«Das Mikrofon explodieren lassen»

Bericht und Interview von Oliver Meier in Berner Zeitung 9.10.2008: Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say: Seit drei Jahren arbeiten sie zusammen, treten auf in den Konzertsälen als symbiotisches Gespann, jung und widerborstig, gesegnet mit der Gabe, die Klassik vom Modergeruch zu befreien. Jetzt blicken sie uns an, auf dem Cover der CD: sie mit der teuren Violine in den Armen, er mit der Hand am Kragen seiner Konzertkluft. Wie Zwillinge, bei der Geburt getrennt. Wir denken an Kalkül – und reiben uns die Augen. Gibt es dieses Album wirklich?

Wider die Plattenindustrie
Patricia Kopatchinskaja (31) galt als letzte Mohikanerin, die sich beharrlich dagegen verwahrte, ihre Kunst auf CD zu bannen und industriell vervielfältigen zu lassen. Wortreich wandte sich die Wahlbernerin gegen die «mechanischen Reproduktionen, welche die Plattenindustrie als Musik verkaufen will». Nur im Konzertsaal, so ihr Credo, lebe die Musik – als Erlebnis im Moment.

Es war ein hehrer Grundsatz, der zur Kompromisslosigkeit passte, mit der sich Kopatchinskaja auf der Bühne präsentiert: stets mit Notenblatt, aber manchmal ohne Schuhe, mit dem Anspruch, die alten Meister neu zu erfinden und jedem Konzert die Aura einer Uraufführung zu verleihen. Klassik sei nicht da, um schön zu sein, sondern um das Leben zu reflektieren – mitsamt aller Hässlichkeit, allen Fehlern und Unwägbarkeiten, die hinter der glatten Politur von Studioaufnahmen verschwänden.

Ein Strauss von Sonaten
Und nun also das: ein erstes Studioalbum, eingespielt mit dem türkischen Starpianisten Fazil Say, ein Strauss voller Sonaten, ausgeschmückt mit rumänischen Volkstänzen von Béla Bartók. Das riecht nach Selbstverrat. Ob sich Patricia Kopatchinskaja untreu geworden ist? «Ein bisschen schon», meint die gebürtige Moldawierin. Doch Grundsätze könnten sich eben auch ändern: «Es gibt Frauen, die wollen nie ein Kind haben und sich nur um die Karriere kümmern. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo die Natur ihnen sagt: Du brauchst ein Kind, sonst bist du kein Mensch. Bei mir war das genauso. Zuerst kam das Kind, dann kam auch für mich als Interpretin der Wunsch, etwas Bleibendes zu hinterlassen.»

Die Einspielung sei für sie ein «faszinierendes Experiment», sagt Kopatchinskaja, aber auch ein «Kompromiss». Und sie macht keinen Hehl daraus, dass dieser auch dem Druck des Klassikbetriebs geschuldet ist: «Um weiterzukommen, muss man überall präsent sein und sich ausweisen können, in der Form einer CD. Das ist zwar pervers, aber ich habe verstanden, dass ich mir damit viel ersparen kann in meinem Job, der mit einer Familie so gut wie unvereinbar ist.»

Umso kompromissloser zeigte sie sich bei der Arbeit im Studio: Kaum vorbereitet beugte sie sich über die Werke, mit der edlen Absicht, «das Mikrofon explodieren zu lassen». «Ich habe versucht, so zu spielen wie im Konzertsaal, vor zweitausend Menschen. Die Aufnahme steht für einen Moment der Inspiration, und ich bin sehr froh, dass es sie gibt. Für mich ist etwas Einmaliges passiert im Studio, da sind zwei Vulkane aufeinandergetroffen.»

Schmutziger Beethoven
Wenn Kopatchinskaja über ihren Klavierpartner spricht, dann purzeln die Superlative. Fazil Say habe ihr neue Türen geöffnet, sagt sie. «Alles, was er spielt, ist im Moment erlebt. Man hat wirklich das Gefühl, dass er als Komponist am Klavier sitzt. Wenn ich mit ihm zusammenarbeite, sprechen wir gar nicht oder nur in Bildern: ‹Hier stelle ich mir eine Kutsche vor, da eine Kathedrale, die sich öffnet.›»

Das Resultat ist ein heilsamer Schock – gerade bei Beethoven, dessen Werke mit der posthumen Popularisierung viel von ihrer Radikalität eingebüsst haben. Seine «Kreutzer-Sonate» (1802) kommt heute oft so unverfänglich daher, als wäre sie für die Wellnessoase komponiert worden. Anders bei Kopatchinskaja und Say: So zart manche Stellen anmuten, sie schlagen immer wieder um in nackte Gewalt. Aufgewühlt klingt das Klavier, schneidend und schmutzig die Geige, selbst im heiteren Überschwang des Schlusssatzes. Öfters zuckt man zusammen, bangt um die Gesundheit der Saiten. Und am Ende ahnt man, weshalb ein Zeitgenosse Beethovens das Werk mit «artistischem Terrorismus» in Verbindung brachte.

Wenn schon, dann schon
Patricia Kopatchinskaja bleibt sich treu, auch wenn sie sich selbst verrät – das will sie der Welt vermitteln auf ihrer ersten CD. Die zweite folgt übers Jahr: Beethovens Violinkonzert, eingespielt mit dem Orchestre des Champs Elysées unter Philippe Herreweghe. Schon jetzt steht fest: Patricia Kopatchinskaja wird sich darauf nicht als Kampfgeigerin präsentieren, sondern als lieblich «Singende» – und damit wieder mal alle komplett verblüffen.