust den grellen Effekt. Einige ihrer Kollegen tun dies ja, doch mit denen möchte man die Künstlerin nicht vergleichen. Dennoch hat ihre seltsame Interpretation wenig mit Beethoven, um so mehr jedoch mit ihr selbst zu tun: In ihrer Biographie heißt es ausdrücklich, die Violinistin komponiere gelegentlich und improvisiere gern. Genau das war es auch: eine Art Improvisation über Beethovens Violinkonzert, zumal sie es mit dem Notentext nicht immer ganz genau nahm (*).
Ob Patricia Kopatchinskaja musikalische Vorbilder hat, ist nicht bekannt. Wäre der Pianist Olli Mustonen ein Geiger, wäre er vielleicht ein solches. Im Vergleich zu Patricia Kopatchinskaja ist Julia Fischer eine kreuzbrave Interpretin. Nach dem Genuß ihrer Beethoven-Interpretation allerdings geht man beseelt nach Hause. Über Kopatchinskajas Darbietung ist man lediglich verwundert. Doch sei's drum: Dem Pro-arte-Publikum hat es gefallen. So sehr, daß schon nach dem ersten Satz der Beifall derjenigen, die das Stück für beendet hielten, kaum aufhören wollte. Ob die Dame, deren Handy während der Musikdarbietung so unverkennbar klingelte, von dem gerade stattfindenden Erlebnis begeistert erzählt hat?
(*) Es wurden tatsächlich im ersten Satz drei Varianten gespielt, die sich aber im Beethovenschen Originalmanuskript finden, für Details siehe folgenden >>Link.
Geigerin bezauberte
Annmari Falmela in Helsingin Sanomat (Helsinki), 15.5.2006: ...An diesem Abend das grösste von Sibelius wurden die kleinsten Stücke: Die zwei Serenaden Op.69. für Violine und Orchester. Sie erzählen in ganzen 13 Minuten von Salon und Sommernacht, mit elegischen bis zu atemraubenden Momenten.
Die in Moldavien geborene Patricia Kopatchinskaja ist voll von Musik, sie ist eins mit der Musik. Die hervorragenden Orchestermusiker kreierten ein fantastisches Fundament, sodass es für Patricia Kopatchinskaja ein Leichtes wurde, das auszudrücken, was sie wollte. Die Aufgabe des Zuhörers blieb, so viel wie möglich vom Dargebotenen aufzunehmen. Die Zugabe des Avantgardisten Otto Zykan (2001) hätte sicherlich Standing Ovations gebracht, wenn der Geist des Publikums nicht noch so sehr in die Sibeliusschen Landschaften entrückt gewesen wäre (übersetzt aus dem Finnischen).
Mit viel Herzblut und Elan
Regula Nyffenegger in Basellandschaftliche Zeitung vom 27.4.2006: Baselbieter Konzerte / Patricia und Emilia Kopatchinskaja, Viktor Kopatchinsky sowie Mihaela Ursuleasa spielten "rumänisch-moldawische Folklore und Kunstmusik". Auch das letzte Konzert der Saison begeisterte das Publikum.
Rumänisch-moldawische Folklore und Kunstmusik versprach das siebte und letzte "Baselbieterkonzert" der Saison. In der katholischen Kirche in Liestal konzertierten Emilia Kopatchinskaja (Violine), Viktor Kopatchinsky (Zymbal), deren Tochter Patricia Kopatchinskaja und sowie Mihaela Ursuleasa als Begleiterin am Klavier. Ihre Herkunftsländer, Moldawien und Rumänien verrieten schon den Bezug zum Programmschwerpunkt, ging es dabei doch darum, östliche Volks- und Kunstmusik miteinander zu verbinden.
Dies wurde bereits zu Beginn des Konzerts offensichtlich, wurde doch das Publikum mit Volksmusik auf Violine und Zimbal eingestimmt. Feurige, temperamentvolle Momente, standen im Wechsel mit ruhiger, fast besinnlicher Melodik. Deutlich waren dabei, besonders in der Violinstimme, auch orientalisch anmutende Klänge zu hören, Dies erstaunt nicht: Die Heimatregion der Musizierenden stand jahrhunderteklang im direkten Kulturaustausch mit den Osmanen.
Bevor Emilia und viktor Kopatchinsky weitere Volksweisen praesentierte, interpretierten Patricia Kopatchinskaja und Mihaela Ursuleasa Bela Bartok "Rumänische Tänze". Sie begeisterten durch ihren Facettenreichtum der Klangfarben. Patricia Kopatchinskajas Spiel bestach einmal durch herzzerreissende, klagende Sequenzen, ebenso durch Tonfolgen von unbändiger Lebensfreude. Mihaela Ursuleasa begleitete sie stets aufmerksam und trug die jeweiligen Stimmungsbilder gekonnt mit.
Auf György Kurtags "Splitter" für Zimbal, einem Mosaik verschiedenster musikalischer Momentaufnahmen, folgten Pablo Sarasates «Zigeunerweisen op. 20. Die Interpretation der vier Musiker war von hoher Emotionalität und Intensität -in den heiteren wie in den wehmütigen Passagen. Nicht zu übertreffen, mit wie viel Herzblut und Elan dabei musiziert wurde. In George Enescus «Sonate N r. 3 für Violine und Klavier op. 25» brachten Patricia Kopatchinskaja und Mihaela Ursuleasa tiefe Melancholie und bewegende Verzweiflung zum Ausdruck.
Ganz besondere Harmonie verströmten Vater und Tochter in György Kurtags "Acht Duos fiir Violine und Zimbal". Klänge gingen ineinander über, verschmolzen, trennten sich anschliessend wlieder. Letzter Höhepunkt bildete Maurice Ravels "Tzigane" inspiriert von ungarischer Zgeunermusik. Die Musizierenden boten einen weiteren Beweis ihres Könnens und rissen das Publikum nochmals mit.
Die erste Saison unter neuer Leitung war ein guter Jahrgang.
Musikalische Gedankensplitter zu Kafka
Michael Wruss in Oberösterreichische Nachrichten, 10.3.2006: Bruchstücke, Fragmente, Teile eines Vollkommenen, Puzzlesteine, die sich zu einem Ganzen zwingen, Reste von Zeit, Krümel von Traditionen, die neue schaffen ... - in Franz Kafkas Tagebuchnotizen stecken Bilder einer beklemmenden Weltangst und ihrer trostlosen Realität. Komponist György Kurtág hat sie 1985/86 in ebenso fragmentarische Notenbilder verwandelt.
Am Mittwoch war dieses einzigartige Kunstwerk im Brucknerhaus zu erleben und zwar musiziert von Meisterinnen ihres Faches. Schon vor vier Jahren - damals im Rahmen des 4020-Festivals in der Linzer Synagoge - waren Anna Maria Pammer und Patricia Kopatchinskaja mit diesem faszinierenden Zyklus in Linz zu hören. Was damals noch roher wirkte, erstand nun viel abgeklärter, aber mit derselben nicht wirklich selbstverständlichen Natürlichkeit, die jegliche Schwierigkeiten vergessen liess.
Glühende Eisberge: Kurtág hat für die Geige fast Unspielbares in oft wenige Takte gegossen. Er verlangt Klänge, Gesten, Techniken, die nicht alltäglich sind und in ihrer destillierten Komprimiertheit beinahe erschlagend wirkten. Die Kopatchinskaja stand mitten in diesem Vulkan eruptiv dramatischer Musik und zündete mit ihrem ausdrucksstarken Spiel lodernde Flammen unmittelbar mitreißender Emotionalität. Dem standen die bis zum Zerbersten angespannten Stimmbänder Anna Maria Pammers um nichts nach.
Ein Gesang, der von sinnlicher Verklärung bis zur schneidenden Brutalität reichte, brach auf wie ein innen glühender Eisberg. Ordnete die Gedankensplitter Kafkas zu sich allmählich klärenden Bildern.
Für György Kurtág, der am 19. Februar seinen 80. Geburtstag feierte und diese außergewöhnliche Referenz-Interpretation gab es ungeteilt großen Zuspruch.
Nicht zu viel Pathos: Kopatchinskaja und Fedosejew spielten Strawinsky
tom. in Die Presse (Wien) vom 3.2.2006: Mitreißender kann man Strawinskys Violinkonzert in D-Dur wohl kaum spielen: Die junge moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja, am Mittwoch im Konzerthaus, näherte sich dem an barocke Formen angelehnten Werk musikantisch, heißblütig, voll scharfer Akzente. Die große Geste ist ihr meist wichtiger als die Ausarbeitung von Details: Das macht aber nichts, wirkt bei der temperamentvollen Musikerin vielmehr authentisch, intensiv. Ohne Zugaben wurde sie daher vom begeisterten Publikum nicht entlassen - und landete mit Otto M. Zykans "Das mit der Stimme" vor der Pause noch einen Lacherfolg...
Eine Solistin und wenig mehr
Markus Hennerfeind in Wiener Zeitung vom 3.2.2006: Zwei Phänomene waren im Wiener Konzerthaus zu bestaunen. Das erste: Patricia Kopatchinskaja. Mit Haut und Haar völlig integriert in alle Musik, dabei äusserst konzentriert und gespannt zum Zerreissen - so intensiv geht Kopatchinskaja mit sich, ihrem Insturment und ihrer Interpretation um. Dass dabei auch ein paar Späne fallen, tut nichts zur Sache, ob ihres aussergewöhnlichen Talents.
Es fällt ihr dabei oft gar nicht leicht, in eine feste "klassische" Form gepresst zu sein, wie diesmal bei Stravinskys neobarockem Violinkonzert.
Vladimir Fedoseyev und die Wiener Symphoniker konnte ihren Temperamentsausbrücjhen nicht immer folgen und trug auch kaum Wesentliches bei, um etwa die beiden Mittelsätze zu verfeinern. So geschah es, dass die Geigerin unausgelastet war und sich zur Freude des Publikums flugs zweier origineller Zugaben entledigen musste. Denn vor allem Patricia Kopatchinskajas Solo-Recitals sind es, die man gehört haben sollte...
"Teufelsgeigerin"
Die phänomenale Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Pianist Konstantin Lifschitz - zwei junge, aufstrebende Künstler der internationalen Spitzenklasse überraschten am Donnerstagabend das Oltner Publikum bei ihrem Rezital im Rahmen der Reihe Olten classique".
Kurt Heckendorn in Oltner Tagblatt/Mittelland-Zeitung vom 10.12.2005: An den Beginn ihres klug zusammengestellten Programms hatten die beiden Künstler, Konstantin Lifschitz und Patricia Kopatchinskaja, denen auch die Vermittlung Neuer Musik zentrales Anliegen ist, ein Werk des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Georg Crumb (*1929) gestellt. Seine vier Nocturnes «Night Music II» für Violine und Klavier brachten die Begegnung mit ungewohnten, experimentellen Klängen. Mit sensiblen Tönen der Violine, in den höchsten Lagen und in kaum vernehmbarem Pianissimo - leider empfindlich gestört durch scheinbar unvermeidliche Huster aus dem Publikum - begann das erste Nocturne. Das Klavier, in unkonventionellen Spielweisen traktiert, steuerte geheimnisvolle Klänge und geräuscheartige Elemente bei. Pizzikatotöne von nie gehörter Intensität steigerten die Spannung ins fast Unerträgliche, Flagolettklänge erhoben sich über perkussionsartigen Floskeln oder gläsernen Akkorden des Klaviers, bis zum Schluss das letzte Nocturne unendlich langsam verklang. Eine eindrückliche Begegnung mit neuer Musik.
Verständlich, dass nach diesem exemplarischen Einstieg die Konfrontation mit der herrlichen Sonate Es-Dur KV 481 von Wolfgang Amadeus Mozart in einem ganz neuen Licht erschien, zumal auch hier die Extreme in Dynamik und Tempo von den beiden Interpreten voll ausgereizt wurden. Mit einer kleinen Kadenz nach der 5. Variation des Schlusssatzes schlugen sie sogar einen Bogen zu den zuvor gespielten «Nocturnes». Schade nur, dass an vielen Stellen der ganz geöffnete Flügel das klangliche Geschehen doch zu sehr dominierte.
«Teufelsgeigerin» spielte auch Volkslied: Ganz in ihrem Element war Patricia Kopatchinskaja darauf beim ersten Satz der «Impression d'enfance» op. 25 für Violine und Klavier von George Enescu, die stark durch die Musik ihrer moldawischen Heimat inspiriert wurde. Mit stupender Bogentechnik und hinreissend temperamentvoll spielte sie den solistischen ersten Satz. Vitale Musik - die alle klanglichen Möglichkeiten des Instrumentes ausschöpft - interpretiert von einer wahren «Teufelsgeigerin», die keinerlei technische Probleme zu kennen scheint. Wunderschön, wie es ihr aber auch gelang, dazwischen eine volksliedhafte Melodie aufblühen zu lassen oder wie sie zusammen mit ihrem Partner die rhapsodischen Klänge des letzten Teils zum dramatischen Schluss steigerte. Gerne hätte man allerdings die klärenden Worte zu diesem Werk - von der Geigerin nach der Pause geliefert - schon vor der faszinierenden Wiedergabe vernommen. Einiges wäre so schon beim erstmaligen Hören des wenig überschaubaren Werkes klarer geworden.
Stampfende Motorik sprach an: Ähnlichen musikalischen Wurzeln ist die Rhapsodie Nr. 2 für Violine und Klavier «Béla Bartêk» aus dem Jahre 1928 entsprungen. Kraftvolle, rhythmisch faszinierende Musik, die vor allem im zweiten Teil - von Kopachinskaja und Lifschitz brillant und in perfektem Zusammenspiel dargeboten - mit seiner stampfenden Motorik unmittelbar ansprach.
Wer nun zum Schluss noch eine sanfte, liebliche «Frühlingssonate» von Ludwig van Beethoven erwartet hatte, wurde abermals überrascht - vielleicht auch enttäuscht; denn auch hier präsentierten die Ausnahmekünstler ihre persönliche Sicht der Dinge. Wieder in jeder Beziehung extrem gestaltet, erklang der erste Satz, oft die Grenzen zum Aggressiven streifend bis zum beinahe explosionsartigen Beginn der Coda.
Berührend schöne Töne fand die Geigerin hingegen für den ruhigen langsamen Satz (Adagio molto espressivo), ohne je ins Sentimentale abzugleiten und berückend gelangen ihr im Zusammenspiel mit dem Pianisten die leicht resignierend wirkenden Schlusswendungen. Auch ein kurzes, prägnantes Scherzo - wirklich Allegro molto gespielt - und das Schlussrondo liessen ebenfalls nicht die erhoffte Frühlingsstimmung aufkommen. Spannend und als Ganzes überzeugend war es trotzdem.
Mit zwei delikat angerichteten «Schmankerln» aus der Küche von Fritz Kreisler bedankten sich die beiden sympathischen Künstler für den herzlichen Applaus des Oltner Publikums.
Spiel mit allen Sinnen - Melancholie und Übermut: Mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und Peter Eötvös sorgte das LSO für Festival-Stimmung
Urs Mattenberger in Neue Luzerner Zeitung vom 3.12.2005: Für einmal war am Donnerstag im Konzert des Luzerner Symphonieorchesters die Musik das dominierende Thema der Pausengespräche. Kaum einer unterliess einen Kommentar: "Das fetzt" atmete ein Konzertbesucher auf, und ein anderer staunte: "Das ist ja wie am Lucerne Festival". Und beides stimmte exakt. Denn die Moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja war vor zwei Jahren - als Preisträgerin des Young Artist Award - die Entdeckung des Sommerfestivals in Luzern. Jetzt zeigte sie mit Bartoks erstem Violinkonzert, worin das Geheimnis ihrer staunenswerten Kunst liegt.
Ein neuer Künstlertypus? Das geht weit über perfektes Geigenspiel hinaus. Dieses führt Kopatchinskaja zwar selbst in kniffligsten Passagen auch vor, wobei sie ihrem Spiel mit warm singendem Ton in tiefen Lagen und blank poliertem Glanz in funkelnden Höhen, immer auch eine persönliche Note gibt. Aber hinzu kommen ein unbändiges Temperament und die Fähigkeit, dieses ganz in den Dienst des musikalischen Ausdrucks zu stellen. Kopatchinskaja spielt gleichsam mit dem ganzen Leib: Einmal springt sie mit einer Bogenattacke beinahe den Dirigenten an, eine dunkle melancholische Klagefigur verzieht sie mit trotzigem Schmollmund, mit lausbübischer Freude setzt sie virtuose Effekte.
Entscheidend ist, dass diese Theatralik nie aufgesetzt wirkt, sondern Teil der musikalischen Performance selbst ist. Vielleicht ist dieses spontane Erzählen mit allen Sinnen das Merkmal eines neuen Musikertypus in der Klassik. Ähnliches jedenfalls konnte man kürzlich im Hallenstadion Zürich bei der Sopranistin Anna Netrebko oder letzte Woche bei Fazil Say am Piano-Festival Luzern beobachten. Dass man das Publikum so selbst mit zeitgenössischer Musik amüsieren kann, bewies Kopatchinskaja - nach einem Kodaly-Duo mit dem vorzüglichen Solo-Cellisten des LSO, Peter Somodari - mit einer launigen Zugabe...
Wien Modern: Uraufführung von Gerald Reschs Violinkonzert
Karl-Heinz Roschitz in Kronen Zeitung (Wien) vom 28.11.2005: ...Schlieren nennt der 30-jährige Komponist sein Violinkonzert, in dem Patricia Kopatchinskaja ihr Geigerinnen-Temperament, ihre Bravour, Intensität und Musikalität einsetzen kann. Reschs dreiteiliges, in Unterabschnitten reich differenziertes 20-Minutenwerk, eine Auftagsarbeit von Wien Modern, bietet dem Solisten fulminante Möglichkeiten: an kraftvollen Ausbrüchen, verspielter Eleganz, fliessenden Farben.
Schlieren sind dabei die Klanggebilde, die abseits des musikalischen Hauptstranges nebenher schlingern, sich zu Knäueln ballen oder auch zerfasern. Doch vor allem klingt dieses Stück hinreissend: hochkonzertriert und zugleich luftig-durchsichtig, funkelnd und frisch, poetisch und elegant. Das RSO unter Johannes Kalitzke war der fabelhaften jungen Geigerin ein lockerer Partner, der sich in keinem Moment vordrängte. Jubel!
Mit Fazil Say auf der Spur der Seidenstraße
Dietholf Zerweck in Esslinger Zeitung, 24.11.2005:...Wiederum ein anderer Aspekt des musikalischen Allround-Talents kommt bei Fazil Says Violinsonate zum Vorschein. Bilderreich und anschaulich führt er die Solistin Patricia Kopatchinskaja, von seinen Trillerkaskaden auf dem Klavier begleitet, auf eine imaginäre Reise durch Anatolien. Volkstanz und minimalistisches Perpetuum mobile treffen sich mit orgiastischer Fröhlichkeit, die von Kopatchinskaja mit den furiosen Strichen einer türkischen Fiedel von der Schwarzmeerküste illustriert wird...
Tigran Mansurian: Doppelkonzert für Violine und Cello mit brillianten Solistinnen
Markus Erni in Basler Zeitung vom 14.11.2005: ...Ähnlich nimmt das Doppelkonzert für Violine, Cello und Streicher (1978) seinen Ausgang aus einem Liegeton der Bratschen. Aber daraus werden zumindest im ersten Teil konzertante Gesten (brilliant die Solistinnen Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta) gewonnen, um im zweiten Teil in ein choralartiges Stimmgewebe und zum Anfang zurückzufinden. Eine gewisse furiose Tragik bricht immerhin in den elegischen Grundton ein...
Ein Feuer entzündet - Großer Konzertabend in der Stadhalle
Ulrich Eiß!er in Schwarzwälder Bote, 18.10.2005: In der Konzertreihe der Stadt Nagold war am Samstagabend in der Stadthalle ein Sinfoniekonzert mit der Baden-Badener Philharmonie unter Werner Stiefel zu hören.
...Als Uraufführung folgte dann eine Motette für Geige und Orchester von Boris Yoffe, der 1968 in St. Petersburg geboren wurde, 1990 nach Israel zog und 1997 nach Karlsruhe kam, um bei Wolfgang Rihm zu studieren. 1998 schloss er ein Dirigierstudium bei Werner Stiefel an.
Die Sologeige folgt in der Komposition ruhigen, sanften und getragenen Tonfolgen. Sie wird meist nur von wenigen Instrumenten, hauptsächlich Bläsern, begleitet. Stellenweise klingt ein Klavier und Schlagwerk auf. Eine längere Passage ist als Streichquartett gestaltet. Das Orchester hat nur begrenzte Funktionen. Ein bemerkenswertes zeitgenössisches Werk, weil es mit Tönen arbeitet und moderne Geräuscherzeugung nicht beachtet.
Solistin des Abends und schließlich gefeierter Star war die aus Moldawien stammende Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Nachdem sie zuerst die Motette für Geige in großer Ruhe gestaltete und ihre intensive Beziehung zur Moderne bewies, entzündete sie mit Beethovens Violinkonzert in D-Dur ein regelrechtes Feuer. Wie die Virtuosin mit und in der Musik lebt, ist ein Schauspiel besonderer Art. Ihre Mimik, ihre Körpersprache, ihre Verinnerlichung beethovenscher Gedanken, ihre makellose Technik und eine bewusst betonte Agogik sind Markenzeichen einer außergewöhnlichen Geigerin. Herausragend auch die Kadenz des ersten Satzes mit dem auffallenden Einsatz einer Pauke.
Die Baden-Badener Philharmonie löste die Begleitung der sehr individuellen Solistin mit großer Prägnanz, Exaktheit und Zurückhaltung, ohne strahlenden Glanz in den längeren Orchesterpassagen zu vergessen. Es war ein großer Konzertabend, vom Publikum gefeiert, mit Begeisterungsrufen umrahmt und mit einer Zugabe der Geigerin, komponiert von Boris Yoffe, abgeschlossen.
Patricia Kopatchinskaja brilliert in Baden-Baden
Gisela Brüning in Badisches Tagblatt vom 17.10.2005: "Leicht aber mit Hingabe" hatte Boris Yoffe seine kleine Komposition überschrieben, die Patricia Kopatchisnkaja nach ihrer fulminanten Interpretation des Violinkonzertes D-Dur von Ludwig van Beethoven zur Beruhigung des frenetischen Publikums erklingen liess. "Leicht aber mit Hingabe" schien überhaupt als Losung über dem 2. Sinfoniekonzert der Baden-Badener Philharmonie mit ihrem Dirigenten Werner Stiefel im Weinbrennersaal des Kurhauses zu stehen...
...Wenn von Hingabe die Rede ist, so ist die Geigerin Patricia Kopatchinskaja die Personifizierung dieses Begriffes. Vor wenigen Tagen von einer Tochter entbunden, strahlte die junge Mutter reine Hingabe aus: Hingabe an ihr Spiel, Hingabe an die jeweilige Musik, und auch völlige Zugewandtheit zu ihrem Auditorium, das nicht nur dem makellosen Klang der Violine lauschte, sondern auch von ihrer Persönlichkeit fasziniert wurde. Völlig entrückt und hingegeben liess die Kopatchinskaja durch ihre Körpersprache die Musik lebendig werden. Angespannt, den Kopf im Takt wiegend "dirigierte" sie den Beginn, um quasi mit Anlauf ihren Einsatz wahrzunehmen. Was folgte, war eine Verzauberung des Saals, durch die Magie Ihres Geigenbogens. Das wie Allerleirau gekleidete Persönchen spielte ganze Geschichten, die von Entzücken und Koketterie, von Nachdenklichkeit und Sanftheit erzählten. Dann wieder wirbelte es wie ein Kobold herum oder spielte augenrollend und neckisch mit gekräuseltem Näschen ihre Kollegen im Tutti an, bevor es sich geradezu brachial in die Kadenz stürzte und höchsten solistischen Wohlklang erzeugte.
Die Beschreibung mag theatralisch, ja sogar oberflächlich klingen: Genau das Gegenteil war der Fall. Diese extrovertierte Aufführungspraxis rückte die Komposition nicht in den Hintergrund, sondern verlieh ihr zusätzliche Ausdruckskraft.
Eine solche Interpretation sollte der Wunschtraum jedes Komponisten sein, und auf Boris Yoffe trifft diese Annahme zu. In ihrer Musik, beziehungsweise in ihrer Interpretation, erkannten sich die beiden als kongeniale Partner. Inzwischen hat Yoffe Patricia Kopatchinskaja einige seiner Kompositionen gewidmet. Das am Samstag uraufgeführte Werk "Motette für Geige und Orchester" ist ein Auftragswerk der Künstlerin. Die die Violine in diesem aus sechs ineinander übergehenden Teilen bestehenden Werk in schönen klaren Melodienbögen den Cantus übernahm, fielen den Orchesterinstrumenten und dem Piano die Aufgabe der "motetus" zu, die sich syllabisch mit kurzen Sequenzen, einzelnen Tönen oder Geräuschen als Oberstimmen über den Cantus legten...
Frisch und unkonventionell - Uraufführung und Violinkonzert von Beethoven waren zwei Höhepunkte bei der Philharmonie
Karl-Heinz Fischer in Badische Neueste Nachrichten vom 17.10.2005: Gleich zwei Höhepunkte gab es beim zweiten Sinfoniekonzert der Baden-Badener Philharmonie. Die beiden herausragenden Ereignisse in diesem Konzert waren zwar von recht unterschiedlicher Qualität, gemeinsam war ihnen aber, dass an beiden maßgeblich die Geigerin Patricia Kopatchinskaja beteiligt war, die in der Stadt längst keine Unbekannte mehr ist. Der erste Höhepunkt war die Uraufführung eines Werks von Boris Yoffe, der neben seiner Kompositionstätigkeit seit vielen Jahren Bratschist in der Philharmonie ist. Der zweite Höhepunkt war auch fast so etwas wie eine Uraufführung: So, wie Kopatchinskaja und die Philharmonie das Violinkonzert von Beethoven spielten, hatte man diesen Gassenhauer im klassischen Musikrepertoire wohl noch nie gehört&ldots;
...dann die Uraufführung der "Motette für Geige und Orchester" von Boris Yoffe, der in St.Petersburg geboren wurde und dort seine musikalische Ausbildung begann, die er ab 1990 in Israel und ab 1997 in Karlsruhe mit einem Kompositions- und Dirigierstudium vertiefte. Sein Dirigierlehrer an der Musikhochschule Karlsruhe war Werner Stiefel, sein Kompositionslehrer Wolfgang Rihrn. Neben seiner regen Kompositionstätigkeit ist Yoffe als Bratschist in zahlreichen Kammeimusikformationen tätig. Auch in Baden-Baden wurden schon, einige, seiner Werke aufgeführt, oft wie auch jetzt mit Beteiligung der Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Wie sehr sie die Kompositionen Yoffes schätzt, machte sie auch damit deutlich, dass sie am Schluss des Abends als Zugabe ein weiteres kleines Yoffe-Stück spielte. Die Motette beginnt mit elegischen Geigentönen, die dann in einen Dialog mit dem Orchester münden. Eine melancholische Tonlage beherrscht dieses Zwiegespräch: Hier werden Trauer und Schmerz mit den Mitteln der Musik verarbeitet, hier macht aber auch jemand seinen Frieden mit diesem Schmerz, akzeptiert ihn, bäumt sich nur wenig dagegen auf. Patricia Kopatchinskaja geht sehr präzise und einfühlsam auf diese Geisteshaltung der Komposition ein und stellt ebenso wie das Orchester den Dialogcharakter dieser Musik heraus, betont, die polyphonen Elemente. In ihrem düsteren Leiden an der Welt scheint die Motette einer Geisteshaltung verpflichtet, die eher dem Lebensgefühl der Intellektuellen des frühen 20. Jahrhunderts, vor allem in der Zeit nach den beiden Weltkriegen entspricht als dem gegenwärtigen Zeitgeist: Das von seiner musikalischen Struktur her sehr anspruchsvolle Werk macht es den Zuhörern nicht leicht, darin einen adäquaten Ausdruck unserer heutigen Zeit zu sehen....
Genau umgekehrt stellt sich dies nach der Pause beim Konzert für Violine und Orchester D-Dur von Ludwig van Beethoven dar. Das viel gespielte und beliebte Werk der klassischen Konzertliteratur war, ebenfalls mit Kopatchinskaja als Solistin, in einer derart erfrischend unkonventionellen Fassung zu hören, dass man meinen konnte, erneut einer Uraufführung beizuwohnen. Unerhört war nicht nur ihre Kadenz im ersten Satz, bei der sie sich gegen alle Konvention von der Pauke begleiten ließ. Mal hauchte sie ihren Part ganz leise dahin, um dann wieder richtig loszufetzen. So frech und unkonventionell an einen Klassiker heranzugehen, traut sich außer vielleicht Nigel Kennedy kaum ein Geiger. Dabei war sie absolut überzeugend, in ihrer extremen Impulsivität ging sie förmlich auf in ihrer Art, Beethoven zu spielen, und riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.
Faszinierend war auch, wie exakt sich Stiefel auf diese Interpretation eingelassen hat, wie er das Orchester zurücknahm und wieder lospoltern ließ - einfach toll. Für das Publikum war das der absolute Höhepunkt des Abends.
Andreas Obst in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.8.2005: ... In der Dorfkirche von Zweisimmen, eine halbe Stunde oberhalb Gstaad musizierten die aus Moldawien stammende junge Geigerin Patricfia Kopatchinskaja und der finnische Pianist Henri Sigfridson akkurat und dennoch inspiriert wie man es von Nachwuchspreisträgern erwarten darf, Brahms, Schumann und die ausschweifende dritte Sonate von Georges Enescu, einem Lehrer Menuhins.
Höhepunkt des Konzerts jedoch war der Schabernack, den sie mit John Cages "Variations I" aus dem Jahr1948 trieben, sechs Folien mit Linien und Punkten, deren Deutung ganz im Belieben der Interpreten liegt. An diesem Abend wurde daraus ein lautmalerischer Spass mit der Violinistin, die in einen Apfel biss und dem Pianisten, der auf dem Rücken liegend einen lilafarbenen Luftballon platzen liess. Das häte womöblich dem Traditionsverweigerer Cage selbst gefallen.
"Hexensabbat" - mit dem Arpeggione Kammerorchster und Kirill Petrenko in Hohenems
(amp) in Vorarlberger Nachrichten vom 18.7.2005: ...Karl A. Hartmanns "Concerto funebre" findet in Patricia Kopatschinskaja eine kongeniale Interpretin. Technisch brillant setzt die gebürtige Moldavierin die Kantilene zu den Minimalismen im Orchesterpart. Die introvertierte Introduktion verdichtet sich harmonisch und rhythmisch im "Allegro di molto" zum wahren "Hexensabbat" und findet dann im "Choral" einen spätromantisch - elegisch ruhigen Ausklang. Petrenko gibt mit "Arpeggione" der Solistin agogische Gestaltungsmöglichkeiten, ohne jedoch auch nur einen Augenblick die Kompaktheit des Werkes aus den Augen zu verlieren.
Lockenhaus Festival - Grösster Applaus des Abends
Andreas Fussi in Burgenländische Volkszeitung vom 13.7.2005: ...Den größten Applaus des Abends hatten Patricia Kopatchinskaja, Maxim Rysanov, Enrico Dindo und vor allem Marc-André Hamelin mit Mendelssohns Klavierquartett Nr. 2 (Opus 2)....
West Cork Chamber Music Festival 2005
Grandioser Trio-Abend - Standing Ovations an den Thuner Schlosskonzerten
Murielle Ehrler in Thuner Tagblatt vom 21.6.2005: Ein einzelner Ton schwebt zart durch die Luft, ihm folgt ein zweiter, das Ganze formt sich zu einer klagenden Melodie in sanften Flageoletttönen wenn die Cellistin Sol Gabetta spielt, scheint sie mit ihrem Instrument zu verschmelzen. Die Geige setzt in tiefer Lage in den Kanon ein, man sieht am Gesichtsausdruck von Patricia Kopatchinskaja, wie sie jeden einzelnen Ton mitfühlt. Das Publikum hält gebannt den Atem an bei diesem Anfang von Schostakowitschs Klaviertrio. Der Pianist Henri Sigfridsson und die beiden Streicherinnen bilden eine ideale Kammermusik-Formation. Alle drei sind hochtalentierte Spitzenkünstler, die zur aufstrebenden jungen Solistengeneration gehören. Entsprechend randvoll ist der Rittersaal im Schloss Thun. Und man ist gespannt auf ein Programm voller Abwechslung: Haydn, Brahms, Schostakowitsch in chronologischer Reihenfolge werden Klaviertrios aus drei Jahrhunderten gespielt.
Barocke Trauerformel: Schostakowitschs Trio Nr. 2 op. 67 ist ein eindrückliches Werk, das der Komponist zu Ehren eines verstorbenen Freundes komponierte: Tod und Trauer sind allgegenwärtig, Kopatchinskaja und Gabetta vermögen die schmerzlichsten, anrührendsten Klänge hervorzuzaubern. Im Largo, dem Kern des Werks, lässt Sigfridsson mit kräftigen, ausdrucksstarken Akkorden einen Lamento-Bass erklingen. Diese gleichförmige Bewegung des Basses, über welche sich die Streicher ätherisch erheben, ist eine Trauerformel aus dem Barock. Das Trio wurde 1944 mit dem Komponisten selbst am Klavier in Leningrad kurz nach der Befreiung der Stadt uraufgeführt. Schostakowitsch bringt seine Klage über den Schrecken des Kriegs und die Opfer des Holocaust zum Ausdruck. Darauf weisen auch die Anlehnungen an jiddische Melodien im letzten Satz hin, einem makabren, stark rhythmisierten Totentanz. Die Energie sprudelt bei diesem Finale nur so aus den Musikern heraus; das Publikum wird dabei völlig in ihren Bann gezogen.
Ein perfektes Team: Zuvor sind Haydn und Brahms zu hören. Das in London entstandene Klaviertrio Nr. 39 von Joseph Haydn wird auch Zigeunertrio genannt. Mit Leichtigkeit und Eleganz spielt Kopatchinskaja die spritzigen Melodien dieses Finales, kräftig unterstützt von ihren Partnern. Das darauf folgende Werk op. 87 von Johannes Brahms macht die Entwicklung der Gattung Klaviertrio im 19. Jahrhundert deutlich: Während bei Haydn Klavier und Cello vorwiegend begleitende Funktion haben, sind bei Brahms drei gleichwertige Stimmen vorhanden. Das Stück verlangt intensives Zusammenspiel; Kopatchinskaja, Gabetta und Sigfridsson meistern dies wunderbar und lassen einen innigen Dialog entstehen. Es wird an diesem Abend deutlich: Ein perfektes Team aus drei unverwechselbaren Musikerpersönlichkeiten ist hier am Werk!
Hundert feurige Attacken - Andrey Boreyko und Patricia Kopatchinskaja mit dem Radio-Sinfonieorchester im Beethovensaal
Erwin Schwarz in Esslinger Zeitung vom 10.6.2005: So begeistert man ein Publikum für die Moderne: Bei ihrem Stuttgarter Debüt gliederte die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja das Violinkonzert Nr. 2 von Bartók in hundert feurige Attacken mit balsamischen Zwischenspielen. Da entsteht Musik jenseits aller Diskussionen um stilistische Idiome des Komponisten: Klangbilder von höchster Intensität.
Die 28-jährige Geigerin aus Moldawien weiß sich auf dem Podium des Beethovensaals in bester Gesellschaft. In der Mitte des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart nutzt sie alle Freiräume, die ein erfahrenes Orchester unter einem hellhörigen Dirigenten ihr anbietet. Da kann sie aufbrausendes Temperament und technische Brillanz mit einem Hauch von Zigeunerschmelz und stampfender Puszta-Motorik zu einer Art Feuertanz verbinden. Fast ungläubig sieht und hört man zu, wie sie immer wieder vom irdischen Lärm ins Niemandsland des himmlischen Friedens unterwegs ist und Bartóks Konzert mit leidenschaftlicher Beschwörung und rhythmischer Spannung füllt. Südländische Ovationen im Saal und eine wohlbedachte Zirkusnummer von Otto Zykan als Zugabe. Vor zwei Jahren erst ist sie entstanden, nennt sich "Das mit der Stimme" und lässt Spielen, Stampfen, Juchzen, Reden und einen Schlusshüpfer zu.
Andrey Boreyko und eine junge Geigenhoffnung - Radio Symphonieorchester Stuttgart
Susanne Benda, in Stuttgarter Nachrichten vom 10.6.2005: ...mit viel Kraft wird Disparates in eine vorgegebene Form gepresst - das ist hier so, und das ist auch bei Bartoks zweitem Violinkonzert der Fall.
Zumindest macht es die junge moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja so deutlich: In jedem Takt, jeder Phrase, ja zuweilen gar von Ton zu Ton wechseln bei ihr Farbe, Stil, Tonfall und Ausdruck; das Orchester folgt ihrem leichtfüßigen, nie überfrachteten, ungemein feingliedrigen Bemühen, die ganze Welt mit all ihren Facetten von Schönheit und Traurigkeit aus einem Stück heraus zu interpretieren, und heraus kommt ein wundersam anrührender Beitrag zu Boreykos Herzensthema der kompositorischen Aufbrüche und Abrechnungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Brüchige Romanzen - Swiss Chamber Concerts im St.Peter
Christoph Ballmer in Neue Zürcher Zeitung vom 28.4.2005: Das Motto des jüngsten der Swiss Chamber Concerts versprach Beschauliches. "Romanzen" indes waren an diesem Abend nur bedingt zu hören, zumindest nicht im emphatischen Sinne. Vielmehr wurde mit aller musikalischen Intensität den Grundlagen künstlerischer und allgemein menschlicher Befindlichkeit nachgespürt - im Liedzyklus "My illness is the medicine I need" des Österreichers Thomas Larcher (*1963) beispielsweise, der sich als eine klanglich sensible Darstellung von Momenten seelischer Gefährdung erwies. Und in Thomas Demengas "Kleiner Erregung (über Bach und Berg)" für Cello und Klavier, die sich als eine sehr persönliche Hommage an jene rigiden Kompositionsprinzipien der Wiener Schule entpuppte, die sich zuver bereits in den konzisen "Drei kleinen Stücken" op.11 von Alban Berg offenbart hatten. Und selbst in Dimitri Schostakowitschs hoch emotionalen "Sieben Romanzen nach Gedichten von Alexander Blok" op. 127, die den klug konzipierten Abend beschlossen, erwies sich das Programmatische als vordergründig und brüchig;: Allzu präsent sind in dem dramatisch expressiven, in Tritonusspannung endenden Liedzyklus Verzweiflung und Schmerz.
Die programmliche Konsequenz fand auf interpretatorischer Ebene ihre direkte Entsprechung. In der kurzfristig eingesprungenen amerikanischen Sopranistin Andrea Lauren Brown und der aus der Moldau stammenden Geigerin Patricia Kopatchinskaja waren zwei excellente junge Musikerinnen zu hören, die - alle technischen Anforderungen weit hinter sich lassend - für spannungsvollen Ausdruck sorgten. Und Thomas Demenga und Thomas Larcher wussten sich nicht nur als Komponisten zu profilieren, sie trugen die Intensität des Abends an Cello und Klavier wesentlich mit.
Ausgelassenes Unwesen - Die Kammerphilharmonie Bremen und Patricia Kopatchinskaja (Violine) im Konzerthaus Bozen
Markus-Jakob Laimer, Die Dolomiten 28.4.2005:...In Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert in e-moll darf die aus Moldavwien stammende Violinistin Patricia Kopatchinskaja ihr Unwesen treiben. Die romantische Poesie spiegelt sich bei ihr in der Ausgelassenheit wider, in der Spielfreude, die einmal mehr über das Althergebrachte scherzt, ohne an der Oberfläche zu bleiben. Unsere heutige Auffassung ist eben die entschlackte, manchmal etwas derbe, aber glaubwürdige Poesie. Und mit der Tradition der Romantik brach ja schon Mendelssohn, wenn die Solovioline im zweiten Takt mit der Tür ins Haus fällt, wenn er zwischen den Sätzen keine Verschnaufpause lässt, weiterdenkt, wenn er die Solokadenz an zentraler Stelle ansiedelt. Da mischt die Kammerphilharmonie Bremen kräftig mit, überlässt Patricia Kopatchinskaja das Wort, wo' s draufankommt und holt sie wieder ins ganze zurück.
Vokaler Glanz als Urlaubsersatz - Angela Gheorghiu im Wiener Musikverein
Stefan Ender in Der Standard (Wien), 14.4.2005: Es ist eine Stimme, von der man nicht glaubt, dass es sie noch geben könnte. Man hört einen Ton, eine Phrase, und alles ist da: Glanz, Wärme, Leichtigkeit, Glut, Volumen, mit technischer Souveränität ausbalanciert. Man erlebt die kraftvollen Crescendi, die gleißenden Spitzentöne, die zarten Decrescendi und kommt zu dem Schluss, dass es unzulänglich erschiene, für dieses Singen das Wort Perfektion zu gebrauchen...
...Gheorghiu hatte souveräne Mitstreiterinnen an ihrer (perfekt gestylten) Seite: die Pianistin Mihaela Ursuleasa und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Die beiden Musikerinnen assistierten erstklassig und folgten der rubatoreichen Melodienzeichnung Gheorghius schattengleich.
Auch bewiesen sie in zwei Duos ("Suite populaire espagnole" von Manuel de Falla und Auszüge aus den "Rumänischen Tänzen" von Béla Bartók), was alles in ihnen steckt: unbändige Kraft, Virtuosität und eine überbordende Musikalität. Großer Applaus, natürlich, und Zugaben. Und ein riesiges Dankeschön auch von dieser Seite.
Kritik Musikverein: Alles, nur kein Liederabend
Walter Weidringer in Die Presse, 14.4.2005: Angela Gheorghiu sang! Leider nicht in der Oper. Ach, hätte sie doch bloß Arien gesungen! Das versammelte Opernvolk, die eine Hälfte des Publikums im Musikverein, wäre umso glücklicher gewesen. Und auch die Liedfreunde hätten es gelitten. Denn eines ist klar: Angela Gheorghiu verfügt über eine der edelsten, prächtigsten, technisch versiertesten, ausdrucksvollsten Stimmen unserer Tage. Vor diesem begnadeten Sopran muss auch die berechtigte bis gehässige Kritik am Gebaren der "Opernfirma" Alagna/Gheorghiu und deren, sagen wir: selbstbewussten Gagen- und sonstigen Forderungen verstummen. Nicht nur in der Wiener Staatsoper hat das ja zu einem längeren Bann des als Traumpaar vermarkteten Duos geführt - das soll sich in absehbarer Zeit ändern, zumal wenn der Doppelpack mit dem doch auf niedrigerem Niveau angesiedelten Tenor-Gatten nicht mehr obligatorisch ist.
Ja, Gheorghiu muss schleunigst wieder in Wien auftreten - nur bitte an der Staatsoper, wo sie hingehört. Denn die auf dem Papier reizvolle Idee, sie mit der ebenfalls aus Rumänien stammenden jungen Pianistin Mihaela Ursuleasa und der ebensolchen moldavischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja zu einem Trio-(Lieder-)Abend zusammenzuspannen, führte musikalisch zu reichlich krausen Ergebnissen.
Was man in dieser Kombination aufführen kann? Offenbar alles. Leider. Ein wunschkonzertartiges Sammelsurium aus Barock, Klassik, Romantik, komplett mit Morgen (Strauss), Ständchen und Ave Maria (Schubert), fand seinen einsamen geschmacklichen Tiefpunkt in der draufgegebenen Hoffmann-Barcarole.
Die dazu nötigen Bearbeitungen, zum Teil notgedrungen befremdlich, zum Teil höchst originell und gelungen, wiesen vor allem Kopatchinskaja als eminente Musikerin aus: (Noch) nicht jeden Doppelgriff und jedes Flageolett darf man dabei auf die Goldwaage legen, aber wie sie Pizzicati lässig knallen lässt wie Popcorn, stets ganz auf Risiko spielt und dabei unbändige Lust versprüht, ist ein Ereignis an sich.
Ursuleasa ging dagegen voll auf in der Rolle der bescheidenen, virtuos-sicheren Fundamentgeberin. Die Duo-Nummern der beiden, de Fallas Suite populaire espagnole und einige Rumänische Tänze (Bartók), wurden zu den Höhepunkten des Abends. Gheorghiu, sich wandelnd von der Schutzmantelmadonna in Orange-Rosa zur volkstümlichen Diva im luftigen Abendkleid, mühte sich, Noten hin oder her, bedenklich bei Strauss und Schubert, blühte auf bei Rachmaninov und französischer Romantik, wurde schließlich geradezu locker bei folkloristischen rumänischen Edelschnulzen. Doch es half alles nichts: Der Liederabend ist gründlich misslungen. Ab in die Oper!
Anmerkung des Webmasters: Wie von den Künstlerinnen zu erfahren war, hatte Angela Gheorghiu die Programmidee und viele Arrangements von den Schellackaufnahmen, des berühmten Operntenors McCormack und seines Freundes Fritz Kreisler aus den Jahren 1914-24 (z.B. die Arrangements von Strauss, Schubert, Offenbach-Barcarole, etc. wiederveröffentlicht auf CD bei Pearl). Kreisler/McCormack füllten seinerzeit mit diesem Repertoire die grössten Konzertsäle. Gerade in Kreislers Wien sollte doch einer grossen Opernsängerin diese Demonstration einer "historischen Aufführungspraxis" hoch angerechnet werden, wenn damit auch bewusst riskiert wurde, dass veränderter Zeitgeschmack da und dort Kitsch wittere. So genommen war der Abend eine unerhörte und berührende Wiederentdeckung (s.a. >>Text zu Fritz Kreisler).
Interpretatorisches Feuer - Das Festival "Les Muséiques" zu Gast in der Fondation Beyeler
Siegfried Schibli in Basler Zeitung, 11.4.2005: ...Der jungen Geigerin Patricia Kopatchinskaja gelang eine hinreissende Wiedergabe der späten Debussy-Geigensonate, zu welcher Robert Kolinsky am Klavier mehr als nur den Klangteppich lieferte. Hier blitzte interpretatorisches Feuer auf...
Einsame Ereignisse
Michael Kunkel in Tages-Anzeiger (Zürich) 11.4.2005: ... finden sich im gleichen Programm mit Claude Debussys späten Sonaten ausschliesslich kompositorische Höchstleistungen. Hier kommen kompositorische und interpretatorische Qualitäten endlich in gute Balance: Die Sonaten für Violine bzw. Cello und Klavier mit Patricia Kopatchinskaja (Violine) und Leonard Elschenbroich (Cello) sind einsame Ereignisse in diesem Konzert...
Ohrenschmaus mit Power-Frauen - Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Cellistin Sol Gabetta bei "les muséiques" in Weil
Jürgen Scharf in Der Südkurier, 6.4.2005: Nach dem Auftakt im Basler Kunstmuseum setzte die vierte Auflage des trinationalen Musikfestivals "les muséiques" bei zwei Konzerten in Weil am Rhein spektakuläre Highlights. Der Titel der derzeitigen Ausstellung im dortigen Vitra Design Museum "Der Blick der Moderne" hätte genau so gut über diese beiden Konzerte in der "Fire Station" von Zaha Hadid auf dem Vitra-Gelände passen können.
Das Publikum strömte in das schnittige Gebäude der irakischen Avantgarde-Architektin, um zwei Jungstars, wie man sie sicher schon nennen kann, zu hören: die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die argentinische Cellistin Sol Gabetta, die bei Konzerten in der Region schon einige Male Furore machte. Das Damenduo gab im Feuerwehrhaus ein hinreißendes Konzert und dialogisierte aufs Schönste. Die beiden Musikerinnen becircten und bezauberten die Zuhörer durch ihren sensationell vitalen Auftritt mit einem überaus gestischen, temperamentvollen Musizierimpuls und expressivem Spiel. Da waren in Werken von Kodály und Ravel zwei mitreißende junge Powerfrauen am Werk: die Kopatchinskaja im samtroten Kleid mit kräftigem Bogenstrich, Sol Gabetta mit ihrem warm klingenden Cello.
Lauschende Stühle - Das Festival "Les Muséiques schwärmte aus nach Weil am Rhein ins Vitra-Museum
Klaus Schweizer in der Basler Zeitung vom 5.4.2005: Historische Sitzmöbel, im Hochregal aufgereiht, boten eine markante Kulisse für zwei Konzerte mit klassizistischer Moderne und recht unterschiedlichen Musikertemperamenten. Niccolò Paganini war es, der das Bild vom «Teufelsgeiger» prägte. Längst aber bevölkern Musikerinnen die Szene, die ihre Instrumente nicht nur verteufelt gut traktieren, sondern auch durch himmlische Beseeltheit und sinnliche Musizierlust zu betören wissen...
Da gab es die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Cellistin Sol Gabetta zu bewundern, zwei längst ganz oben angelangte phänomenale Vollblutmusikerinnen. Die beiden zum perfekten Team sich ergänzenden Damen gaben sich dem rhapsodischen Überschwang von Zoltán Kodálys frühem «Duo» in so gesteigertem Masse hin, als gehe es um tiefste (und nicht um etwas redselige und reichlich narzisstische) Herzensergiessungen. Danach aber liessen sie Maurice Ravels «Duosonate» in gläserner Transparenz erstehen, elegant und vom Geist der retrospektiven zwanziger Jahre getragen, dazu in jeder Phrase und Geste genauestens kontrolliert und durchgestaltet...
Engel gibt es immer wieder - Berg, Ravel und Schubert in Heidelberg
Eckhard Britsch im Mannheimer Morgen vom 26.3.2005: Es gibt Dinge, die sind einfach anrührend, und nur ausgemachte Zyniker - zum Beispiel Journalisten - könnten sich darüber mokieren: Als Patricia Kopatchinskaja nach ihrem Auftritt in Alban Bergs Violinkonzert zur Zugabe schritt und ein Wiegenlied dem in ihr werdenden Leben widmete, mögen so mancher mitfühlenden Seele die Tränen gekommen sein. Denn einer örtlichen Tageszeitung war zu entnehmen, dass die junge Geigerin, die auch noch Geburtstag hatte, im dritten Monat schwanger ist.
Dass da große Gefühle "dem Andenken eines Engels" gewidmet würden, schien naheliegend, denn das Schicksal der an Kinderlähmung so jung gestorbenen Manon Gropius, die den Komponisten zum gehaltvollsten Violinkonzert des 20. Jahrhunderts befeuert hatte, kann niemanden kalt lassen; wenn aber Patricia Kopatchinskaja ihre sehr persönlichen Gefühle auch noch so unter Kontrolle brachte, dass ihre Interpretation sowohl hoch musikalisch als auch außerordentlich sensibel und in filigraner Klanglichkeit aufblühte, war das eigentliche Mirakel des sechsten Sinfoniekonzerts in der Heidelberger Stadthalle perfekt.
Steffen Leißner, der sich in seiner Zeit als Detmolder Generalmusikdirektor am dortigen, trotz engster Finanzen ambitionierten Haus große Meriten erworben hat, dirigierte als Gast. Er realisierte mit dem sehr aufmerksam mitgehenden Heidelberger Philharmonischen Orchester (allenfalls die Holzbläser trugen für den Geigenton der Solistin etwas zu viel an Farbe auf) eine feinfühlige und dadurch intensive Deutung dieser Musik, in der die Solistin das Geben und Nehmen als hinreißend austarierte Balance von Einbettung in den Orchesterklang und solistischer Akzentuierung präsentierte. Dadurch wurden die impliziten Muster im Lebensweg dieser Manon - Beseeltheit, Koketterie, Aufbäumen gegen die unerbittliche Krankheit und Epitaph - geradezu bildhaft spürbar. Diese Wiedergabe exemplarisch zu nennen, ist sicher nicht übertrieben...Und der Ertrag des Abends? Das Weltkind in der Mitten, denn Engel gibt es immer wieder.
Phänomenales Duo - Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta begeisterten bei der zweiten Matinée im Kunstmuseum.
Kurt Heckendorn, Oltner Tagblatt, 22.3.2005: Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta sind sonst in den Konzertsälen der Welt zu Hause - oft mit den berühmtesten Orchestern und mit den grossen Dirigenten unserer Zeit. Eine wahre Sensation also, den zwei jungen Künstlerinnen im Rahmen einer Sonntagsmatinée in Olten zu begegnen. Auch wenn der intime Raum im Kunstmuseum leider nicht ganz ideal war.
Schon mit den ersten Takten von Zoltan Kodalys grossem Duo für Violine und Violoncello op.7 setzten Patricia Kopatchinskaja (Violine) und Sol Gabetta (Violoncello) - beide schon in jungen Jahren mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet - den Masstab: Expressiv, mit elementarer Kraft der Beginn des ersten Satzes (Allegro) und beseelt die lyrischen, weit ausschwingenden Melodiebögen. Die ganze Welt musikalischer Gestaltungsmöglichkeiten wurde dabei bis an ihre Grenzen ausgekostet. Lebendiges Musizieren, bei dem kein Takt ohne Spannung blieb; selbst Pausen wurden so zu spannungsvollen Ereignissen. Faszinierend der subtile Zwiegesang im anschliessenden Adagio, bei dem allerdings die feinsten Pianostellen durch die laute Lüftung in diesem Raum des Kunstmuseums empfindlich getrübt wurden. Perfekt im Zusammenspiel, mit höchster Virtuosität - für beide scheint es keine technischen Probleme zu geben - und mit unbändigem Temperament zum Schluss ein Presto, bei dem die Geigerin auch ihre Affinität zur Musik der ungarischen Zigeuner ausleben durfte.
Zeitgenössischer Schweizer Komponist: Als kleine Entspannung darauf die sechs musikalischen Skizzen "La fête au village", mit denen der zeitgenössische Schweizer Komponist Julien-Francois Zbinden in bunten Farben einen Sonntag auf dem Land schildert: Nach dem Erwachen an einem verschlafenen Morgen erklingen die schrägen Töne der Fanfare; ein etwas einfacher Syndic steigert sich in einer Ansprache zu einem rhetorischen Höhenflug, und die unterschiedlichsten Gefühle der Buben und Mädchen werden ironisch ausgebreitet, bis nach dem Eindunkeln der Abend mit einem fröhlichen Tanz ausklingt. Gewiss, keine weltbewegende Musik, aber wenn sie - wie hier durch Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta - mit so viel Witz, Charme und schauspielerischem Flair und Sinn für musikalische Komik dargeboten wird, ein ganz besonders Erlebnis und zudem eine köstliche musikalische Entdeckung.
Musikalisches Feuerwerk mit Ravel: Mit Maurice Ravels berühmter "Sonate pour violon et violoncelle" - im gleichen Jahr 1922 wie seine bekannte Instrumentierung Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" entstanden - nochmals neue Klänge. Über gebrochenen Akkorden des Cellos elegante weite Melodiebögen der Violine, oder im rhythmisch prägnanten 2. Satz- in dem sich die beiden Ausnahmekünstlerinnen ihre Einsätze förmlich zuspielten - reich differenzierte Pizzicati. Berührend von Sol Gabetta auf ihrem wunderbaren Instrument angestimmt der 3.Satz "Lent", in dem sich die beiden Stimmen kanonartig zu enem dichten Klanggewebe steigerten. Höchst lebendig und mit grösster Munterkeit - "Vif avec entrain" wie Ravel vorgibt - zum Schluss ein musikalisches Feuerwerk und ein Beispiel kammermusikalischen Zusammenspiels. Bravo!
Liebe Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta, bewahrt Euch Eure Spielfreude und Eure Faszination für die Wunder der Musik, und ihr werdet wie an dieser 2. Sonntagsmatinée im Kunstmuseum noch oft ein beglücktes Publikum zurücklassen.
Spannende Siebzigerjahre
Reinhard Kriechbaum, Salzburger Nachrichten, 16.2.2005: Spannende Siebzigerjahre, Wiener Aktionismus auch in der Musik. Otto M. Zykan ist heuer siebzig - eine Personale war also nahe liegend für das "projekt7siebzig" des Aspekte-Festival, das am Montag im Salzburger "SEAD" begonnen hat.
Was für eine Musikertruppe hatte man da beisammen! Patricia Kopatchinskaja (Violine) und Reto Bieri (Klarinette) hoben Zykans "Pat/Reto" aus der Taufe. Der Titel aus den Vornamen der Ur-Interpreten signalisiert, dass das geniale Stück zwei genialen Spielern auf die Finger geschrieben, aber auch für deren Lungen gedacht ist.
Ja, auch die Geigerin braucht ihre Lunge, denn "PasT/Rès/Tôt" kommt wie so viele Stücke Zykans eben nicht ohne Sprache aus. Nachdem sie einander in halsbrecherischen Tonkaskaden gehascht haben, schlägt die Stimmung um: "Ganz leise", lispelt die Geigerin zu ihren Flageoletts, die von der Klarinette nun sanft umgarnt werden. Es geht nicht ums Effekthascherische in diesem Stück. Otto M. Zykan, im Grunde ein "Traditionalist", formt aus gediegenem Kontrapunkt Ton-Erzählungen von hoher suggestiver Kraft.
Patricia Kopatchinskaja, die Musik mit dem ganzen Körper zu erleben und mitzuteilen scheint, hatte an dieser Wirkung nicht geringen Anteil. Mag sein, dass Zykan im Moment weit unterschätzt wird - als einer, der brillante und aussagekräftige Kammermusik zu schreiben versteht. Im Bewusstsein ist er dem Publikum doch für seinen Sprach-Dadaismus. "Zyklus für Streichquartett und anwesenden Komponisten" ist einer seiner Klassiker. Das Berner "Aria Quartett" spielte mit kompaktem Ton und ungebremster Musizierlaune.
Der Wortkünstler Zykan kam ausgiebig zu Wort, und seine "Unhöflichen Texte über mich und andere Komponisten" sagten wohl mehr, als es jeder Programmheftaufsatz über ihn berichten könnte. Von aberwitziger Bösartigkeit seine ironischen Ausführungen über Giacinto Scelsi. Auch Schönberg (einer, der "in Hinblick auf den Rückblick" komponierte) kommt nicht so gut weg, wie es sich aus politischer Korrektheit gehörte.
(Ausführlichere Fassung in Salzburgs Kulturzeitung im Internet http://www.drehpunktkultur.at/sites/txt05/0137.htm)
Kongeniale Solistin
Anna Mikka in Österreichische Musikzeitschrift 27.1.2005: Auf dem Konzertsektor (der Bregenzer Festspiele 2004) gab es klare Höhepunkte mit dem Gastspiel des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks /Mariss Jansons und dem Portraitkonzert der aus Dornbirn stammenden Komponistin Johanna Doderer, die mit der Uraufführung ihres klangopulent-suggestiven Violinkonzerts durch den Wiener ConcerVerein tief beeindruckte. Patricia Kopatchinskaja war die kongeniale Solistin.
Wenn sie nicht spielt, bevorzugt sie die Stille - Patricia Kopatchinskaja organisiert, übt und spielt
Bruno Zürcher in der Wochenzeitung für Emmental und Entlebuch 6.01.2005: Im Rüttihubelbad ging das gut dotierte Kammermusik-Festival in seine zweite Auflage. Im Zentrum und oft auf der Bühne stand die Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Sie ist schwer zu fassen: Erstens weil sich Patricia Kopatchinskaja am Kammermusik-Festival von vielen Seiten zeigt; zweitens weil sie den ganzen Tag organisiert, spielt und übt, und so kaum Zeit findet, um einem Journalisten Fragen zu beantworten.
Die drei internationalen Preise, die Patricia Kopatchinskaja seit dem Jahr 2000 gewonnen hat, öffneten ihr Türen grosser Bühnen. Sie war unter anderem Solistin mit den Wiener Philharmonikern und dem American Symphony Orchestra. Vergangenen Mittwoch stand Patricia Kopatchinskaja auf der Bühne im Rüttihubelbad und spielte auf ihrer Geige und als Schauspielerin. Die 27-Jährige verkörperte im Märchen «Die Geschichte vom Affen und dem goldenen Ball» die Prinzessin. Der Part der Schauspielerin dürfte für sie spannender gewesen sein als der musikalische. «So etwas zu spielen macht riesig Spass», meint sie und lacht, «Sonst müssen wir immer so ernst sein. Ich konnte die anderen Musiker schnell überzeugen. Alle wollten mal König, Zauberer oder Polizist spielen».
Wenn der Affe mit Tönen schiesst: Die Kinder sollen mit dem Märchen für die klassische Musik begeistert werden. Wie soll das gehen? Indem man die Vielseitigkeit der Musik aufzeigt: Der König gibt seine Befehle (auf dem Flügel) klar und unmissverständlich an den Polizisten weiter. Dieser versucht den Affen einzufangen, der den wertvollen goldenen Ball gestohlen hat. Doch dies gelingt dem Polizisten nicht, weil sich der Affe mit schrillen Klängen seiner Klarinette verteidigt.
Dann befiehlt der König, dass die Prinzessin Geige lernen muss. Doch der Prinzessin, die übrigens auf ihrer Kindergeige spielt, behagt die Geigerei überhaupt nicht. Ihr Lehrer hat seine liebe Mühe, um sie zu einer Tonleiter zu bewegen. Dementsprechend ächzend fallen die Töne aus zum Vergnügen der Kinder, die jede gelangweilte Geste der Prinzessin mit einem Lachen quittierten.
Übte sie in jungen Jahren gerne? «Ja, ich war von Beginn weg von der Geige begeistert. Ich wollte nie ein anderes Instrument spielen. Ich weiss, vielen anderen ging das nicht so», erzählt Patricia Kopatchinskaja, deren Eltern in ihrer Heimat Moldawien als Volksmusiker auftreten. Ihre Mutter spielt Geige, ihr Vater Cymbal (ein grosses Hackbrett).
Die Kinder lernen mit der Prinzessin die traurigen Moll-Töne kennen und das heitere Dur. Diese Töne erklingen, als die Prinzessin, nach einigem Üben, gemeinsam mit ihrem Lehrer für den König und die Königin zum Tanz aufspielt. Hat auch sie Musik für jede Lebenssituation? «Wenn ich nicht spiele, bevorzuge ich die Stille», sagt die Violinistin, «Ich konzentriere mich, was die Musik betrifft, ganz auf die Bühne. Meine Welt ist die Bühne».
Wie erlebt sie ihre Welt im abgelegenen Rüttihubelbad? «Wir sind eine grosse Familie; auch das Publikum. Viele besuchten das Festival bereits im vergangenen Jahr, bei der ersten Ausgabe», sagt Patricia Kopatchinskaja, die seit sechs Jahren in der Schweiz lebt und studiert. Es sei ein besonderes Festival, aus zweierlei Sicht: Die Musiker kennen sich und sind miteinander befreundet. «Normalerweise werden wir zusammengewürfelt. Es kann sein, dass ich mit jemandem spielen muss, denn ich ganz und gar nicht mag.» Zweitens spielen die Musikerinnen und Musiker Stücke, die sie selber interessant finden, was eine grosse Vielfalt garantiert, von Klassik bis hin zu zeitgenössischer Musik.
Die Interpreten stammen aus dem In- und Ausland. Sie kenne sehr viele Musiker, sagt Patricia Kopatchinskaja. «Manche haben auf ein finanziell lukrativeres Angebot verzichtet, um hier dabei zu sein.» Wie im vergangenen Jahr amtet die 27-Jährige als Koordinatorin des Festivals. «Beim ersten Festival habe ich sehr viele Erfahrungen gesammelt. Es war nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte. Dank den Sponsoren ist die finanzielle Situation in diesem Jahr besser. Und, alle helfen einander, die Zusammenarbeit klappt gut.»
"Aff, du hast den Ball gestohlen": Einander helfen, tun auch die Kinder im Märchen. Um den Affen einzufangen, kreisen sie ihn händehaltend ein. So können sie gemeinsam mit den Schauspielern den Räuber des goldenen Balls einfangen. Klar, dass die passende Musik nicht fehlen darf: «Aff, du hast den Ball gestohlen. Gib ihn wieder her! Gib ihn wieder her, sonst kommt Dich der».
Zwanzig Minuten später sitzt Patricia Kopatchinskaja wieder auf der Bühne des Konzertsaals; Gemeinsam mit zwei Violinisten, einem Cellisten und einem Pianisten. Hans Heinz Schneeberger dessen Konzert Patricia Kopatchinskaja als den Höhepunkt des Festivals bezeichnet verabschiedet sich von seinen Musikerkollegen: «Patricia, du bist der Geist des Festivals».
Dann gehts ans Üben für das abendliche Konzert. Das Lachen ist aus ihrem Gesicht verschwunden, sie hat die Schuhe ausgezogen und bespricht sich mit ihren geigenden Kollegen. Der Pianist gib nickend ein Zeichen, Musik erklingt in den leeren Saal. Nach einigen Takten unterbricht der Pianist unvermittelt: «Ihr müsst schärfer einsteigen!» Zweisprachig diskutieren die Musikerin und die Musiker. Zwei Helfer fragen, wann sie die Bühne für das Konzert herrichten sollen. «Fangt nur an, wir üben wohl bis zum Konzert», entgegnet Patricia Kopatchinskaja.
Die Geigerin findet das Rüttihubelbad einen romantischen Ort. Sie hofft, im nächsten Jahr wieder an diesen zurückkehren zu dürfen. Das Festival soll weitergehen, vielleicht sogar ein, zwei Tage länger dauern als bisher. Weitergehen soll auch das Märchen mit dem goldenen Ball «Wir haben schon Ideen, wie sich die Geschichte weiter entwickeln könnte».
Rüttihubelbad Fulminantes Kammermusik-Festival mit einem gelungenen Abschlusskonzert
Gundi Klemm in Berner Rundschau, Kirchberg vom 4.1.2005: In der Altjahreswoche stand das Rüttihubelbad im Zeichen von zwölf Kammermusik-Konzerten. Violonistin Patricia Kopatchinskaja als künstlerische Leiterin und Bart van Doom, Kulturbeauftragter der Institution, hatten ein fulminantes «Musikfestival mit Freunden» organisiert. "Wir erlebten eine Woche mit Super-Musik", schwärmte Bart van Doorn, Kulturrnanager der Stiftung Rüttihubelbad. Mit anhaltendem Applaus bestätigte das Publikum im ausverkauften Abschlusskonzert diese Beurteilung des zum zweiten Mal in der Altjahrswoche durchgeführrten Karnmermusikfestes. Auf Nachfrage betonten auch etliche Musikfreunde gern, wie vielfältig die zwölfteilige Programmgestaltung die Spanne von der klassischen bis zur zeitgenössischen Kammermusik berücksichtigt habe. An der Musikwoche im anthroposophischen Zentrum in Walkringen beteiligten sich unter dem Motto «Freunde spielen aus Freude» auch national-bekannte Instrumentalisten wie Hansheinz Schneeberger, Thomas Demenga, Bela Sledlak, Kaspar Zehnder und weitere.
Wie im Kaleidoskop: Das Abschluss- und Gönnerkonzert am Abend des 30. Dezember spiegelte die Spannweite der Kammermusik wie in einem Kaleidoskop. Zur Einstimmung erklang ein eher «brav» gespielter Mozart («Kegelstatt-Trio», komponiert 1786) mit dem famosen Klarinettisten Stephan Siegenthaler, Patricia Kopatchinskaja (Viola) und Konstantin Lifschitz am Flügel. Danach kam das Publikum in den Genuss einer Uraufführung. Ivan Sokolov, 1960 in Moskau geboren, hatte als diesjähriger «Composer in Residence» für die zweite Rüttihubeliade sein «Klavierquintett mit Kontrabass ad libitum» geschrieben. Das Werk, in dem Bela Sledlak von den «I Salonisti» den Part am Kontrabass gemeinsam mit vier Instrumentalisten und dem Komponisten am Klavier gestaltete, liess die erweiterten und gelegentlich sogar humorvollen Einfälle und Formen in moderner Musik erleben.
Bela Bartok mit seinem Streichquartett Nr.4 C-Dur reizte das Klangerlebnis danach bis in heftige Dissonanzen aus. Die vielen Elemente von Jazz bis Unterhaltung, von Ravel bis Strawinsky , die im «Contrabajissimo» des Argentiniers Astor Piazzolla, dem «Vater des neuen Tango», anklingen, aber auch die Vortragskunst des fiinfköpfigen Ensembles, rissen das Publikum zu begeistertem Beifall hin. Eine besondere Anerkennung galt der 26-jährigen Patricia Kopatchinskaja, die mit ihrem brillant-schwirrenden Violinton in internationalen Konzertsälen für grosse Beachtung sorgt. Keinesfalls festgelegt auf einen Musikstil wirkt sie als gewissenhafte Botschafterin auch für zeitgenössische Kompositionen.Geplant ist nach dieser laut Bart van Doorn «äusserst positiven Bilanz» schon die dritte Rüttihubeliade in der Altjahrswoche 2005. Als «Hauskomponist» sei Otto Zykan schon eingeladen.
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